Ärzte Zeitung online, 08.02.2018

Hypoxyphilie

Erstickungstod statt Super-Orgasmus

Bis zu 100 Menschen ersticken in Deutschland jährlich auf der Suche nach dem ganz besonderen Orgasmus. Ein Fall aus Hamburg hatte mit Scheiblettenkäse, Nylonstrumpfhose und Regenmantel zu tun.

Von Alexandra Stahl

Erstickungstod statt Super-Orgasmus

Auf der Suche nach dem immer größeren Kick: Wenn ein "normaler" Orgasmus nicht mehr ausreicht, begeben sich manche auf die Suche nach Alternativen, wie ein Höhepunkt unter Sauerstoffmangel.

© fenix_live / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

BERLIN. "Elektriker erwürgt sich in selbst gebautem Porno-Raumschiff" lautete die Schlagzeile der "Bild"-Zeitung. Ein Mann aus Hessen war kurz vor dem Jahreswechsel tot in seinem Hobbykeller gefunden worden – den Ermittlungen der Hanauer Staatsanwaltschaft zufolge erstickte er.

Der Mann sei am ganzen Körper und am Hals mit Ketten gefesselt gewesen, erklärte die Behörde. Man gehe von einem autoerotischen Todesfall aus – also einer tödlichen Selbstbefriedigung. Anhaltspunkte für fremde Gewalteinwirkung gebe es nicht. Laut "Bild"-Zeitung liefen noch Pornos, als der Mann gefunden wurde.

Lust durch Sauerstoffmangel, Hypoxyphilie genannt, ist laut dem Brandenburger Rechtsmediziner Harald Voß am häufigsten der Hintergrund bei autoerotischen Unfällen. Schätzungen zufolge gebe es ein bis zwei Fälle pro Million Einwohner in Deutschland im Jahr. Eine Zahl von 80-100 Fällen, die in Artikeln dazu oft auftauchen, sei daher realistisch.

Seltener Fall in der Rechtsmedizin

"Die Dunkelziffer ist ausgesprochen hoch, das ist ein sehr seltener Fall in der Rechtsmedizin", sagt Voß. In mehr als 30 Jahren habe er vielleicht fünf Fälle gehabt, erzählt der 59-jährige Rechtsmediziner, der in Frankfurt (Oder) arbeitet. "Wenn die Auffindesituation für die Polizei eindeutig ist, kommt das gar nicht zu uns."

Hinweise auf einen Unfall bei der Selbstbefriedigung seien zum Beispiel: ein entblößtes Geschlechtsteil, Pornobilder, ein Spiegel in der Nähe, Fesseln, die selbst angebracht worden sein können, Folientüten über dem Kopf – und wenn der Mensch alleine in einem geschlossenen Raum war und keinen Abschiedsbrief hinterlassen hat.

Angehörige, die die Leiche finden, räumten manchmal Dinge weg, weil die Scham so groß sei, berichtet Rechtsmediziner Voß. Dabei gehe es nicht immer nur um Hypoxyphilie. Eine alte Frau in Halle etwa habe mal ihren Sohn mit den Klemmen von Weihnachtsbaumlichtern an den Brustwarzen gefunden und die Lichter weggeräumt, bis der Notarzt gekommen sei.

Verbrennungen am Körper hätten Voß aber stutzig gemacht. Die Frau habe dann eingeräumt, wie sie den Mann vorfand. Er hatte versucht, sich durch Stromschläge zu stimulieren – zu viel für sein schwaches Herz, erzählt Voß.

Frauen sind vorsichtiger

Meist seien Männer die Opfer autoerotischer Todesfälle, sagt er. "Das gibt es auch bei Frauen, aber es kommt seltener zum Tod, weil Frauen offensichtlich vorsichtiger sind und nicht so viele Raffinessen einbauen."

Auch ein Todesfall aus Hamburg klingt bizarr: Ein Mann soll sich laut "Frankfurter Rundschau" mit Scheiblettenkäse belegt, eine Nylonstrumpfhose über den Oberkörper gezogen und einen Plastikregenmantel angezogen haben, in einen Taucheranzug gestiegen sein und sich dann mit einer Plastiktüte über dem Kopf vor die eingeschaltete Heizung gesetzt haben.

Aber niemand möchte doch so gefunden werden? "Die gehen ja nicht davon aus, dass sie sterben, natürlich möchte man so nicht gefunden werden", antwortet Voß. Das Risiko werde oft unterschätzt. "Dass man bewusstlos wird, geht schneller als die Leute denken. Wenn zum Beispiel beide Halsschlagadern abgepresst werden, dauert es maximal 30 Sekunden", sagt der Rechtsmediziner.

Zugleich sei der Reiz groß: Das Gefühl der Ohnmacht oder der Gefahr steigere sicher das Empfinden.

Was ist so reizvoll daran, sich die Luft abzuschnüren? "Man vermutet, dass Sauerstoffmangel euphorisierend wirkt und zusammen mit einem Orgasmus soll es absolut Wahnsinn sein", sagt Voß. Man gehe davon aus, dass es im Gehirn zu einem Dopaminschub komme, ähnlich wie bei einem Drogenrausch. Auch Jugendliche probierten die Praxis schon aus. Das Phänomen ziehe sich durch alle Altersgruppen.

Die Bandbreite der autoerotischen Praktiken ist groß: Neben Sauerstoffmangel und Stromschlägen spielt auch der Staubsauger eine Rolle. "Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern" lautete der Titel einer Dissertation des Urologen Michael Alschibaja Theimuras von 1978. Er geht von einer hohen Dunkelziffer aus. (dpa)

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