Ärzte Zeitung online, 17.03.2018

Forschung

Der tabuisierte Antreiber Neid

Neidgefühle werden in unserer Gesellschaft meist tabuisiert. Sie gehören zum menschlichen Leben dazu, lassen sich nicht abschalten. Und sie sind auch ein spannendes Forschungsfeld der Wissenschaft.

Von Susanne Werner

Der tabuisierte Antreiber Neid

Neidgefühle machen sich meistens an materiellen Gütern fest.

© Cora Müller / stock.adobe.com

Mit jedem Menschen kommt auch das Gefühl Neid neu auf die Welt. So erklärt es der Berliner Psychoanalytiker Eckehard Pioch. Neid ist eines der ersten Gefühle, das wir rund um die Geburt bewältigen müssen. Eben noch fühlte sich der Säugling geborgen im Mutterbauch, dann schreckt ihn die Getrenntheit und Abhängigkeit.

Die ersten Tage, Wochen, Monate unseres Lebens entscheiden mit darüber, ob wir unsere Ängste in den Griff bekommen oder unseren Schmerz bannen müssen, in dem wir das zerstören, was wir im Grunde begehren.

"Neid wirkt auf einer tiefen, unbewussten Ebene", sagt Pioch, der auch Vorsitzender des Psychoanalytischen Instituts Berlin (PaIB) ist. Er hat intensiv zum Neid geforscht und jüngst ein Buch dazu herausgegeben.

Ingo Focke, Eckehard Pioch, Sylvia Schulze (Hrsg.): Neid. Zwischen Sehnsucht und Zerstörung. Klett-Cotta 2017

ISBN: 978-3-608-96168-3

Verena Kast: Über sich hinauswachsen – Neid und Eifersucht als Chancen für die persönliche Entwicklung, Pattmos 2015

ISBN: 978-3-8436-0591-5

Rolf Haubl: Neidisch sind immer nur die anderen: Über die Unfähigkeit, zufrieden zu sein. Becksche Reihe 2009

ISBN 978-3-4065--9214-0

Schamvoller Neid

Neid zählt zu den am stärksten tabuisierten Gefühlen in der Gesellschaft. Denn wer anderen etwas neidet, fühlt oftmals auch Scham darüber, dass ihm etwas in seinem Leben nicht gelungen ist. Auf gesellschaftlicher Ebene lösen Reichtum und finanzielle Unabhängigkeit am häufigsten Neid aus. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) von 2013 hervor.

Jeder vierte Deutsche gab darin an, dass ihn insbesondere das Geld der anderen neidisch mache. Auf den weiteren Plätzen in der Neidauslöser-Skala folgen Reisen und Freizeitaktivitäten sowie Besitztümer wie Haus, Autos oder Yacht. Fast zwei Drittel (61,8 Prozent) der Befragten gaben in der Studie an, zumindest gelegentlich neidisch auf bestimmte Vorteile anderer Menschen zu sein.

Auch wenn sich Neidgefühle vorwiegend an materiellen Gütern festmachen, stehen sie stellvertretend für innerpsychische Zustände wie etwa für Anerkennung, Zufriedenheit, Glück. Im therapeutischen Kontext zeige sich der Neid, so Pioch, beispielsweise auch im Abwerten von Hilfen. "Der Therapeut ist derjenige, der etwas zu geben hat. Dies kann ein unerträgliches Gefühl des Angewiesen-Seins auslösen, das der Patient abtut, um seinen Schmerz nicht zu spüren", sagt er.

Professor Rolf Haubl sieht Neid als eine Folge des sozialen Vergleichs. Wer dabei schlechter abschneidet, will die Verteilung der Gewinne nicht hinnehmen.

Radikale Ansichten

Der ehemalige Professor für Soziologie und Sozialpsychologe an der Uni Frankfurt am Main hat die Neidgefühle der Deutschen in mehreren Studien erforscht. Was Neid auslöst, ist demnach abhängig von der Kultur und dem Umfeld. Während in früheren Zeiten Kinderreichtum neidische Blicke hervorrief, werde dies heutzutage eher misstrauisch beäugt.

Aktuell zeige sich Neid beispielsweise auch darin, dass Bürger der Regierung unterstellten, sie würde die in Deutschland Zuflucht suchenden Menschen "zu sehr pampern". Die eigene Angst, selbst auf der Strecke zu bleiben, werde so gebannt durch aggressive, radikal-vertretene Ansichten.

Ob der Neid in der Gesellschaft zugenommen habe, lasse sich, so Haubl, nicht sagen, wohl aber sei die "Sprengkraft des Gefühls" gestiegen.

Diese Einschätzung legen auch die Studien des Konfliktforschers Andreas Zick von der Universität Bielefeld nahe, der die Deutschen 2016 zu ihren Einstellungen und Überzeugungen befragt hat. Nahezu jeder fünfte Deutsche räumt darin ein, eine undifferenzierte, kollektive Wut auf Einwanderung zu empfinden. Jeder Zweite in der Mitte der Gesellschaft gibt offen zu, Vorurteile gegenüber Flüchtlingen und Asylsuchenden zu haben. 2014 lag der Wert noch bei 44 Prozent. Die Gemengelage aus Vorurteilen und Abwertungen nennt Konfliktforscher Zick "das Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit".

In seinen Studien gab ein beträchtlicher Teil der Gesellschaft – 17 Prozent der rechtspopulistisch Gesinnten und neun Prozent der gesellschaftlichen Mitte – an, Gewalttaten billigend in Kauf zu nehmen. Jeder fünfte Rechtspopulist und jeder siebte Bürger aus der Mitte erklären, sogar selbst zu Gewalttaten bereit zu sein. "Menschen mit radikalen Ansichten gibt es in Deutschland nicht mehr nur am Rande, sondern oft auch in der Mitte der Gesellschaft", sagte Zick bei einer Veranstaltung der Deutschen Psychotherapeutischen Vereinigung (DPtV) Ende 2017 in Berlin.

Seiner Ansicht nach habe sich die "Ideologie der Ungleichwertigkeit" nicht erst ausgebildet, als 2015 Tausende Frauen, Männer und Kinder aus den Kriegsgebieten in Europa Schutz suchten. Nährboden hierfür sei vielmehr ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Demokratie, das sich in Deutschland in den Jahren zuvor und trotz eines steigenden Wohlstands ausgeprägt hat.

Eine Kombination an Deutungen

Gefährlich werde es, so Zick, wenn der Einzelne seine individuelle Sorge mit der Mutmaßung verknüpft, dass der Staat die Kontrolle verloren habe. Diese Kombination an Deutungen befördert, dass sich die Vorurteile verhärten. Radikale Ansichten bilden sich aus und das eigene autoritäre und hierarchische Denken wird erst gar nicht infrage gestellt. Menschen mit diesen Ansichten – egal ob am Rand oder in der Mitte – erwarten, dass der Staat sie umsorgt und bangen, jetzt zu kurz zu kommen.

Doch von Neidgefühlen völlig frei zu sein, ist eine Illusion – nicht nur auf persönlicher, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. "Unser Wirtschaftssystem würde dann gar nicht funktionieren", sagt Sozialpsychologe Haubl. Schließlich sei das unangenehme Gefühl ein ehrgeiziger Antreiber für mehr Konsum – das schicke Auto, die tollen Sneaker, das neueste Handy, der größte Flachbildschirm.

Unzufriedenheit und Argwohn

Wer Anstrengungen auf sich nimmt, erwartet in unserer Gesellschaft belohnt zu werden. Wenn jedoch die Einkünfte der eigenen Arbeit nicht mehr ausreichen, die fortlaufend stimulierten Konsumbedürfnisse zu befriedigen, wächst Unzufriedenheit und Argwohn in der Gesellschaft. Rolf Haubl ist überzeugt, dass die Gesellschaft künftig über bestimmte Themen neu nachdenken und verhandeln müsse.

Zum Beispiel, was unter einer "Leistung" zu verstehen ist: "Ist die Arbeit eines Bankers höher zu bewerten als die einer Pflegefachkraft?" Auch gehe es um ein neues Verständnis darüber, wie solidarisch das Miteinander zu gestalten ist: Wird es allgemein befürwortet, jene Menschen zu unterstützen, die in der modernen Gesellschaft nicht mehr mitkommen?

Der Psychoanalytiker Pioch warnt davor, Neidgefühle in der Gesellschaft ausschließlich mit der Verteilung von finanziellen, staatlichen Hilfen zu verknüpfen. "Neidische Menschen fühlen sich auf eine quälende Weise abhängig. Sie erkennen, dass es etwas gibt, was sie sich selbst nicht geben können", sagt Pioch. Deren Zufriedenheit lasse sich mit Geld nur bis zu einem bestimmten Grad steigern.

Daher gehe es beim neidischen Blick auf die Geflüchteten auch um deren Kompetenzen: "Der Neid bezieht sich auf die Mobilität, Flexibilität, Sprachenvielfalt und den Mut der Flüchtlinge, sich an einem anderen Ort ein neues Leben aufbauen zu wollen. Die Neider hingegen bleiben selbst an ihrem Heimatort verwurzelt und versuchen, an alten Zeiten festzuhalten", sagt er.

Triebkraft des islamistischen Terrors

Neidgefühle werden jedoch nicht nur in extremen Milieus Deutschlands gepflegt und angefeuert, sondern sind, so Pioch, beispielsweise auch eine Triebkraft des islamistischen Terrors. "Viele Attentäter waren zuvor sehr westlich orientiert und wollten sich hier ein Leben aufbauen. Durch einen Terroranschlag haben sie dann das zerstört, was sie zuerst neidisch begehrt haben", sagt Pioch.

Die Integration von geflüchteten Menschen erfordere daher auch, dass die deutsche Gesellschaft lerne, sich die eigenen Neidgefühle bewusst zu machen und Unterschiede untereinander zu tolerieren. Nur wer eine Frusttoleranz entwickle und sich ausreichend befriedigt fühle, könne die Unterschiede in der Gesellschaft aushalten und müsse das unangenehme Gefühl nicht über Aggressionen ausagieren.

Pioch ist überzeugt, dass der direkte und persönliche Austausch in unterschiedlichen Gruppen das Potenzial hat, verhärtete Meinungen wieder zu befrieden. "Neid darf in der Gesellschaft nicht weiter tabuisiert werden, sondern sollte beispielsweise in größeren Dialog-Runden thematisiert und bewusst gemacht werden", empfiehlt er.

Appell an Psychotherapeuten

Konfliktforscher Andreas Zick hingegen sieht auch die Psychotherapeuten in der Pflicht, sich mit ihrer Kompetenz verstärkt anzubieten. "Es ist nötig, dass Psychotherapeuten künftig aufsuchend arbeiten und dort vor Ort sind, wo sich Menschen mit radikalen Einstellungen zusammenfinden", sagte Zick in Berlin.

Der Berufsgruppe empfahl er auch, politischer zu werden und den Wert ihrer eignen Arbeit herauszustreichen: "Die Krankenversicherungen müssen wissen, dass die Arbeit der Therapeuten dann Kosten dämpft, wenn sie frühzeitig eingesetzt werden." Oft nämlich könnten die Kostenträger nicht einschätzen, wie wichtig eine gute, psycho-sozialen Versorgung für die Gesellschaft ist.

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[19.03.2018, 14:48:21]
Dr.med. Elisabeth Grunwald 
Häufiger Neid setzt ja auch voraus
dass der Betroffene in seiner Vorgeschichte schon öfter der Meinung war, er sei zu kurz gekommen, warum auch immer.
In einer Geschwisterreihe dürfte z.B. das älteste Kind eher seltener Neidgefühle entwickeln. Es fühlt sich verantwortlich für die jüngeren Geschwister und ihr Wohlergehen ist ihm wichtig. Das überträgt sich auch auf die Menschen, die es zukünftig trifft.
Auch Menschen die ingesamt mit sich und der Welt zufrieden sind, gönnen allen anderen auch was.
Habe auch den Eindruck, dass Kinder die in einer Familie aufwachsen in der sie wissen, dass ihre Interessen soweit als möglich berücksichtigt werden, ja sogar Kinder die verwöhnt werden, später entspannt sehen, wenn andere auch mal was mehr haben.
Kenne im Gegensatz dazu nicht zu wenig Leute, die schon seit der Kindheit das Gefühl haben, benachteiligt worden zu sein, sei es durch restriktive Eltern oder tatsächlich materielle Mängel, von diesem Eindruck nicht mehr runterkommen und ständig jedem alles neiden. Das ist nachvollziehbar aber kontraproduktiv für die Betroffenen, die dann auch nicht mehr unterscheiden können ob die gefühlte Misere selbstgemacht ist und ständig nach einem Schuldigen suchen (Politik, KV, Chef, Nachbar, Flüchtlinge etc.)
Sehe deshalb auch kein Problem darin, Kinder nicht nur zu lieben sondern auch auch im Rahmen des Möglichen mal zu verwöhnen. Sie werden es später danken indem sie großzügig zu anderen sind.  zum Beitrag »

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