Ärzte Zeitung, 05.05.2017

Buchtipp

Der Neid frisst seinen eigenen Herrn

Er kann menschliche Existenzen zerstören: Der Neid ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Warum eigentlich? Ein Buch aus dem Springer Verlag liefert Antworten.

Von Pete Smith

Frankfurt/Main. Sind die Deutschen ein Volk von Neidern? Einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zufolge liegt diese Einschätzung nahe. Von rund 2000 befragten Bundesbürgern gab fast ein Viertel (23,1 Prozent) an, neidisch zu sein, wenn es anderen Menschen deutlich besser geht als ihnen. 61,8 Prozent bekundeten, beim Blick auf gewisse Vorteile anderer Menschen gelegentlich Neid zu empfinden. Am häufigsten reizen demnach Reichtum und finanzielle Unabhängigkeit eines anderen zu Neid (25,5 Prozent), gefolgt von dessen Reisen, Freizeitaktivitäten sowie Besitztümern wie Haus, Auto oder Yacht.

Neid ist – neben Geiz, Zorn, Stolz, Völlerei, Faulheit und Wollust – eine der seit dem Mittelalter bekannten sieben Todsünden und unter ihnen die einzige, die nicht auch (wenigstens ein bisschen) Spaß bereiten kann, wie Professor Anton A. Bucher, Religionspädagoge an der Universität Salzburg, in seiner im Springer-Verlag erschienenen Abhandlung "Geiz, Trägheit, Neid & Co. in Therapie und Seelsorge" schreibt. In einer eigenen Umfrage unter 376 Probanden fand Bucher heraus, dass der Neid nach dem Geiz als die zweitschlimmste der sieben Todsünden eingeschätzt wird und beinahe ebenso schädlich wie jener ist – für die Betroffenen selbst wie für jene, auf die ihr Neid zielt.

Neid hat viele Gesichter, aber keines davon zeigt sich auch nur im Ansatz freundlich. Der US-Psychologe Solomon Schimmel definiert ihn als "Qual, wenn wir registrieren, dass andere Menschen Dinge, Güter oder Qualitäten besitzen, die wir selber nicht haben, aber unser eigen nennen möchten". Ausgedrückt wird diese Gesinnung beispielsweise in dem Sprichwort "Der Neid frisst seinen eigenen Herrn".

Eine Variante des Neids ist die Missgunst: Während der Neider das Objekt eines anderen besitzen möchte, besitzt es der Missgünstige schon und gönnt es seinem Nachbarn nicht. Abgegrenzt werden muss der Neid zudem von der Eifersucht: Dieser bezieht sich nur auf zwei Personen (einer fühlt sich einem anderen gegenüber benachteiligt oder unterlegen), während jene immer drei Personen erfordert. Die "lachende Schwester" des Neids schließlich sei die Schadenfreude, wie der 1960 in der Schweiz geborene Bucher, Fachbereichsleiter für Praktische Theologie, in seiner "Psychologie der 7 Todsünden" ausführt: Sie sei eine positiv erlebte Emotion, der in aller Regel Neid vorausgegangen sei, obwohl die angemessene Reaktion Mitleid wäre.

Neid kränkt. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Tatsächlich verursacht das nagende Gefühl Magenschmerzen, Herzrasen und Schlafstörungen. Mehrere Studien konnten zudem eine signifikante Korrelation zwischen Neiddisposition und Depressivität aufzeigen. Je stärker die Neigung, Neid zu empfinden, desto geringer die Lebenszufriedenheit und desto weniger erleben Betroffene Glück. Darüber hinaus trauern Neidische länger und weniger adaptiv, wenn sie einen schweren Verlust erlitten haben. Neigt jemand zu Neid und Missgunst und möchte er sich beruflich weiterentwickeln ohne dabei erfolgreich zu sein, sind die Konflikte programmiert, wenn ein anderer den großen Coup landet und befördert wird.

"Der Töpfer grollt dem Töpfer", wusste schon Aristoteles, nicht aber dem König. Neid regt sich zwar in allen sozialen Schichten, äußert sich aber in der Regel nur dort, wo man sich mit seinesgleichen misst. Neidisch werden wir in Bezug auf Dinge, die für unser Selbstwertgefühl wichtig sind: Wer sich als Arzt profilieren will, reagiert selten mit Neid, wenn sein turnender Kollege ins nationale Olympiateam berufen wird.

Dass Neid vor allem eine typisch weibliche Attitüde ist, verweist Bucher eindeutig ins Reich der Vorurteile. Allerdings gebe es genderspezifische Auslöser: Während Frauen beispielsweise eher neidisch auf jüngere, attraktive Frauen sind, werden Männer schon mal grün (vor Neid), wenn der Kollege oder auch der Nachbar ein Statussymbol hat, das sie selbst gern besäßen.

Zwei gute Nachrichten zum Schluss: Ein gutartiger Neid kann ein starker Motivator im Beruf sein, vorausgesetzt die Besserstellung des Beneideten wird als gerechtfertigt erachtet. Und: Feindseliger Neid verflüchtigt sich im Alter! Auch das konnten Anton Bucher und sein Team bei ihrer Befragung in Salzburg nachweisen. 53 Prozent der bis zu 30-Jährigen gaben danach an, zumindest manchmal neidisch zu sein, bei den Senioren waren es dagegen nur noch sieben Prozent.

Der Neid frisst seinen eigenen Herrn

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