Ärzte Zeitung, 24.04.2008

UND SO SEH´ ICH ES

Heidiland - fleißige Studenten finden hier Asyl

"Ohne Fleiß keinen Preis", sagt ein deutsches Sprichwort. Gerade in Deutschland wird Fleiß stets als eine der größten Tugenden gewürdigt. Doch die Zeiten haben sich geändert. Jetzt gehören wir zur Europäischen Union (EU) - und die EU hat anscheinend dazu eine andere Meinung. Den Beweis dafür liefert uns "Spiegel Online", dem wir diese Geschichte verdanken. Und natürlich Marco Speicher.

Der 27-jährige Student aus Friedrichsthal bei Saarbrücken hatte in einem Parforceritt sein Medizinstudium absolviert. Nach nur sieben Semestern war er mit allem fertig, hatte sämtliche erforderlichen Testate in der Tasche und alle Examina hinter sich. "Bravo", könnte man rufen und ihn bewundern, und ihn allen Kandidaten der Medizin als Beispiel präsentieren. Besser jedoch nicht! Denn sonst könnte einem Nachahmer genau das gleiche passieren wie Marco Speicher.

Jungmediziner war der EU an der Uni zu schnell.

Der junge Mann hat sein Studium zwar in einer fantastischen Zeit geschafft, doch dann hat ihn die EU geschafft. Zur Approbation fehlte ihm als einziges noch das Praktische Jahr. Eine solche Eile allerdings lassen die EU-Richtlinien nicht zu; eine von ihnen besagt nämlich, dass ein angehender Mediziner sein Praktisches Jahr erst nach mindestens fünfjährigem Medizinstudium (Minimum: zehn Semester) absolvieren darf.

So der Beschluss der ach so klugen Damen und Herren aus Brüssel: Ausnahmeregelungen gibt es nicht, auch nicht für besonders begabte, und damit basta. Dagegen wagt sich in Deutschland auch niemand heran.

Dabei hatte der fleißige Student versucht, alles richtig gut durchzuplanen. Er hatte sogar schon ein Erststudium hinter sich, war nach vier Jahren Studium inklusive Praxisjahr und Diplomarbeit (Note 1,0) fertiger Wirtschaftsingenieur. Und da er sein Zweitstudium, die Medizin, selbst finanzieren musste, hat er es so schnell wie möglich abschließen wollen. Jetzt wurde der Arme zwangsweise, bedingt durch die EU-Richtlinie, für anderthalb Jahre in den Wartestand versetzt.

Doch der junge Mann ist nicht nur klug genug, zwei anspruchsvolle Studiengänge in viel weniger als der Regelstudienzeit zu absolvieren. Er ist auch clever genug, der EU und ihren Richtlinien eine lange Nase zu zeigen. Er kehrt Deutschland und der EU den Rücken und geht in das Nicht-EU-Land Schweiz, wo er mit seinen Qualifikationen bereits Praxiserfahrungen sammeln kann. Damit diese eigentlich traurige Geschichte doch noch ihr Happy End findet.

Das Problem allerdings bleibt bestehen: Darf man in Deutschland nicht mehr fleißig sein, weil die EU es nicht will? Das fragt sich

Ihr Ironius

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