Ärzte Zeitung online, 13.10.2017
 

Panorama

Kleine Griffe, große Wirkung

Rollstuhl und Rollator bleiben am Boden, während der MS-Erkrankte die Kletterwand in die Höhe steigt: Das therapeutische Klettern macht es möglich. Teilnehmern gibt der Aufstieg in die Höhe Selbstbewusstsein – und oft ist der sportliche Reiz eine sinnvolle Ergänzung der Therapie.

Von Jana Kötter

FRANKFURT/MAIN. Christoph ist nicht allein. Die Ergotherapeutin Ute Biedermann klettert nah neben ihm, unterstützt den Körper des 23-Jährigen mit ihrem Knie. Seine Arme zittern, die Kraft lässt nach. "Kein Problem, mach eine Pause. Entspann dich", spricht sie ihm ruhig zu. Auch wenn Christoph erst wenige Meter an der Kletterwand geschafft hat, ist das für ihn ein großer Erfolg: Denn aufgrund einer Chromosom-Anomalie sitzt er seit der Geburt im Rollstuhl. Die regelmäßige Krankengymnastik wird seit Kurzem durch therapeutische Kletterstunden ergänzt.

Die Idee entstand im Urlaub

Ute Biedermann ist eine von vier Physio- und Ergotherapeuten, die in Frankfurt die "Klett(h)erapie" unterstützen. "Die Idee ist eher zufällig im Kletterurlaub entstanden", erzählt Monika Gruber. 2010 hat sie das Angebot in Frankfurt gemeinsam mit Wolfram Bleul und zwei Physiotherapeutinnen ins Leben gerufen. "Da habe ich damals in einer anderen Kletterhalle gesehen, wie Menschen mit physischen oder psychischen Einschränkungen mit erfahrenen Kletterern an die Kletterwand sind. Das hat mich beeindruckt, das wollte ich hier auch etablieren." Die heute 77-Jährige ist selbst seit Jahren begeisterte Kletterin – und hat damals zufällig Physiotherapeutin Christine Lellé getroffen, die das Konzept des Kletterns als ergänzendes Training für Menschen mit Behinderung 2002 entwickelte.

Heute bietet die Frankfurter Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) regelmäßig an zwei Standorten betreutes Klettern für Erwachsene und Kinder mit körperlichen Einschränkungen an, im vergangenen Jahr wurden 48 Termine organisiert. 59 Ehrenamtliche – Therapeuten, aber auch erfahrene Kletterer und Trainer – betreuen die Teilnehmer. Auch Organisationen wie Caritas, Lebenshilfe, Johanniter oder Förderschulen aus dem Rhein-Main-Gebiet kommen mit eigenen Gruppen zum Therapie unterstützenden Klettern. Pro Termin können dabei 14 bis 16 Teilnehmer klettern, die von neun bis zwölf Helfern betreut werden. Einige von ihnen klettern ganz nah von Therapeuten betreut, andere eigenständig.

So wie Peter Hartig. Er ist schon fast am Ende der 14 Meter hohen Kletterwand angelangt – "ohne Sauerstoff", scherzt der 65-Jährige. Hartig hat Multiple Sklerose (MS) und ist seit dreieinhalb Jahren Teil der Frankfurter Gruppe. "Mein Neurologe ist von meinen Fortschritten begeistert", berichtet er. Gerade beim Treppensteigen merke er deutlich, wie gut das Klettern tue. "Mein Oberkörper ist ohnehin noch stärker. Die Beine sind problematisch, es ist oft schwer, sie gezielt anzusteuern", erklärt er seine Beschwerden. Das wöchentliche Klettern helfe ihm. Musste er anfangs noch die steifen Beine mit Schwungbewegungen an der Wand austricksen, kommt er heute problemlos die Wand hoch. Sein Rollator ruht währenddessen etwas abseits.

Das unterstützende Training richtet sich prinzipiell an alle Menschen mit Handicap. Ein Großteil der Teilnehmer, erklärt Gruber, habe wie Peter Hartig Multiple Sklerose. Darüber hinaus kann das therapeutische Training bei Bewegungsstörungen nach einem Schlaganfall oder Parkinson, aber auch bei Konzentrationsschwäche oder Hyperaktivität bei Kindern oder Depressionen ein ergänzender Baustein zur Therapie sein. Ziele der Klettertherapie sind nicht nur die Verbesserung der Motorik, sondern auch Alltagsbewältigung und ein starkes Selbstbewusstsein.

Deswegen gehört auch das Sichern, Anlegen der Gurte und Sicherungsknoten – soweit es den Teilnehmern möglich ist – dazu. "Nur klettern, das gibt es bei uns nicht", sagt Gruber mit einem Lächeln. "Verantwortung für einen anderen zu übernehmen, auch das ist nämlich eine wichtige Erfahrung."

Weitere Infos unter:

www.dav-frankfurtmain.de

Die Klett(h)erapie

- 2010 wurde die Klett(h)erapie des Deutschen Alpenvereins (DAV) Frankfurt gegründet.

- Das Betreuerteam besteht aktuell aus 59 ehrenamtlichen Helfern, darunter vier Ergo- und Physiotherapeuten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Es kommt Schwung in die Entwicklung neuer Psychopharmaka

Bald könnte es einen Schub für die Entwicklung neuer Psychopharmaka geben. Denn Forscher finden immer mehr über die Entstehung psychischer Erkrankungen heraus. mehr »

Spielt Krebs eine Rolle beim plötzlichen Kindstod?

Ein plötzlicher Kindstod bei einer unbekannten neoplastischen Erkrankung ist selten, aber kommt vor. Das ist das Ergebnis einer britischen Studie. mehr »

Patienten sollen Verdacht auf Nebenwirkung melden

Alle europäischen Arzneimittelbehörden fordern in einer gemeinsamen Kampagne Patienten auf, ihnen verstärkt Verdachtsfälle von Nebenwirkungen zu melden. mehr »