Ärzte Zeitung online, 20.12.2018

Rückkehr nach 197 Tagen im All

Wie Astro-Alex jetzt medizinisch untersucht wird

Alexander Gerst ist zurück auf der Erde. Doch bevor der Astronaut in seinen „Alltag“ starten kann, wird er von Ärzten untersucht. Doch was passiert dabei genau und was macht ein Weltraumaufenthalt mit dem Körper?

Von Alexander Joppich

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Ein Astronaut im Weltall. Der Körper reagiert auf die All-Belastung oft mit Seh- und Gleichgewichtsstörungen nach der Rückkehr.

© ibreakstock / stock.adobe.com

NEU-ISENBURG/ KÖLN. Minus zehn Grad! So kalt ist es in etwa, als Astronaut Alexander Gerst heute Morgen gegen 6.45 in der Steppe Kasachstans aus der Sojus-Kapsel gezogen wird. Ein extremer Temperaturunterschied: Nur kurze Zeit vorher flogen Gerst und seine zwei Kollegen im freien Fall zur Erde – circa 1000 Grad muss die Außenhülle des Raumschiffes aushalten, während im Inneren menschenfreundliche Temperaturen herrschen müssen, so die Europäische Weltraumagentur (ESA).

Doch krasse Temperaturunterschiede sind nicht die einzigen Faktoren, die einem Astronautenkörper zusetzen: Die Raumfahrer dürfen deshalb nicht alleine aus der Kapsel klettern. „Der Hauptgrund ist der Kreislauf. Man möchte nicht, dass die Astronauten umkippen. Das Blut sackt in die Beine und fehlt eventuell im Gehirn“, erläutert die Weltraummedizinerin Claudia Stern vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gegenüber der dpa. Manche Astronauten hätten nach der Rückkehr Gleichgewichtsprobleme und fühlten sich schwindelig.

Um den körperlichen Zustand der Raumfahrer zu prüfen, kommen die Drei unmittelbar nach der Ankunft auf der Erde zu ärztlichen Untersuchungen. Die Mediziner wollen herausfinden, wie der Körper auf den ISS-Aufenthalt und den über dreistündigen Rückflug reagiert. Dabei werden auch die grundlegenden Vitalfunktionen getestet.

Reha im Kölner „envihab“

Für Gerst geht es noch heute weiter nach Köln: Gegen 21.15 wird der Geophysiker im „envihab“ (Kofferwort aus englisch „environment“ – Umwelt – und „habitat“ – Wohnraum) erwartet. In der 3500 qm-großen Forschungseinrichtung wird Gersts Gesundheitszustand auf Herz und Nieren geprüft. Ziel der DLR-Forscher ist es, herauszufinden, wie sich extreme Umweltbedingungen auf den Körper auswirken und welche Gegenmaßnahmen die Weltraumagenturen dagegen treffen können.

Dabei achten die Forscher insbesondere auf einen Knochen- und Muskelschwund, Koordinationsstörungen und eine erhöhte Strahlenbelastung während des Weltraumtrips: Bei seinem letzten Weltraumaufenthalt 2014 war Gerst laut DLR einer 200- bis 300-fachen höheren Strahlung als auf der Erde ausgesetzt. In Köln haben die Mitarbeiter am „envihab“ auch das Strahlendosimeter ausgewertet, das er permanent an seiner Kleidung getragen hatte.

In den kommenden zwei Wochen wird sich der 42-Jährige im "envihab" von den körperlichen Strapazen seiner Reise erholen – und darf an den Weihnachtstagen jedoch nach Hause, wenn dies sein gesundheitlicher Zustand zulässt. Bei Untersuchungen prüfen die Mediziner und Wissenschaftler Gersts Immunsystem durch Blut- und Speichelproben. „Um die Auswirkungen auf die Muskelfunktionstätigkeit zu untersuchen, werden außerdem Tonus, Elastizität und Steifigkeit der Muskeln gemessen“, schreibt das DLR auf seiner Webseite.

Vom EKG bis zu Augenuntersuchungen

Die Kölner Ärzte und Forscher führen auch Augenuntersuchungen, Fitness-Tests sowie EKG- und MRT-Untersuchungen durch. Diese würden mit den gleichen Geräten wie bereits im All gemacht und das Team vergleiche Gersts Werte mit dem Zustand vor, während und nach der Weltraummission.

Nach den zwei Wochen darf der Künzelsauer dann wieder in seinen Alltag starten und das „envihab“ verlassen. Gerst muss sich danach aber in größeren Abständen weiter medizinisch untersuchen lassen.

Berufskrankheiten der Weltraumfahrer

Belgische Forscher hatten letztes Jahr Untersuchungsergebnisse eines Kosmonauten veröffentlicht: Bei Ankunft auf der Erde hatte er eine vestibuläre Ataxie und eine gestörte Propiorezeption. Die Antwerpener Wissenschaftler vermuten, dass das Gleichgewichtsorgan gestört ist: Durch die Schwerelosigkeit im All erfahren die Otolithen im Innenohr kaum Beschleunigung, was sich auf den Nucleus vestibularis auswirken könnte. Veränderte Bewegungsabläufe und eine fehlende räumliche Orientierung könnten zusätzlich das Kleinhirn beeinträchtigen.

In anderen Studien hatten Forscher festgestellt, dass ein langer Aufenthalt im All die graue Substanz im Hirn schrumpfen lässt, während sich der Liquor-Raum im Großhirn ausbreitet. Ob sich dieser Weltraumeffekt – abseits von Sehstörungen – auch auf das Denkvermögen der Astronauten langfristig auswirkt, bleibt unklar.

Auch das Herz-Kreislaufsystem liegt im Fokus der Wissenschaftler: Kosmische Strahlung könnte einen negativen Einfluss auf innere Blutgefäßwände haben, vermuten amerikanische Forscher. US-Kardiologen hatten bei 13 Raumfahrern auch festgestellt, dass sich der linke Vorhof nach einem sechsmonatigen Allaufenthalt um statistisch signifikante 12 ml vergrößert hatte. Die Funktion der Vorhöfe war bei den Probanden aber normal – und der vergrößerte linke Vorhof bildete sich innerhalb von wenigen Wochen auf der Erde wieder auf Normalgröße zurück.

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