Ärzte Zeitung, 13.04.2018

Pferde-Klinik

Rasputin wird bestrahlt

Strahlentherapien kommen im Kampf gegen Krebs auch bei Pferden zum Einsatz. In Hessen hat ein neues Onkologisches Tiermedizin-Zentrum eröffnet. Es ist das einzige bundesweit mit einen Linearbeschleuniger für die Behandlung von Pferden. Ob die Methode ihr Geld wert ist?

Von Jörn Perske

Rasputin wird bestrahlt

Der 28 Jahre alte Rasputin, ein Norweger-Pferd, liegt zur Strahlenbehandlung in Linsengericht.

© Frank Rumpenhorst/dpa

LINSENGERICHT. Nach der Behandlung, die ihm das Leben retten soll, ist Rasputin noch etwas benommen. Mit nachlassender Narkose kommt der 28 Jahre alte Wallach wieder auf die Beine. Etwas staksig, aber er steht und schüttelt sich. Tierärztin Janine Brunner (32) schaut zufrieden in die gepolsterte Aufwach-Box und sagt: "Er hat's gut überstanden. Ich bin überzeugt, wir konnten ihm helfen." Rasputin leidet unter einem Krebstumor am Schlauch – dem Penis des Pferdes.

"Eine Strahlentherapie war die einzige Möglichkeit für ihn", erklärt Pferdebesitzerin Stefanie Lobbe (31) aus Nordrhein-Westfalen. Die Bürokauffrau hat ihr geliebtes Freizeit-Pferd dafür nach Hessen in die Gemeinde Linsengericht gebracht.

Im internationalen Vergleich vorn

Dort gibt es seit einigen Monaten ein neues Onkologisches Zentrum für Veterinärmedizin, in dem auch modernste Technologien und Verfahren aus der Humanmedizin eingesetzt werden. Es ist nach Betreiber-Angaben eine deutschlandweit einmalige Strahlenklinik für krebskranke Pferde. "Etwas Vergleichbares gibt es erst wieder in England und den USA", sagt Inhaber Tim Kowalewski (50), studierter Ingenieur und Inhaber der Equinox Healthcare GmbH. Die Pferdeklinik der Universität Gießen bestätigte das Alleinstellungsmerkmal.

Kowalewski hat früher Bestrahlungsgeräte verkauft und die "Marktlücke" erkannt – angesichts von 1,2 Millionen Pferden allein in Deutschland. Mit der Unterstützung von Investoren hat er für sieben Millionen Euro die Klinik nahe der Autobahn 66 östlich von Frankfurt bauen lassen. Auf die Idee kam Kowalewski, als er nach einer Strahlentherapie für das krebskranke Pferd seiner Frau suchte – "aber es gab auf dem europäischen Festland nichts", was dem Tier wirklich helfen konnte. Nun behandelt Kowalewskis Team Tiere fast aller Größen: "Vom zwei Kilogramm leichten Kaninchen bis zum 950 Kilogramm schweren Kaltblut-Pferd können wir alles punktgenau und schonend bestrahlen."

Risikoreiche Vollnarkose

Doch nicht alle Veterinärmediziner sind so euphorisch. Der Münchner Tierarzt Ulrich Wendlberger etwa hält die Methode mit Vollnarkose und Linearbeschleuniger für überdimensioniert. Und auch Professor Michael Röcken von der Pferde-Klinik an der Universität Gießen gibt kritisch zu bedenken: Es könnten nicht alle Tumorarten bestrahlt werden. Und um die Erfolgsaussichten zu bewerten, fehle noch Datenmaterial. Vollnarkosen seien für die Pferde auch risikoreich. Sie könnten sich in der Aufwachphase die Gliedmaßen brechen. Die Klinik in Linsengericht versichert, alles zur Reduzierung der Narkose-Risiken zu tun. "In der kurzen Zeit seit der Inbetriebnahme können wir auf über 200 erfolgreiche Narkosen zurückblicken", sagt der Klinik-Chef.

Kosten bis zu 4000 Euro

Behandlungen in Linsengericht haben überdies ihren Preis. Bei Kleintieren wie Hunden und Katzen betragen die Kosten je nach Aufwand zwischen 600 und 2000 Euro; bei Pferden kostet das Komplettpaket mit mehrtägiger Unterbringung zwischen 1500 und 4000 Euro. Stefanie Lobbe, die Besitzerin von Fjordpferd Rasputin, hat glücklicherweise eine Versicherung für Tier-Operationen abgeschlossen. So muss sie sich wegen der Rechnung keine großen Sorgen machen.

Rasputin bekommt in seinem Behandlungszyklus sechs Bestrahlungen. Um den Norweger für die Radiotherapie vorzubereiten sind mehr als ein halbes Dutzend Helfer und Helferinnen nötig. Rasputin wird zunächst per Injektion sediert. Leicht benebelt wird er in die Behandlungshalle geführt. Nachdem er dort die Narkose bekommen hat, hält es ihn nicht mehr auf den Beinen. Seine Vorder- und Hinterläufe werden zusammengebunden. Mit einem Lastenkran unter der Decke wird er auf den OP-Tisch transportiert– knapp 500 Kilogramm Pferd schweben durch die Halle. Der OP-Tisch wird unter den Linearbeschleuniger gefahren. Dort wird der Tumor bestrahlt. Danach wird Rasputin unter Aufsicht des Personals in seine Aufwach-Box gebracht.

Gute Heilungschancen

Behandelt werden auch teure Sportpferde. "Wir hatten auch schon eines der besten Rennpferde Frankreichs hier, das Millionen Euro für seine Besitzer verdient hat", sagt Tierärztin Brunner. Etwa 70 Prozent der therapierten Pferde dienen nur dem Freizeitspaß. "Die Besitzer – egal ob für Hund, Katze oder Pferd – sind zunehmend bereit, mitunter auch hohe Summe für die Behandlung zu investieren."

Mit den Fortschritten in der Medizin steigen auch die Heilungschancen für die Tiere. Bei an Krebs erkrankten Katzen liegen die Chancen – je nach Tumor– bei 94 Prozent, wie Brunner sagt. Erfolgsaussichten für Pferde seien noch nicht gesichert zu beantworten. Die Datenbasis sei zu gering, erklärt Brunner, die zuvor an der Uni Gießen arbeitete. Die Therapie für krebskranke Tiere hat für Brunner auch Grenzen. "Es darf nicht nach der Devise gehen: Es wird behandelt, was der Geldbeutel hergibt. Es muss ethisch verantwortbar sein." Das Wichtigste sei, dass die Tiere nicht leiden. "Wirtschaftliche Interessen rücken da in den Hintergrund."

Stefanie Lobbe, Besitzerin von Rasputin, wird in etwa acht bis zehn Wochen wissen, wie die Strahlentherapie mit dem Linearbeschleuniger auf ihr Pferd gewirkt hat. Dann habe sie aussagekräftige Ergebnisse.

70% der therapierten Pferde dienen nur dem Freizeitspaß. Die Besitzer sind zunehmend bereit, auch hohe Summen für die Behandlung zu investieren.

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