Ärzte Zeitung online, 03.02.2018

Im Kampfgebiet

Syrische Ärzte helfen Syrern in Not

Die Organisation UOSSM vernetzt syrische Ärzte und Helfer aus aller Welt. Sie entwickeln Versorgungsstrukturen für die Menschen im Kriegsgebiet – und das nicht nur für Notfälle.

Von Christina Bauer

Syrische Ärzte helfen Syrern in Not

Im Einsatz für ein verletztes Kind: UOSSM-Ärzte im Kriegsgebiet.

© UOSSM

BERLIN/LEIPZIG. Allein in den vergangenen vier Wochen sind nach Zählung der Vereinten Nationen mehr als 233.000 Menschen im Nordwesten Syriens vor den vorrückenden Truppen des Diktators Baschar al-Assad geflüchtet. Im Dezember hat das Regime eine Großoffensive auf die Provinz Idlib gestartet, das letzte große von Aufständischen kontrollierte Gebiet Syriens. Rund 2,5 Millionen Menschen leben dort, fast jeder zweite ist ein Binnenflüchtling.

"Die Lage ist schrecklich", sagt Dr. Ayham Al-Zoebistellt. Er ist stellvertretender Vorstand von UOSSM Deutschland. UOSSM, die Union des Organisations de Secours et Soins Médicaux (UOSSM), ist ein Zusammenschluss syrischer Ärzte aus 13 Organisationen in acht Ländern. Sie wurde 2012 in Paris gegründet, um den Menschen in Syrien zu helfen, unabhängig von Religion, Ethnizität oder politischer Einstellung – so ihre Leitlinie.

Die Lage ist unübersichtlich

Al-Zoebi, selbst in Syrien geboren, zog schon als Zwölfjähriger mit seiner Familie weg. Er lebt seit 31 Jahren in Deutschland und arbeitet nahe Leipzig als niedergelassener Kardiologe. Gerade ist er von einem Fachkongress im türkischen Gaziantep zurück, wo er als UOSSM-Helfer die aktuelle Lage diskutiert.

Drei Gesundheitszentren haben sie inzwischen aus Idlib verlegt. Es ist Winter, die Hälfte der neu Geflüchteten sind Kinder. Al-Zoebi hofft, dass schnell mobile Kliniken eingesetzt werden können.

Die Lage wird unübersichtlicher, und es gibt neue Probleme. Seit Beginn des türkischen Angriffs auf die Kurden Mitte Januar ist der wichtige Grenzübergang bei Bab Al-Hawa geschlossen. Dort betreibt UOSSM seit 2012 die größte Klinik Nordsyriens.

Ärzte behandeln hier jeden Monat bis zu 10 000 Menschen, auch fachärztlich und intensivmedizinisch. Noch gibt es Arzneien und Hilfsmittel. "Die Vorräte werden bald verbraucht sein", warnt Al-Zoebi. Die Organisation beliefert neben mehreren eigenen Krankenhäusern landesweit noch 120 weitere Einrichtungen. Dass die Grenzen passierbar sind, ist dafür unerlässlich.

Der Bedarf ist enorm, über 13 Millionen Syrer benötigen humanitäre Hilfe. Ein Ende der Kriegshandlungen die so unendlich viele zivile Opfer fordern, ist immer noch nicht abzusehen. "Alles", antwortet Kerstin Kleinhaus auf die Frage, was die Menschen am meisten brauchen.

Sie ist Gesundheitsökonomin und Chief Operating Officer bei UOSSM Deutschland. Kurzfristige Hilfe ist wichtig, bestätigt sie. Aber mit der nächsten Mahlzeit, der nächsten Arznei, ist es nicht getan. Es geht auch darum, was in fünf, in zehn Jahren sein wird. "Wir sind Teil eines langfristigen Aufbaus des Gesundheitssystems", so Kleinhaus.

Die Organisation vernetzt sich mit den Menschen vor Ort, um Versorgungsstrukturen zu schaffen. Mehr als 2000 Gesundheitsfachkräfte in Syrien sind in diesem Netzwerk tätig. Etwa 150 Ärzte sind dabei, Sanitäter, Psychologen, Krankenschwestern, und andere.

Sie betreiben landesweit 17 Gesundheitszentren, wo es jeweils mindestens einen Allgemeinarzt, einen Psychotherapeuten, eine Krankenschwester und ein Labor gibt. Weitere 200 Zentren werden zusätzlich unterstützt.. "Die sind immer voll", berichtet Al-Zoebi. Etwa 2,2 Millionen Menschen wurden dort schon behandelt. Für Notfälle gibt es 25 Rettungswagen und sechs Notfallstationen.

Ständig in Lebensgefahr

UOSSM-Zahlen zufolge gibt es nur noch einen Arzt für 7000 Menschen im Land, 2010 war es einer für 800. Die Organisation schult in Syrien und der Türkei nach eigenen Angaben Pfleger, Krankenschwestern, Therapeuten und Gesundheitsmanager, bisher etwa 17 000.

Wie die verbliebenen Ärzte leben sie im Krisengebiet, oder reisen immer wieder dorthin. Wenn sie nicht handeln, sagen sie, dann tut niemand etwas. Operieren, Verbände anlegen, Medikamente geben, das können sie nur vor Ort. Alle wissen, dass sie ihr Leben verlieren könnten. Seit 2011 sind 732 Ärzte gestorben. "Gleich, in welcher NGO jemand arbeitet, sobald medizinische Fachkräfte in Syrien tätig sind, können sie angegriffen werden", konstatiert Kleinhaus. Und dass sie nicht viel machen können. Nur versuchen, nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, wenn es auf einmal wieder Bomben hagelt.

Es hat sich gezeigt, dass Kliniken in diesem Krieg nicht einmal vor vorsätzlicher Bombardierung sicher sind. "Es gibt Krankenhäuser, die 25 Mal nacheinander bombardiert wurden", berichtet Al-Zoebi. Die Helfer machen dennoch weiter. "Sie sind wirklich Helden", stellt der Arzt fest.

Immerhin haben sich informelle Frühwarn-Netzwerke entwickelt. Oft können die Menschen noch rechtzeitig Schutz suchen.

Neue Kliniken entstehen an möglichst geschützten Orten. UOSSM hilft allen und strebt für die Menschen eine gemeinsame Perspektive an, über die Grenzen etwa von Glauben oder Ethnien hinweg. Die Organisation finanziert ihre Arbeit durch Spenden.

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