Ärzte Zeitung online, 16.03.2018

Biographie

Ägyptischer Arzt rettet jüdische Bürger in Nazideutschland

Er ist der einzige Araber, der in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" gewürdigt wird. Der ägyptische Arzt Mod Helmy hat im Berlin der Nazizeit jüdischen Mitbürgern das Leben gerettet.

Von Pete Smith

Ägyptischer Arzt  rettet jüdische Bürger

Berliner Arzt mit ägyptischen Wurzeln: Mod Helmy im Gespräch mit den ägyptischen Kollegen Bassuoni und Sabet (v. r.).

© AdSD/Friedrich-Ebert-Stiftung

BERLIN. Im Archiv der Berliner Humboldt-Universität findet sich in einer Promotionsakte die eidesstattliche Versicherung eines Berliner Arztes, in der jener gelobt, "die Pflichten des ärztlichen Standes gegenüber den meine Hilfe Heischenden in humaner Gesinnung treu und gewissenhaft zu erfüllen".

 Das Dokument ist auf den Namen Dr. Mohamed Helmy ausgestellt und stammt aus einer Zeit, da ein Arzt seine humane Gesinnung mitunter mit dem Leben bezahlte. Mod Helmy blieb ihr dennoch zeit seines Lebens treu. Dafür hat ihn die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem am 18. März 2013 als bislang einzigen Araber zu einem "Gerechten unter den Völkern" ernannt.

Mod Helmy

Igal Avidan: Mod Helmy.

Wie ein arabischer Arzt in Berlin Juden vor der Gestapo rettete. dtv. München 2017.

248 Seiten. 20 Euro.

ISBN 978-3-423-28146-1

Arbeit am Krankenhaus Moabit

Der israelische Journalist Igal Avidan hat die Lebensgeschichte des 1901 in Khartum (Sudan) geborenen Ägypters Mod Helmy nachgezeichnet. Helmy war 21 Jahre alt, als er in Berlin ein Medizinstudium aufnahm, das er 1929 mit dem Staatsexamen abschloss.

Nach Erlangung seiner Approbation 1931 arbeitete er am Krankenhaus Moabit, wo er 1937 seine Facharztausbildung als Internist abschloss und im selben Jahr promovierte. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Helmy dann gemeinsam mit weiteren in Deutschland lebenden Ägyptern inhaftiert.

Ägypten stand zu dieser Zeit unter dem Protektorat des Kriegsgegners Großbritannien. Um die Beziehungen zur arabischen Welt nicht allzu lang zu strapazieren, ließen die Nazis ihre Geiseln nach einigen Monaten frei.

Arzt versteckt Jüdin in Wohnung

1941 lernt Mod Helmy die 17-jährige Anna Boros kennen, eine in Berlin lebende Jüdin rumänischer Herkunft, die gemeinsam mit ihrer Familie zu seinen Patienten zählt. Helmy hat die Praxisvertretung für einen deutschen Kollegen übernommen, der wie so viele seiner Kollegen an die Front berufen wurde – nicht nur in Berlin herrscht akuter Arztmangel.

Anna Boros wollte eigentlich ausreisen, doch davon riet ihr ein Konsulatsmitarbeiter dringend ab: In ihrer rumänischen Heimat werde sie womöglich nie ankommen. Anna taucht unter und wendet sich in ihrer Verzweiflung an Mod Helmy. Der Arzt gibt Anna als seine Nichte aus und versteckt sie zunächst in seiner Wohnung, später dann in einer angemieteten Laube im Berliner Stadtteil Buch.

Annas Großmutter Cecilie Rudnik, die ebenfalls untertaucht, bringt Helmy bei seiner langjährigen Patientin Frieda Szturmann unter. Beide, Anna Boros und Cecilie Rudnik, überleben den Holocaust, und Frieda Szturmann wird wie Helmy posthum als "Gerechte unter den Völkern" geehrt.

Held für Araber und Juden?

Am 30. September 2013 entdeckt der israelische Journalist Igal Avidan in einer Zeitung die Meldung, dass die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zum ersten Mal überhaupt einen arabischen Arzt als "Gerechten unter den Völkern" ehrt. Avidan, der seit 1990 in Berlin lebt und von hier für verschiedene Medien berichtet, ist die aktuelle Brisanz dieser Ehrung sogleich bewusst.

Hier könnte einer ein Held sein "für Juden und Muslime, für Israelis als auch für Araber – gerade in diesen Zeiten des Kriegs und des Terrors, der Verschwörungstheorien und Vorurteile auf beiden Seiten des langen und blutigen Konflikts".

Sogleich beginnt er zu recherchieren, spricht mit Zeitzeugen, stöbert unermüdlich in Archiven, besucht die ehemaligen Schauplätze und leuchtet sowohl das politische wie auch das gesellschaftliche Umfeld der Berliner Jahre aus.

Entscheidung eines Humanisten

Avidan und seinem Co-Autor Helmut Kuhn gelingt die überaus faszinierende Charakterstudie eines Arztes, der in einer entmenschlichten Zeit Mensch blieb, und das durchaus mit Widersprüchen. Ein Mensch, der aus dem Gefängnis Briefe an Hitler und andere Nazis schreibt mit der Anregung, statt seiner ägyptische Studenten zu inhaftieren, schließlich sei er Arzt und als solcher Nazi-Deutschland nützlich.

Und zugleich ein Mensch, der sein eigenes Leben riskiert, um das Leben anderer Menschen zu retten, nicht in einem spontanen Reflex, sondern als bewusste und über mehrere Jahre konsequent umgesetzte Entscheidung eines Humanisten. Kritisch anzumerken ist, dass sich die Autoren mitunter in Details und Nebensträngen verlieren und unkritisch einen verharmlosenden Begriff wie "Kristallnacht" übernehmen.

Helmy, der nach dem Krieg wie ersehnt seine langjährige deutsche Verlobte Emmy Ernst heiraten durfte, praktizierte noch mehrere Jahrzehnte als Internist in Berlin, wo er im Januar 1982 im Alter von 80 Jahren starb.

In der Begründung zu seiner Ehrung schreibt die Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem: "Trotz eigener Verfolgung durch die Nationalsozialisten hat Helmy sich gegen die herrschende Politik ausgesprochen und sein Leben für seine jüdischen Freunde riskiert." Vor Helmys ehemaligem Wohnhaus (Krefelder Straße 7 in Berlin-Moabit) erinnert eine Gedenktafel an den arabischen Arzt.

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