Ärzte Zeitung online, 06.10.2017

Auf der Suche nach dem perfekten Fußballverein

Groundhopping mit Asperger

Wie muss ein Fußballverein sein, damit er einem Sechsjährigen gefällt? Erfolgreich wie die Bayern? Cool wie St. Pauli? Keine einfache Entscheidung – erst recht nicht, wenn der Junge Asperger-Autist ist.

Von Ruth Ney

Groundhopping mit Asperger

Fast einhundert Vereine in sieben Ländern haben sich Vater Mirco und sein Sohn Jason in den vergangenen sechs Jahren angeschaut.

© Sabina Nagel

NEU-ISENBURG. Jason, geboren 2005, ist Asperger-Autist. Das bedeutet für ihn, dass er sich über so ziemlich alles aufregen kann. Darüber, dass das Google-Bild jeden Tag wechselt, oder darüber, dass sich Mitschüler einfach auf "seinen" Platz im Bus setzen, aber vor allem über das unlogische Verhalten und die Unwissenheit seiner Mitmenschen. Veränderungen sind für ihn ein Graus. Sein Fazit: "Andere Menschen sind sehr komisch. Deshalb habe ich beschlossen, sie zu ignorieren. Das funktioniert auch ganz gut."

Seit seinem sechsten Lebensjahr ist er mit seinem Vater Mirco, liebevoll "Papsi" genannt, unterwegs in Deutschland und dem benachbarten Ausland. Ursprünglich sollte es nur darum gehen, dem Jungen einen Lieblings-Fußballverein zu suchen. Doch dann bekommt die Groundhopping-Tour eine tiefere Bedeutung. Es ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Toleranz und Behinderung.

Das Vater-und-Sohn-Blog "Wochenendrebell" mit dem Podcast "Radiorebell" erhielt den Grimme Online Award 2017 in der Kategorie Kultur und Unterhaltung.

 

Mirco von Juterczenka reflektiert die gemeinsamen Vater-Sohn-Erlebnisse zunächst in dem Blog "Der Wochenendrebell – Groundhopping mit Asperger". Doch was anfangs als Erlebnisarchiv und Gedächtnisstütze dienen sollte, entwickelt sich schnell zum Lebensprojekt: Unterwegs von Stadion zu Stadion entstehen viele peinliche, demütigende, lustige, lehrreiche, ernüchternde, erschütternde und nachdenklich machende Situationen, die Vater und Sohn einander näher, aber dem Blog und dessen Autoren auch unerwartet viele Fans bringen.

Die Qual der Wahl

Dieses Jahr hat "Der Wochenendrebell" sogar den Grimme Online Award abgeräumt. Nun sind die Highlights der Reise auch in einem Buch "Wir Wochenendrebellen" zusammengefasst worden. Jason beschreibt darin in einem Editorial den Anlass des Groundhoppings so: "Begonnen hat nämlich alles damit, dass ich keinen voreiligen Schluss darüber ziehen konnte, welcher Verein mein Lieblingsverein werden sollte. Erst musste ich also alle sehen, um mich zu entscheiden. Das ist doch logisch – oder?"

Für seinen Vater Mirco Juterczenka, Autor des Buches, ist eine der überraschendsten Erkenntnisse hingegen: "Dass man nach sechs Jahren und fast einhundert Vereinen in sieben Ländern sich immer noch nicht für einen Lieblingsverein entscheiden kann. Damit hatte ich nicht gerechnet."

Dennoch ist er froh: "Jason ist selbstständiger geworden und ist außerhalb des Small Talks in der Lage, Fußball als thematische Brücke zu nutzen, um sich mit Erwachsenen zu unterhalten. Viele Handlungen, die wochenendrebellisch im Stadion begannen, konnten wir in den Alltag transportieren", erzählt er gegenüber der "Ärzte Zeitung".

Skurrile und frustrierende Erlebnisse

Natürlich gab es neben vielen schönen – auch skurrilen – gemeinsamen Erlebnissen auch weniger schöne und frustrierende. Für Mirco Juterczenka gehören dazu etwa mehrere Stunden Anfahrt, hohe Ausgaben für eine Tour ins Stadion, wo Jason aus einem scheinbar banalen Grund heraus wütend 85 Minuten des gesamten Spiels auf eine Betonmauer starrt, anstatt das Spiel zu genießen. Und: "Als Sympathisant von Fortuna Düsseldorf, schmerzte es etwas, als Jason mit tausenden Bielefelder Fans gemeinsam zum Abschluss eines Sieges über Fortuna Düsseldorf erstmals in einem Stadion mitgesungen hat: Ihr könnt nach Hause fahrn, ihr könnt nach Hause fahrn", so der Vater.

Noch hat Jason "seinen" Verein nicht gefunden. Die Stadiontouren werden also fortgesetzt. Ganz wichtig bleibt dem Vater dabei auch das Thema Toleranz. Wie viel davon braucht es eigentlich, um einen Jungen mit Asperger-Syndrom zu verstehen?

Juterczenka: "Toleranz heißt für mich, jemanden sein zu lassen, Nonkonformität zu akzeptieren und nicht zu versuchen, ihn auf Teufel komm raus zu konditionieren, ihn zwanghaft in vermeintlich sinnvolle Normen zu pressen. Ob es da bei einem Autisten mehr Toleranz bedarf, wage ich zu bezweifeln. Im Bezug auf Jason bedarf es sicherlich Toleranz in unüblichen Momenten, wenn er zum Beispiel Begrüßung, Dank oder Small Talk verweigert."

Groundhopping mit Asperger

Und er betont: "Ich habe keinen Autisten kennengelernt, der unter seinem Autismus leidet, dafür aber einige, die mit der mangelnden Rücksichtnahme der Gesellschaft und Ihrer Umwelt zu kämpfen haben.

Für wen das Buch geeignet ist?

Sicherlich für Fußballfans. Und genauso für Mütter und Väter, die leicht nachvollziehen können, was man aus Liebe für sein Kind so alles tut.

Wir Wochenendrebellen

von Mirco Juterczenka, Benvento Verlag 2017,

Hardcover mit Schutzumschlag, 240 Seiten

ISBN 978-3-7109-0017-4, Preis: 20 Euro

Lesen Sie dazu auch:
Interview: "Als Papsi fast verdroschen wurde, war das schon spaßig"

[12.10.2017, 19:52:20]
Dr. Dr. Stefan Graf 
Was Asperger bedeutet
Das Anhören der Podcastfolgen gibt einen guten Eindruck, was Asperger-Autismus bedeutet. Wer nicht um die Krankheit des jungen Jason wüsste, hielte ihn womöglich für einen altklugen, verzogenen Besserwisser, dem es an jeglichem Einfühlungsvermögen fehlt. Dazu kommt eine seltsame Paarung aus kindlicher Naivität und der festen Überzeugung, bereits als 12-Jähriger völlig erwachsen zu sein. Das alles macht wohl dieses rätselhafte Syndrom aus. Immerhin macht der Junge einen glücklichen Eindruck. Die Langmut und Liebe des Vaters (bzw. der Eltern) ist beeindruckend. Dem Jungen ist zu wünschen, dass er sein Leben einmal eigenständig meistern wird, wenn er wirklich erwachsen ist und sich nicht nur so fühlt. zum Beitrag »

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