Ärzte Zeitung online, 22.09.2017
 

Schlafforschung

"Schlaf-Apps sind kontraproduktiv"

Schlafmangel macht krank, dumm und dick. Schlafforscher Jürgen Zulley wundert sich deshalb darüber, dass der Mittagsschlaf in Deutschland keinen höheren Stellenwert hat.

Von Irena Güttel

„Schlaf-Apps sind kontraproduktiv“

Wird die Qualität der Nachtruhe mit einer Handy-App kontrolliert, kann das zu zusätzlichem Stress führen.

© monkeybusinessimages/iStock

BREMEN.Schlaf ist immer ein Thema. "Hast Du gut geschlafen?" – das ist oft die erste Frage am Morgen. Auch in der Kunst sind Schlafende seit jeher ein beliebtes Motiv. Der Stellenwert von Schlaf sei kulturell oft ganz unterschiedlich, sagt der Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley.

Immer wieder macht er mit schlafbezogenen Forderungen auf sich aufmerksam. So steht der 71-Jährige der Sommerzeit kritisch gegenüber und fordert einen späteren Schulanfang. Zulley ist Professor für Biologische Psychologie an der Universität Regensburg. Bis zu seinem Ruhestand leitete er das Schlafmedizinische Zentrum am Universitäts- und Bezirksklinikum Regensburg.

In Asien sei es selbstverständlich, tagsüber zu schlafen, sagt Zulley. In Deutschland gelte der Mittagsschlaf eher als unproduktiv. Mythen und Wissenswertes im Überblick:

Wie ist es um unseren Schlaf bestellt? In Deutschland schlafen die Menschen ziemlich genau sieben Stunden, sagt Jürgen Zulley – "von 23.04 Uhr bis 6.18 Uhr mit einer Viertelstunde Einschlafzeit. Das haben wir in einer großen, repräsentativen Untersuchung festgestellt." Diese Schlafdauer sei seit sehr langer Zeit üblich. Die Dauer sage aber wenig über den Erholungswert des Schlafes.

Wann ist Schlaf erholsam?

"Auf jeden Fall nicht, wenn man abends vor dem Einschlafen noch am Smartphone und dem Tablet herumspielt", so Zulley. Die Anspannung reduziere die Schlafqualität. Nötig seien bestimmte Anteile von Schlafstadien in der Nacht: "Erholung bekommt man nur im Tiefschlaf. Den hat man immer nur in den ersten vier bis fünf Stunden. Wir sollten auch möglichst wenig längere Unterbrechungen des Schlafes haben und die persönliche Schlafdauer einhalten. Die hat man erreicht, wenn man sich am Tag überwiegend fit und ausgeschlafen fühlt."

Wieso ist es wichtig, gut zu schlafen? Schlaf ist ein aktiver Erholungsprozess, sagt der Experte. "Nach außen sieht es zwar wie ein Ruhezustand aus, ist es aber nicht!" Was die Hirnaktivität betreffe, sei der Mensch im Schlaf teilweise wacher als im Wachzustand. "Alle Prozesse, die für Regeneration sorgen, werden aktiviert. Nur im Tiefschlaf wird zum Beispiel ein Wachstumshormon ausgeschüttet, das für die Zellerneuerung und den Fettabbau sorgt. Und alles, was wir am Tag gelernt haben, wird in der Nacht abgespeichert."

Wer viel schläft, ist also gar nicht faul?

Das sei genau der große Irrtum, meint Zulley. Gesunder Schlaf sei eine Voraussetzung für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden. "Bei uns gilt Schlaf oft als etwas Negatives. Die Einstellung ändert sich aber langsam. Vor 30, 40 Jahren galt man noch als Penner, wenn man am Tage schlief." Der eigentlich wichtige Mittagsschlaf habe als unproduktiv gegolten. Im Zuge eines verstärkten Gesundheitsbewusstseins erhalte Schlaf nun aber zunehmend einen anderen Stellenwert.

Können Apps und Schlafmessgeräte unseren Schlaf optimieren?

Mit dererlei Programmen messe man nicht den Schlaf, sondern Bewegung. Daraus könne man nur grob schlussfolgern, wie lange und wie gut man geschlafen habe, betont Zulley: "Das Gerät kann nicht unterscheiden, ob man ruhig wach im Bett liegt oder sich im Tiefschlaf befindet. Ich halte diesen Hype für kontraproduktiv." Man wisse, dass eine Fixierung auf den Schlaf – wozu das ständige Kontrollieren zweifellos führe – das Risiko für Schlafstörungen erhöhe. "Und seinen Schlaf", sagt der Forscher, "kann man mit den Aufzeichnungen auch gar nicht verbessern." (dpa)

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