Ärzte Zeitung online, 23.01.2019

Stigmatisierung

Die vergessenen Lepra-Kranken

Mit Lepra verbinden viele abfallende Haut und das Mittelalter. Auch wenn die Krankheit heute heilbar ist, werden Betroffene weiterhin stigmatisiert. So wurden in Brasilien eigene Kolonien für Leprakranke abgeschafft – eigentlich.

Von Isaac Risco

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Patient Marquinhos spielt Gitarre im Curupaiti-Krankenhaus, unweit von Rio de Janeiro.

© dpa

JACAREPAGUÁ/RIO DE JANEIRO. „Die Wunden kamen in den 90ern“, sagt Adalberto Coelho und zeigt seine verbundenen Beine. „Jetzt wird es immer schlimmer.“ Der 66-Jährige lebt seit 1974 in Curupaiti, einer ehemaligen Kolonie für Leprakranke. Sie liegt in Jacarepaguá, einem Vorort der brasilianischen Millionenstadt Rio de Janeiro. Und gleichzeitig in einer anderen Welt.

Wer zwischen den Gebäuden und kleinen Häusern umherspaziert, der spürt: Das Leben hier ist hart. Die Mehrheit der Einrichtungen befindet sich in einem schlechten Zustand, einige Gebäude sind verlassen. Curupaiti wurde 1928 gegründet. Wie viele Menschen hier in den niedrigen Häusern am Hang des Berges leben, weiß niemand so genau.

Patientenzahl sinkt langsam

27.000 Menschen haben sich im vergangenen Jahr mit Lepra angesteckt – allein in Brasilien. Das südamerikanische Land liegt damit auf Platz zwei weltweit, hinter Indien mit 126.000 Fällen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist die Zahl der Fälle in Brasilien in den vergangenen zehn Jahren zwar langsam gesunken. Trotzdem sind es immer noch viele.

Lepra wird durch das Bakterium „Mycobacterium leprae“ verursacht. Es handelt sich um eine chronische Infektion der Haut, der peripheren Nerven und seltener auch anderer Organe. Laut der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe DAHW konnten die Übertragungswege bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Ein enger und lange andauernder Kontakt mit einem Infizierten sowie eine hohe Erregerdichte gelten als drei Faktoren für die Übertragung.

Die meisten Leprakolonien entstanden in Brasilien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. „Die Idee war zu jener Zeit, den Patienten zu isolieren und so die Kette von Ansteckungen zu unterbrechen“, erklärt der Arzt und Präsident des brasilianischen Verbandes für Leprakranke, Claudio Salgado. Dabei habe man in Europa schon zum Ende des 19. Jahrhunderts gemerkt, dass es nicht nötig sei, sie zu isolieren.

Marquinhos sitzt in seinem Rollstuhl. Der 59-Jährige hat keine Beine mehr, sie mussten auf Höhe der Knie amputiert werden.Außer Lepra leidet er an Diabetes, und seine Sicht ist eingeschränkt. „Auf dem linken Auge sehe ich gar nichts mehr.“ Marquinhos bekommt eine Invalidenrente des Staates, derzeit 1190 Reales, nicht ganz 250 Euro. Davon muss er die Lebensmittel bezahlen, die er von der Station bekommt. Jede Mahlzeit kostet neun Reales (knapp 1,90 Euro).

Im fortgeschrittenen Stadium kann Lepra schwere Wunden zur Folge haben, die Haut kann sich ablösen. Die Inkubationszeit kann bis zu 20 Jahre betragen. Bei frühzeitiger Behandlung kann Lepra aber geheilt werden. Die Behandlung dauert bis zu einem Jahr – und viele Patienten brauchen längerfristige Begleitung.

Seit fast zwei Jahrzehnten lebt Marquinhos in der ehemaligen Kolonie. Um die medizinische Versorgung vor Ort kümmert sich ein benachbartes medizinisches Zentrum, allerdings sei die Versorgung sporadisch und ungenügend, beschweren sich die Patienten. „Oft gibt es keinen Verbandsmull und keine Salben für die Behandlung“, sagt Marquinhos. „Und ich brauche viele Medikamente.“

Mehr als 20 Leprakolonien

Auch wenn die Leprakolonien wie Curupaiti offiziell abgeschafft sind, existieren sie weiter. Mehr als 20 gibt es in Brasilien. „Einige wurden in Krankenstationen umgebaut“, erklärt der Arzt Salgado. „Mancher Orte nahm sich eine Nichtregierungsorganisation an, dort leben die Leute etwas besser. Aber da, wo der Staat in der Verantwortung steht, sind die Menschen sich selbst überlassen. Und das Stigma gibt es immer noch.“

Wie viele andere Patienten ist auch Coelho schon lange in Curupaiti. Obwohl sein Körper lange Zeit nach der Diagnose keine Folgeerscheinungen zeigte, wurde der heute 66-Jährige in die Kolonie gebracht, gegen seinen Willen. Auch wenn diese offiziell nicht mehr existiert, ist er noch immer hier. Seit 1974. (dpa)

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