Ärzte Zeitung online, 17.11.2017

Glatt und sexy

Körperhaarentfernung – eine Frage des Bildungsabschlusses?

Frauen und Männer in Deutschland entfernen zunehmend ihre Körperhaare. Eine Studie belegt: je höher der Bildungsabschluss, um so häufiger wird zum Rasierer gegriffen.

Von Sven Eichstädt

Körperhaarentfernung – eine Frage des Bildungsabschlusses?

Beine rasierten gehört für viele Männer zur Körperpflege.

© Getty Images/iStockphoto

LEIPZIG. Tätowierungen und das Entfernen von Körperhaaren werden bei Frauen und Männern in Deutschland immer beliebter. Das ergab eine Studie der Universität Leipzig, für die im Herbst 2016 in der Bundesrepublik 2510 Menschen im Alter von 14 bis 94 Jahren befragt worden waren. Die Ergebnisse dieser Befragung wurden verglichen mit Studien aus den Jahren 2003 und 2009.

Dabei wurde festgestellt, dass beide Geschlechter immer häufiger ihre Körperhaare entfernen. Rasieren, epilieren oder wachsen an den Beinen, in den Achselhöhlen und im Genitalbereich ist zur Körpernorm geworden. "Körper sollen heute möglichst jugendlich aussehen", sagt die Psychologin Ada Borkenhagen. Aber auch der normative Druck spiele eine Rolle. "Wenn sich der Großteil der eigenen sozialen Gruppe pierct, tätowiert oder rasiert, dann ist es schwerer, es nicht zu tun", fügt Borkenhagen an.

Genitalenthaarung im Trend

Das Entfernen von Körperhaar ist für in Deutschland lebende Frauen Teil der täglichen Körperpflege geworden: Mehr als 60 Prozent der Frauen entfernen regelmäßig die Achselhaare, 53 Prozent enthaaren regelmäßig die Beine und 43 Prozent den Intimbereich. Dabei wird das Enthaaren der Intimzone sowohl bei den Frauen wie den Männern immer beliebter.

Im Vergleich zu 2009 enthaaren in allen Altersgruppen deutlich mehr Frauen den Genitalbereich, wobei auch ältere Frauen zunehmend die Genitalenthaarung praktizieren: So ist die stärkste Zunahme der Genitalenthaarung um 26 Prozent bei den 45- bis 54-jährigen Frauen zu verzeichnen. Auch ein Viertel der Männer entfernt inzwischen regelmäßig die Achsel- und Intimbehaarung. Am häufigsten enthaaren Männer zwischen 25 und 34 Jahren den Genitalbereich (48 Prozent), gefolgt von den unter 25-Jährigen (40 Prozent) und den 35- bis 44-Jährigen mit 36 Prozent.

"Personen mit einem höheren Bildungsabschluss entfernen sich deutlich häufiger die Intimbehaarung als Personen ohne Abitur", sagt Borkenhagen. "Tattoos und Piercings sind eher ein Merkmal der unteren Schichten, Körperhaarentfernung ein Merkmal der Oberen."

Zu Tätowierungen ergab die Studie, dass inzwischen jeder fünfte Deutsche tätowiert ist und der Anteil weiter steigt. Die Lust dazu nimmt vor allem bei Frauen und älteren Menschen zu. Rund die Hälfte aller Frauen zwischen 25 und 34 Jahren ist tätowiert, das sind 19 Prozent mehr als im Jahr 2009.

In der Gruppe der Frauen im Alter von 35 bis 44 Jahren gibt es im Vergleich zu 2009 mittlerweile 15 Prozent mehr Frauen, die sich Tattoos haben stechen lassen. Die soziale Herkunft ist außerdem von Bedeutung. So haben Personen, die ein Tattoo tragen, häufiger einen geringeren Bildungsabschluss als Menschen ohne eine Tätowierung.

Piercings bleiben ebenfalls vorrangig Frauensache. Im Vergleich zu den Jahren 2003 und 2009 war 2016 eine kontinuierliche leichte Abnahme der Piercings bei den jungen Frauen zwischen 14 und 24 Jahren zu beobachten, während die Zahl der Piercings bei den jungen Männern gegenüber 2009 etwas angestiegen ist, nachdem es 2009 zu einer deutlichen Abnahme gegenüber 2003 gekommen war. Rund ein Drittel der Frauen zwischen 14 und 34 Jahren ist gepierct. Bei den gleichaltrigen Männern sind es 14,4 Prozent – das sind dennoch so viele wie noch niemals zuvor in dieser Altersgruppe. "Erwerbslose tragen deutlich häufiger ein oder mehrere Piercings", sagt Borkenhagen.

Raus aus der Schmuddelecke

War es früher vor allem die junge Generation, die sich mit Farben und Schmuck die Haut verschönerte, so sind Zeichnungen auf der Haut heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Elmar Brähler, emeritierter Professor für Psychologie an der Universität Leipzig, der gemeinsam mit Ada Borkenhagen die Studie verantwortet, sieht darin eine Werteverschiebung.

"Früher gehörten Tattoos und Piercings in die Schmuddelecke", sagt Brähler. "Seemänner und Prostituierte waren tätowiert. Heute gelten Menschen mit Körpermodifikationen als aufgeweckte, interessierte Menschen, die sich zu einer sozialen Gruppe bekennen", sagt Brähler. Psychologin Borkenhagen spricht auch von einem "Schönheitsmarkt". Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der Umgang mit dem eigenen Körper auch immer Ausdruck des gesellschaftlichen Wandels von Schönheitsidealen ist.

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