Ärzte Zeitung, 19.04.2005

GANZ NEBENBEI

Leben wir nicht alle irgendwie im Punkte-Rausch?

Können Sie sich ein Leben ohne Punkte vorstellen? Treue-Punkte an der Tanke, Sammelpunkte beim Lebensmittelhändler und Payback-Aktionen im Textilgeschäft. Was für ein Sammelspaß - wie beim EBM.

Von Franz Jürgen Sperlich

Ich sitze gerade im Zug und denke nach. Auf dem Weg bin ich zu einer Fortbildung, der Punkte wegen. Überhaupt: Ich bin im Punkterausch!

Der neue EBM bringt seit dem 1. April Punkte, die zusammengezählt, ergänzt, gestrichen und zum Schluß in Cent umgerechnet werden und dann auf meinem Konto landen. Bundeseinheitlich gibt es 5,11 Cent, also in Niedersachsen sind dies zum Beispiel 3,44 Cent und in Mecklenburg gar nur 1,6 Cent - und es gibt "floatende" Punkte.

Für die Cents kann ich mir etwas kaufen und zur Belohnung bekomme ich dann, man glaubt es kaum: wieder Punkte! Bei Esso sammle ich auf den Rucksack, bei Karstadt auf ein Kochset, bei Shell gibt es Bademäntel und mein Bäcker schenkt mir meinen zehnten Brötchenkauf - wenn ich die Punkte mitbringe, die ich zuvor erworben habe.

Die Fortbildung, zu der ich gerade Bahncard-Punkte-sammelnd fahre, bringt mir ebenfalls Punkte, die ich dann bei der KV gegen ein dekoratives Fortbildungszertifikat eintausche. Mal abgesehen von denen in Flensburg sind das, soweit ich weiß, die einzigen gesetzlich vorgeschriebenen Punkte: Es ist ja so schön!

Das tolle an den Punkten ist natürlich auch, daß jeder machen kann, was er will. Das gilt vor allem für die Punktegeber. Wenn Karstadt zum Beispiel gerne hätte, daß ich mehr Geld für Frotteewaren hinbringe, schicken sie mir einen netten Brief, in dem steht, daß ich fünfmal so viele Punkte kriege, wenn ich Waschlappen erstehe. Ich gehe dann zu Karstadt und kaufe Waschlappen, damit ich mehr Punkte bekomme, um schneller ans Kochset zu kommen.

Wenn ich das Gefühl habe, nicht gerecht für mein tägliches Formulargefecht entlohnt zu werden, kann ich mich bei der KV beschweren. Die handelt dann vielleicht mit den Kassen mehr Punkte für mich raus - dann bin ich zufrieden.

Damit aber die von den Kassen nicht unzufrieden werden, lassen sie den Punktwert floaten. Schade nur, daß die, die sich so etwas ausdenken mit echtem Geld bezahlt werden - mit Punkten hätten die auch ihren Spaß.

Dr. Franz Jürgen Sperlich ist niedergelassener Hausarzt in Lilienthal

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