Ärzte Zeitung online, 26.10.2017
 

Bevölkerungsstudie

Oma ist das beste Verhütungsmittel

Eine Oma im Haus, die umringt ist von vielen kleinen Kindern: Diese Bilderbuch-Romantik entspricht oft nicht der Wirklichkeit. Eine aktuelle Studie sagt aus: In Haushalten mit einer Großmutter gibt es weniger Kinder.

Von Valentin Frimmer

Oma ist das beste Verhütungsmittel

Liegt's an neugierigen Großmüttern? Lebt eine im Haushalt, gibt es dort weniger Kinder, so eine weltweite Bevölkerungsstudie. © Jenny Sturm / stock.adobe.com

WIEN. Frauen bekommen im Durchschnitt weniger Kinder, wenn ihre Mütter oder Schwiegermütter im selben Haushalt leben. Das hat eine Studie ergeben, die sich vor allem auf Daten aus Entwicklungsländern stützt. Ob die Großmütter die direkte Ursache für die geringere Kinderzahl sind, steht jedoch nicht fest.

Martin Fieder von der Universität Wien und zwei Kolleginnen hatten Daten von 2,5 Millionen verheirateten Frauen aus 14 Staaten analysiert. Sie präsentieren das Ergebnis im Fachmagazin "Royal Society Open Science".

Betreuung erleichtert Entscheidung

53 % der verheirateten Frauen im Irak leben mit ihrer Schwiegermutter im selben Haushalt.

Ergebnis: Die meisten Frauen leben nur mit ihrem Ehemann und ihren Kindern zusammen (Pakistan: 57,67 Prozent, USA: 97,11 Prozent). Nur im Irak lebt eine Mehrheit (53,15 Prozent) mit der Schwiegermutter im selben Haushalt. In allen untersuchten Ländern ist die Kinderzahl im Schnitt geringer, wenn eine Oma im selben Haushalt lebt.

Allerdings ist die Kinderanzahl am geringsten, wenn die Frau mit der eigenen Mutter zusammenlebt und nicht mit ihrer Schwiegermutter. Nur in Brasilien und Sambia ist es umgekehrt.

Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden verweist dagegen auf Studien, nach denen die Nähe von Großeltern in der Regel zu mehr Kindern führt. "Wenn eine gute Kinderbetreuung in Aussicht steht, fällt die Entscheidung für ein weiteres Kind leichter."

Er vermutet, dass in der aktuellen Studie zum einen Frauen statistisch erfasst wurden, die noch nicht aus dem elterlichen Haushalt ausgezogen waren.

Zum anderen könnte Armut eine wichtige Rolle spielen: Wenn die wirtschaftliche Situation einer Familie so schlecht ist, dass sie sich keinen eigenen Haushalt leisten kann, dann könnte dieser negative Effekt auf die Geburtenrate schwerer wiegen als die Möglichkeit der Kinderbetreuung.

Oma erhöht die Überlebenschance

Menschenkinder sind besonders lange von ihren Eltern, vor allem der Mutter, abhängig. "Es herrscht daher weitgehend Übereinstimmung, dass Hilfe für die Mutter ihre Fortpflanzungsleistung und das Überleben ihrer Kinder erhöht", schreibt das Team um Fieder.

Viele Anthropologen sehen die Hilfe von Großmüttern für ihre Töchter oder Schwiegertöchter als evolutionären Grund dafür an, dass sie auch nach dem Ende ihrer Fruchtbarkeit noch lange leben. Zahlreiche Studien zeigen, dass die aktive Hilfe von Großmüttern die Überlebenschancen ihrer Enkelkinder erhöht.

Die Wiener Anthropologen wollten nun wissen, ob sich die Nähe der Großmutter auf die Geburtenrate auswirkt. Sie nutzten dazu die weltweite Bevölkerungsdatenbank IPUMS International und werteten daraus Daten zu Frauen von 15 bis 34 Jahren aus: die Anzahl ihrer Kinder und ob sie mit ihrer Mutter oder Schwiegermutter in einem Haushalt leben. Auch der Bildungsabschluss der Frauen und ihrer Ehemänner oder ob sie Arbeit haben, wurde berücksichtigt.

Kommt es auf die Region an?

Die Forscher bieten verschiedene Erklärungsansätze für ihre Ergebnisse an: So könnte in Regionen mit einer Lebensmittelknappheit die Mutter oder Schwiegermutter als eine Person angesehen werden, die zusätzlich satt zu bekommen ist.

Womöglich leben Frauen, die mit Verwandten unter einem Dach leben müssen, ohnehin in ärmeren Verhältnissen als andere Frauen. Auch das Alter spielt eine Rolle: Je jünger die Frau ist, desto häufiger wohnt sie nach der Geburt ihrer Kinder noch mit ihrer Mutter oder Schwiegermutter zusammen.

Bei besonders jungen Großmüttern könnte auch die Fortpflanzungskonkurrenz von Belang sein. Wenn sie selbst noch Kinder bekommen können, möchten sie nach Vermutungen der Forscher möglicherweise eher ihr eigenes Kind großziehen als die Kinder ihrer Tochter oder Schwiegertochter.

Daten aus Deutschland standen den Autoren nicht zur Verfügung. Die Forscher schließen jedoch nicht aus, dass es in einigen Industrieländern eine andere Tendenz als in Entwicklungsländern gibt. So erwähnen sie auch Studien für Japan und Großbritannien, die einen positiven Effekt auf die Geburtenrate zeigen. (dpa)

[27.10.2017, 00:23:59]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Watt rennst' de denn so, Oma?" - "Ich muss nach Hause, Empfängnis verhüten!"???
ÄZ-Titel, Intro, Bild und Bildunterschrift im BILD-Zeitungs-Jargon gehören m.E. nicht in die Ärzte-Zeitung. Weder ist "Oma" ein "Verhütungsmittel", noch ist "Oma" eine korrekte Anrede!

Reichlich diskriminierend-tendenziös ist die Abbildung einer ebenso gepflegten wie neugierig-gestrengen Großmutter aus der gehobenen Schicht einer entwickelten Industriegesellschaft und die Frage: "Liegt's an neugierigen Großmüttern? Lebt eine im Haushalt, gibt es dort weniger Kinder, so eine weltweite Bevölkerungsstudie".

Unterschlagen wird dabei, dass es sich bei dieser Publikation: "Living with own or husband's mother in the household is associated with lower number of children: a cross-cultural analysis" von Susanne Huber, Patricia Zahourek, Martin Fieder
http://rsos.royalsocietypublishing.org/content/4/10/170544
im wesentlichen um eine Studie über 2. und 3. Welt-Länder handelt. Und n i c h t über anthropologisch-reproduktives Verhalten bereits postindustrieller Gesellschaften diskutiert wird, wo die Großeltern-Generation schon längst nicht mehr in derselben Behausung zugegen ist.

Interessant und entlarvend ist das bei Royal Society Open Science (openscience@royalsociety.org) öffentliche Peer-Review Verfahren: Ursprünglich sollte der Publikationstitel  über eine transkulturelle Analyse zwischen Österreich und Vietnam und dem Effekt von Schwiegermüttern auf die Anzahl der Enkelkinder lauten: 'Manuscript ID RSOS-160929 entitled "The effect of mothers-in-law on the number of grandchildren. A cross-cultural analysis between Austria and Vietnam" which you submitted to Royal Society Open Science'.

Die Gutachter lehnten diese Veröffentlichung rundweg ab. Eine Vergleichbarkeit ausgerechnet dieser beiden Länder erschien ungeignet, abwegig und nicht wissenschaftlich zielführend, so der Tenor
http://rsos.royalsocietypublishing.org/content/4/10/170544.reviewer-comments.pdf
Auch die schwache sprachliche Qualität und fehlende Aussage-Stringenz wurden moniert.

Doch wie von Zauberhand gelang es dem Autorenteam, für ihre Austria/Vietnam Daten dank IPUMS (s.u.) über 2 Millionen verheiratete Frauen im Alter zwischen 15 (?) und 34 Jahren aus 14 Ländern weltweit zu rekrutieren. Überraschenderweise waren dann aber weder Österreich noch Vietnam dabei ["by analysing census data of over two million married women aged between 15 and 34 years from 14 countries worldwide"].

Aber die Datenbasierungen der untersuchten Länder waren für wissenschaftliche Analysen völlig unbrauchbar und total veraltet: "Table 1.
Argentina 2001
Brazil 1991
Greece 2001
Indonesia 1990
Iraq 1997
Malawi 2008
Malaysia 1980
Pakistan 1973
Philippines 1990
Romania 2002
Sudan 2008
Thailand 1980
United States 1980
Zambia 2010".

Weitere, wesentliche Gesichtspunkte:

a) an keiner Stelle werden Ehemänner, Väter, Großväter bzw. Schwiegerväter erwähnt. Deren bio-psycho-sozialen Rollen bleiben nicht nur nebulös, sondern sie sind für diese transkulturell anthropologische Wiener Publikations-Schule bei Fragen von Anwesenheit im Haushalt und möglicher Beeinflussung von Reproduktion, Fertilität und Fortpflanzung eine "Quantité négléable"?

b) offensichtlich wurden hier nur Zufallsdaten aus zufällig verfügbaren Ländern ohne inneren, logischen Zusammenhang von 1973 bis 2010 in verschiedensten Richtungen gesammelt, welche das reproduktive Verhalten durch Anwesenheit bzw. Nicht-Anwesenheit von Großmüttern und/oder Schwiegermüttern über höhere oder niedrigere Kinderzahlen zu beschreiben versuchten. Die Ergebnisse sind logischerweise weitgehend inkonsistent.

c) besonders bedenklich stimmt, dass offensichtlich Frauen mit eigenen Kindern ab dem Alter von 15 Jahren in diese Studie international inkludiert wurden, bei denen auch dem einfältigsten Wiener Anthropologen klar sein müsste, dass diese bereits mit 14 Jahren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vom Kindesvater geschwängert wurden. Dass diese bei uns noch unter den Kinder- und Jugend-Schutz fallenden weiblichen Personen insbesondere in Dritte-Welt-Ländern Schutz und Hilfe auch vor reproduktiver, sexueller Ausbeutung suchen, indem sie weibliche Familienmitglieder in ihrer direkten Nähe haben wollen, liegt auf der Hand.

Ich bedaure zutiefst sagen zu müssen, dass dies mit Abstand die strunzdümmste und schamloseste Publikation ist, die ich je gelesen habe. Ich frage mich auch, wie dieses Peer-Review-Verfahren eine zuerst berechtigt abgelehnte und dann so stümperhaft umgearbeitete Veröffentlichung ["Published by the Royal Society under the terms of the Creative Commons Attribution License"]
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
durchgehen lassen und genehmigen konnte?

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Glossar:
Integrated Public Use Microdata Series (IPUMS) is the world's largest individual-level population database. IPUMS consists of microdata samples from United States (IPUMS-USA) and international (IPUMS-International) census records. The records are converted into a consistent format and made available to researchers through a web-based data dissemination system.
IPUMS is housed at the Minnesota Population Center, an interdisciplinary research center at the University of Minnesota, under the direction of Professor Steven Ruggles
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