Ärzte Zeitung online, 10.10.2013

Tour de France

Wer sie schafft, darf auf längeres Leben hoffen

Die französischen Teilnehmer der "Tour de France" seit 1947 werden im Schnitt sechs Jahre älter als der Durchschnittsfranzose, zeigt eine Studie. Die Interpretation dieses Ergebnisses fällt unterschiedlich aus.

Von Dirk Einecke

Wer sie schafft, darf auf längeres Leben hoffen

Radrennfahrer sind Otto Normalverbraucher physisch, psychisch und genetisch überlegen.

© Panoramic Jerome / imago

AMSTERDAM. Die Tour de France ist weltweit einer der Sportwettbewerbe mit der höchsten körperlichen Belastung.

Eine Autorengruppe um Dr. Xavier Jouven von der Paris Decartes Universität hat in einer Studie systematisch das Schicksal sämtlicher französischen Tour de France-Teilnehmer in den letzten 60 Jahren untersucht (Eur Heart J. 2013, online 3. September).

Wie Jouven in einer HOTLINE-Sitzung auf dem Jahreskongress der European Society of Cardiology in Amsterdam berichtete, haben seit dem Jahre 1947 insgesamt 786 Franzosen an der Tour de France teilgenommen, 208 von ihnen sind bereits gestorben.

Gesamtmortalität verringert

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"Die Gesamtmortalität dieser Athleten war um 41 Prozent geringer als diejenige normaler Bürger im gleichen Alter", berichtete der französische Wissenschaftler.

Sowohl die Krebssterblichkeit (- 44 Prozent) als auch die kardiovaskuläre Sterblichkeit (- 33 Prozent) der Tour de France-Teilnehmer waren signifikant geringer, ferner die Sterblichkeit an Erkrankungen der Atemwege oder des Verdauungstraktes.

Der Vorteil in puncto Mortalität war für den ganzen untersuchten Zeitraum konstant. Anhand der Teilnehmer im Zeitraum von 1947 bis 1951, in denen über 60 Prozent der Todesfälle auftraten, ließ sich errechnen, dass die Radsportler im Schnitt sechs Jahre länger lebten als die Durchschnittsbevölkerung.

Das ist erheblich. Kritiker werden sagen: Diese Jahre haben die Athleten auf dem Fahrrad verbracht.

Auch stärkere Belastung schützt

Jouvens Interpretation: Sport ist gut für die Gesundheit, und man sollte den Menschen sagen, dass auch stärkere Ausdauerbelastungen nicht schädlich, sondern protektiv sind.

Extrembelastungen wie Marathon können zwar für eine kleine Gruppe von Personen mit speziellen Risikofaktoren gefährlich sein, aber der Nutzen eines lebenslangen, sportlich aktiven Lebens, einschließlich Ausdauersport höherer Intensität, überwiegt klar die eventuell vorhandenen Risiken und schlägt sich in einer deutlichen Lebensverlängerung nieder, so Jouven.

Es ist ja bekannt, dass viele Tour de France-Teilnehmer pharmakologisch nachhelfen, um bessere Leistungen zu erzielen.

Auch dieser Aspekt wurde in Amsterdam diskutiert. Manche Experten sagten: Was immer die Athleten eingenommen haben, langfristig scheint das Doping das Leben nicht zu verkürzen.

Dem offiziellen Diskutanten der Studie, Dr. Sanjay Sharma von der St. Georg's Universität in London, gingen diese Interpretationen etwas zu weit.

"Die Studie zeigt, dass Menschen, die in der Lage sind, an einer Tour de France teilzunehmen, sechs Jahre länger leben als die Durchschnittsbevölkerung."

Selektion der Elite der Fittesten

Sharma verwies beim ESC-Kongress darauf, dass die Radsport-Elite-Athleten eine ausgesprochene Selektion darstellen: Sie sind Otto Normalverbraucher physisch, psychisch und genetisch erheblich überlegen und gehören zu den fittesten Menschen überhaupt.

In der Normalbevölkerung hingegen schwimmen die Menschen mit, die chronische Krankheiten oder Risikofaktoren für kardiovaskuläre und maligne Erkrankungen aufweisen, sowie Legionen, die einen ungesunden Lebensstil pflegen.

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[10.10.2013, 19:20:26]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Die Tour de France-"Studie" ist nicht mal das Papier wert,
auf dem sie u.a. publiziert wurde. Auch die Darstellung in der Münchener Medizinischen Wochenschrift (MMW) macht diese fragwürdige Publikation aus dem European Heart Journal (EHJ) nicht besser: Die Veröffentlichung mit dem Titel "Mortality of French participants in the Tour de France (1947–2012)" von Eloi Marijon et al.
http://eurheartj.oxfordjournals.org/content/early/2013/08/28/eurheartj.eht347.full.pdf+html
entlarvt sich bereits mit den beiden letzten Sätzen ihres Abstracts selbst. Dort heißt es wörtlich: Wir beobachteten eine im zeitlichen Verlauf unveränderte, 41 Prozent geringere Mortalität bei französischen Radrennfahrern ... a u ß e r bei der Mortalität im Zusammenhang mit ä u ß e r e n Ursachen (SMR="standardized mortality ratios" 1,06, 95% Konfidenzintervall 0,71-1,53, P=0,80) ["We observed a 41% lower mortality in French cyclists (SMR: 0.59, 95% CI: 0.51–0.68, P < 0.0001), which did not change over time (P = 0.70). It was observed for main mortality causes: for neoplasms (SMR: 0.56; 95% CI: 0.42–0.72, P < 0.0001) and for cardiovascular death (SMR: 0.67; 95% CI: 0.50–0.88, P = 0.004), except mortality related to external causes (SMR: 1.06, 95% CI: 0.71–1.53, P = 0.80)."].
Dies bedeutet, dass die Mortalität auf Grund äußerer Einwirkungen wie Unfall, Selbsttötung, Gewalttaten um 6 Prozent h ö h e r lag als in der Allgemeinbevölkerung (mit P=0,80 allerdings nicht signifikant).

Im Editorial des EHJ von Abbas Zaidi and Sanjay Sharma: "Reduced mortality in former Tour de France participants: the benefits from intensive exercise or a select genetic tour de force?" findet sich ein eindeutiges Fragezeichen. Unter http://eurheartj.oxfordjournals.org/content/early/2013/08/28/eurheartj.eht373.full.pdf+html
wird zu Recht eine h ö c h s t fragwürdige Datenerhebung kritisiert. Eloi Marijon et al. haben nämlich tatsächlich unter "Methods - Data collection" geschrieben, dass ihre Daten n u r und ausschließlich von W e b s i t e s im Internet stammen: "Data on Tour de France French participants, for the 1947–2012 period, were collected from the two of?cial Websites (http://www.memoire-ducyclisme.eu - http://www.letour.fr) and complemented with two other sources (http://www.wikipedia.org/ -
http://www.siteducyclisme.net/). Den Autoren ist mit lückenhafter WIKIPEDIA-Recherche nicht mal klar, ob bei ihren französischen Tour de France-Teilnehmern Morbiditäts- und Mortalitätsdaten nicht einfach ignoriert, vergessen, beschönigt, verfälscht oder manipuliert waren. In der Originalarbeit wird nicht mal differenziert, ob Teilnehmer die Tour de France überhaupt mindestens einmal bis zum Ende durchgefahren oder nicht bereits schon während der ersten Fahrt morbiditätsbedingt ausgeschieden sind.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[10.10.2013, 15:43:07]
Dr. Horst Grünwoldt 
Das Härteste
Etappen-(Rundfahr-)Radrennen dürften wohl im Ausdauer-Sport die härteste Disziplin sein. Die Tour de France zumal; die steht bekanntlich nur durch, wer mental und physisch "topfit" und ein Ausnahmetalent ist.
Die Berufs-"Cyclisten" oder franz. coureur sind auf die dreiwöchige "grande boucle" (große Schleife) beizeiten vorbereitet und in die Leistungs-Teams selektioniert.
Was in der bez. Studie zu kurz kommt, ist die altbekannte Feststellung:
Hochleitungs-Athleten erreichen nur dann ein biblisches Alter, wenn ihnen auch Gelegenheit zum Ab- oder Austrainieren gegeben wird.
Dass es immer noch Doktoren und Betreuer gibt, die nicht nur versuchen, Verletzungen rasch auszutherapieren, sondern ihr Teil immer wieder dazu beitragen, die Athleten in "doping"- Verdacht zu bringen, bedauere ich sehr. Schließlich müßten sie ihre Schützlinge aufklären, daß jede Arzneibehandlung, die Nebenwirkungen haben kann, ein individuelles Experiment darstellt.
Weil jede substanzielle körperliche Einverleibung -von bewährten Lebensmitteln einmal abgesehen- erst einmal energieaufwendig verstoffwechselt werden muß (ausgenommen Paraffinoel), dürfte jedwede Pharmaka-Applikation zumal, zunächst nur belastend für den Leistungssportler sein.
Wenn man -wie ich- auch noch überzeugt ist, daß es alleine das Phantom "doping" als Geist aus der Flasche, und keineswegs dauerleistungs-steigernde Medikamente oder Wirkstoffe gibt, die jemals einen Titel oder Rekord eingebracht hätten, so empfinde ich die unbegründeten Verdächtigungen des Betrugs gegenüber außergewöhlichen Sportmännern- und frauen als Dauerskandal. Insbesondere auch, weil entmutigend für den sportlichen Nachwuchs.
Es ist nach m.E. an der Zeit, noch vor dem Erlaß eines zusammengschusterten "Anti-doping-Gesetzes", daß die Sport-Ärzteschaft und ihr zugeordnete Physiologen und Pharmakolgoen als Fachleute mit dem Gespenst "Vorteilsnahme wg. Arzneimittelmißbrauch" aufräumen.
Ein anständiger Doc wird daurch nicht wesentlich an seinem postiven "Nimbus" verlieren!
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock
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