Ärzte Zeitung online, 17.02.2018

Hilfsangebote

Liebe überwindet geistige Behinderung

Eine Anlaufstelle in Mainz kümmert sich, wenn Menschen mit geistiger Behinderung wegen unerfüllter Sehnsucht nach Lust und Liebe das Herz schwer ist. Anfragen kommen aus ganz Deutschland. Trotzdem droht die Schließung.

Von Peter Zschunke

Liebe überwindet geistige Behinderung

Ein Hinweisschild informiert über die Arbeit der Beratungsstelle „Liebelle“ in Mainz.

© Peter Zschunke / dpa

MAINZ. Für Menschen mit einer geistigen Behinderung ist gesorgt: Familie und Sozialsystem kümmern sich um Unterkunft, Ernährung, auch um eine Arbeitsmöglichkeit. Vergessen wird oft die Sehnsucht nach Nähe, Partnerschaft und Sexualität. "Als ich auf Ferienfreizeiten von Menschen mit einer geistigen Behinderung auf intime Themen angesprochen wurde, war ich erst peinlich berührt", sagt Lotta Brodt. Die 32-jährige Sozialpädagogin arbeitet in der "Liebelle", in Mainz, einer Beratungsstelle zu geistiger Behinderung und Sexualität, die in dieser Form nach Angaben der Darmstädter Professorin Svenja Heck deutschlandweit einmalig ist.

Bei Fragen nach der Sexualität von geistig Behinderten sei sie oft ratlos gewesen, sagt Brodt. Sie ließ sich deswegen am Institut für Sexualpädagogik in Dortmund zusätzlich für diese Themen ausbilden. Seit dem Start der "Liebelle" im Mai 2015 hatte sie zusammen mit ihrem Kollegen Lennart Seip mehr als 200 Beratungstermine mit Behinderten, Angehörigen oder Fachkräften in Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung.

Angst vor der Trennung

Da gibt es etwa Sven, der nach dem Ende einer Freundschaft in die "Liebelle" kam und mit Seip sprach. "Es ging ihm sehr schlecht", erinnert sich der 33-jährige Berater. Der junge Mann berichtete, dass seine Beziehung gerade zu Ende gegangen sei. Eine klassische Form von Liebeskummer und Trennungsschmerz, vermutete Seip. "Aber diese Beziehung fand ausschließlich über soziale Medien statt, über das Schreiben und das Senden von Fotos." Das habe ihn im Verlauf des Gesprächs überrascht, weil er die Beziehung erst anders wahrgenommen habe. "Dies zeigt, welche enge Vorstellungen und Schubladen in Bezug auf Sexualität und Partnerschaft wir haben."

Liebe, Lust und Leidenschaft bei Menschen mit geistigen Behinderungen sind das Forschungsgebiet von Svenja Heck am Fachbereich Soziale Arbeit an der Hochschule Darmstadt. Sie sieht eine Hauptschwierigkeit dabei im "doppelten Tabu von Sexualität und geistiger Behinderung". Ein stimmiger Zugang dazu sei für alle Beteiligten schwierig, weil es sich um intime und sehr persönliche Fragen handle.

Eltern oder andere Angehörige sind auch für ihre erwachsenen Kinder mit geistiger Behinderung verantwortlich und setzen daher oft die Rahmenbedingungen, ob Sexualität gelebt werden kann. "Dabei sind Eltern oft ratlos", sagt Petra Hauschild vom Mainzer Unternehmen in.betrieb. Die gemeinnützige Gesellschaft gibt mehr als 630 Menschen mit Behinderung einen Zugang zu Bildung und Arbeit. Vor allem bei Töchtern sei die Sorge groß, dass es zu einer ungewollten Schwangerschaft kommen könnte. Und Sexualität werde von den Angehörigen vielfach als "Luxusproblem" betrachtet, um das man sich nicht auch noch kümmern könne, sagt Hauschild.

Immer wieder sexualisierte Gewalt

"Viele Frauen haben sexualisierte Gewalt erlebt, das kommt bei Frauen mit geistiger Behinderung bis zu vier Mal häufiger vor als sonst", sagt Brodt. Es gebe kaum eine Frau mit geistiger Behinderung, die noch nie einen Übergriff erlebt habe. "Da ist oft großer Gesprächsbedarf da. Ich versuche dann, die Frauen zu stärken und mit ihnen zu überlegen: Was machen wir jetzt daraus, wie kann sie eine Stärke daraus entwickeln?

Männer leiden wiederum häufig unter Zurückweisung und Diskriminierung aufgrund ihrer Behinderung, wenn sie sich in einen nichtbehinderten Menschen verlieben. "Schon bei einer ersten Kontaktaufnahme kann es dann zu Verletzungen kommen", sagt Seip.

Die Beratung läuft in der Regel so ab, dass in einem Erstgespräch die Situation und das besondere Anliegen betrachtet werden. Aus dem Feedback kann sich dann eine Beratungszusammenarbeit mit mehreren Folgegesprächen ergeben. "Wir bieten ein pädagogisches Angebot, kein therapeutisches", erklärt Seip.

Obwohl es nach Angaben von Petra Hauschild Anfragen aus ganz Deutschland gibt, bangt die "Liebelle" um ihre Zukunft. Die 70-prozentige Finanzierung durch die Förderorganisation Aktion Mensch – den Rest trägt in.betrieb – läuft nur noch bis April. "Es wäre ein Drama, wenn wir dieses erfolgreiche Projekt beenden müssten", sagt Hauschild. Die Berater lassen sich davon nicht unter Druck setzen. "Wir haben keine Zeit darüber nachzudenken", sagt Brodt. "Bis April sind wir mit Terminen voll."

Bundesweit einmalige Beratungsstelle

» 200 Termine für Beratungen haben seit dem Start der "Liebelle" im Mai 2015 in Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung stattgefunden.

» Eltern sind nach Erkenntnissen von Liebelle-Mitarbeitern bei diesem Thema meist völlig überfordert.

» Viele Frauen mit geistiger Behinderung haben sexualisierte Gewalt erlebt. Das kommt nach Angaben von Experten bei Frauen mit geistiger Behinderung bis zu vier Mal häufiger vor als bei Nichtbehinderten.

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