Ärzte Zeitung online, 27.06.2018

Schlafen beim Zuhören

Neuseelands Schlafradio lässt Zuhörer wegnicken

Die meisten Radiosender wollen ihre Hörer unterhalten und benutzen aufmerksamkeitsheischende Effekte. Anders ein Neuseeländer: Seine Hörer sollen schnellstmöglich chillen – und einschlafen.

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John Watson, Radio-Moderator vom neuseeländischen „Sleep Radio“.

© John Watson/privat/dpa

WELLINGTON. Es begann alles mit durchwachten Nächten, endlosem Hin- und Herwälzen im Bett und anschließenden "Zombie"-Tagen ohne Kraft und Antrieb. Der 62-jährige John Watson litt im Zuge einer klinischen Depression an Schlaflosigkeit und musste 2012 seinen Job bei den neuseeländischen Streitkräften nach mehr als 30 Jahren Zugehörigkeit aufgeben. Doch das war zugleich der Beginn seiner zweiten Karriere: als Radio-DJ für Schlaflose seines eigenen, nicht profitorientierten "Sleep Radio".

Von seinem ländlichen Heimatort Te Aroha auf Neuseelands Nordinsel sendet Watson seit nunmehr vier Jahren über eine kostenlose Handy-App sowie über verschiedene Internet-Plattformen seine Schlummermusik in alle Welt: Seine Hörer kommen vor allem aus den USA, Kanada und Neuseeland. Doch auch von Afghanistan bis zur Antarktis hätten sich Interessenten bereits zugeschaltet, hat Watson beobachtet.

Noch kein deutscher Sender

Dem Verband Privater Medien in Deutschland ist hierzulande kein Schlafradio im Stil von John Watson bekannt, aber immerhin: Seit 2010 produziert Tobias Baier im niedersächsischen Kakenstorf einen Einschlaf-Podcast, zu hören im Internet und als App auch kostenlos zum Herunterladen. Das Motto: Einschalten, abschalten, einschlafen.

"Am Anfang jeder Episode erzähle ich euch etwas über mein Leben oder rede zu irgendeinem Thema, damit ihr schön abgelenkt werdet", erklärt Baier, "und ich achte darauf, dass es nicht ganz so spannend ist, damit ihr auch einschlafen könnt." Danach liest er einen Text aus einem Buch von Immanuel Kant, etwas über Nils Holgersson oder Sherlock Holmes vor. "Mit seiner ruhigen Stimme und den meist nebensächlichen Themen bringt Toby mittlerweile viele tausend Hörer zum Einschlafen", heißt es in der Beschreibung der App.

Rentner Watson in Neuseeland wählt für sein Schlafradio die Musik mit Hilfe seiner Frau Deborah aus. Jedes einzelne Stück hören sich die beiden an, um ihre Zuhörer vor schlafraubenden Einlagen wie zu harte Beats oder nervige Kompositionen zu bewahren.

Keine einschlafstörende Werbung

Werbung oder sonstige Ankündigungen, wie sie bei anderen Radiosendern dazugehören, fänden sowieso nicht statt: "Wir haben nichts von all dem", verspricht Watson, der früher selbst oft genug von merkwürdiger Musik aus dem hart errungenen Schlaf wieder herausgerissen wurde.

Seine Kollektion schlafgerechter Musik bestand am Anfang aus sechs CDs. Er selbst suchte Kontakt zu Künstlern der sogenannten Ambient-Musik mit sphärischen, sanften Klängen, um deren Musik spielen zu können. Mittlerweile bekommt Watson mehr Musik zugeschickt, als er spielen kann. Was genau gute Einschlafmusik ausmacht, sei schwierig zu beschreiben. "Stücke, die mir gefallen, mag meine Frau oftmals nicht", meint er. Doch allgemein gelten langsame Instrumentalstücke ohne erkennbaren Beat als die besten Schlafbringer.

"Es hilft anderen"

Sein "Sleep Radio" finanziert Watson aus eigener Kasse sowie mit Spenden von Fans. "Es kostet uns ein paar Tausend Dollar im Jahr, den Sender zu betreiben, aber wir betrachten es als Investition, denn es hilft anderen", sagt er. Und verweist auf so manche Post dankbarer Hörer auf der Facebook-Seite des Radios, auf der er sich mit anderen Betroffenen auch über Einschlaftipps austauscht.

Ein Nutzer der App habe geschrieben, so wie das Radio müsse "der Himmel sein". Und eine Frau erzählte, die Musik habe ihr geholfen, sich bei der Geburt zu entspannen. Der DJ weiß zudem, dass Sleep Radio in Kinderbetreuungsstätten, Bars und Spas im Hintergrund plätschert.

Sein Sender sei der einzige auf der Welt, der erreichen wolle, dass seine Hörer wegnicken, betont Watson. Und schätzt, dass rund 70 Prozent seiner Zuhörer tatsächlich schlafen. (dpa)

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