Ärzte Zeitung online, 27.12.2017

Chaos Computer Club

Digitalisierung zwischen Chance und Dystopie

Leipzig hat von Hamburg die Rolle als Hacker-Hauptstadt übernommen: Vier Tage lang werfen 15 000 Teilnehmer beim Chaos Communication Congress kritische Blicke auf Technik, Politik und Gesellschaft.

Digitalisierung zwischen Chance und Dystopie

Ein Teilnehmer des 34. Chaos Communication Congress (34c3) – dem größten Hackerkongress Europas – sitzt auf der Messe in Leipzig an seinem Laptop.

© Sebastian Willnow/dpa-Bildfunk

LEIPZIG. Wie kann man Technologien nutzen, um eine bessere Welt zu schaffen? Was wissen die sozialen Netzwerke über mich? Und wie funktioniert eigentlich die Abrechnung bei Stromtankstellen? Am Ende eines Jahres kommen regelmäßig Tausende Hacker und andere Technikliebhaber auf Einladung des Chaos Computer Clubs (CCC) zusammen, um über solche Fragen zu debattieren.

"Wir wollen nicht untätig daneben stehen, während die Digitalisierung im rasanten Tempo voranschreitet", erklärt CCC-Sprecher Linus Neumann am Mittwoch. Passend dazu lautet das diesjährige Motto "Tuwat", mit dem die Organisatoren an den Gründungsaufruf des Clubs von 1981 erinnern.

Mit Kapuzenpulli und Mate-Limo

Nachdem das Spektakel in den vergangenen fünf Jahren im Hamburger Congress Center stattfand, haben die Hacker nun in Leipzig eine neue Heimat gefunden. Das Gebäude in der Hansestadt wird saniert, zudem war der Kongress an die Kapazitätsgrenze gestoßen. Denn auch in diesem Jahr ist die viertägige Veranstaltung wieder gewachsen, um die 15.000 Teilnehmer strömten am Mittwochmorgen auf das Leipziger Messegelände. Viele tragen Kapuzenpulli. Das Getränk der Wahl: Mate-Limo.

"Wir finden, es ist der ideale Ort in der heutigen Zeit", sagt der Hacker und Medienkünstler Tim Pritlove zum Auftakt. Mit Blick auf die Montagsdemonstrationen vor dem Mauerfall 1989 erklärt er: Leipzig sei schon einmal Ort einer Revolution gegen ein System gewesen, das aus der Zeit gefallen war – und "in gewisser Hinsicht herrscht heute ja auch wieder gehobener Revolutionsbedarf".

Der CCC, der vor kritischen Auswirkungen der Digitalisierung ebenso warnt wie vor einer mangelhaften Umsetzung von Technik hat sich in disem Jahr u.a. die Datensicherheit von Stromtankstellen angeschaut. Die Abrechnung von Stromtankstellen für Elektroautos hat zum Beispiel Mathias Dalheimer vom Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik (ITWM) in Kaiserslautern eindrucksvoll analysiert. Er hat sich angeschaut, was auf den Chips der Ladekarten gespeichert ist: lediglich eine unverschlüsselte Nummer. "Sehr schlecht", rügt er.

Serviert wird an Infos, was der Nutzer bevorzugt

Ziemlich intelligent hingegen ist das, was soziale Medien mit den Daten ihrer Nutzer machen. Auf dem Kongress zeichnet der schottische Science-Fiction-Autor Charles Stross das düstere Szenario einer Zukunft, die von den Algorithmen, also Software-Schritten, von Facebook und Co beherrscht wird. Solche "Systeme der künstlichen Intelligenz erschweren soziale Veränderungen", kritisiert der Schriftsteller. Weil den Nutzern nur das vorgesetzt werde, was sie ohnehin bevorzugten. So werde ihnen auch nur das serviert, was ihre politische Meinung bestätige. Mit der Weiterentwicklung der Gesichtserkennung, wie sie von Apple betrieben wird, könnten Smartphones auch Stimmungen ihrer Nutzer einschätzen und darauf reagieren.

Netzaktivist Markus Beckedahl hat in diesem Zusammenhang vor den Risiken im Umgang mit Algorithmen gewarnt und eine bessere Kontrolle der Künstlichen Intelligenz gefordert. "Wir brauchen Regularien, um zu schauen, wie kriegen wir eine Nachvollziehbarkeit und eine demokratische Kontrolle von dem hin, wie Algorithmen eingesetzt werden", sagte der Gründer des Blogs Netzpolitik.org auf dem Kongress.

Gesundheitsdaten erfordern besondere Sensibilität

Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) habe neue Dimensionen erreicht. So gebe es Durchbrüche im maschinellen Lernen oder neue Daten- und Analysekapazitäten. Zugleich würden Algorithmen häufig in sensiblen Bereichen eingesetzt, etwa bei der Kreditvergabe oder im Gesundheitsbereich. "Es ist ein weites Feld: Gesundheitsalgorithmen muss man anders regulieren als Facebook-Algorithmen", erklärte der Blogger. (dpa)

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