Ärzte Zeitung, 13.12.2017

Chris Froome

Therapie oder Doping?

Chris Froome muss ein Doping-Testergebnis vom September bei der Vuelta erklären. Der Radsport-Weltverband bestätigt den erhöhten Wert einer Asthma-Substanz. Der Tour-de-France-Sieger verteidigt sich mit therapeutischen Notwendigkeiten.

Von Andreas Zellmer und Benjamin Siebert

Therapie oder Doping?

Christopher Froome (im Hintergrund mit Michal Kwiatkowski) vor dem Start bei einem Radrennen in Saitama, Japan, im November.

© picture alliance/ZUMA Press

AIGLE/LONDON. Jetzt auch Chris Froome? Doping oder Therapie – das ist die Frage bei der im Urin des viermaligen Tour-de-France-Gewinners festgestellten Überdosis des Asthma-Mittels Salbutamol. Am 7. September war Froome auf dem Weg zu seinem ersten Vuelta-Sieg wie jeden Tag vorher als Träger des Roten Trikots getestet worden. Der 32 Jahre alte Brite wies das Doppelte der erlaubten und von der WADA als Grenzwert festgelegten Substanz von 1000 Nanogramm pro Milliliter ng/ml auf.

Sperre könnte drohen

Am Tag vorher hatte der Brite auf einer schweren Bergetappe auf den Los Machucos 1:46 Sekunden auf den Tagessieger und nicht viel weniger auf seine direkten Konkurrenten Vincenzo Nibali und Alberto Contador verloren. Froome und sein Team hätten sich laut dem Doping-geständigen Ex-Profi Michael Rasmussen wohl deshalb für "eine kleine Extra-Dosis Salbutamol" entschieden. Das twitterte der Däne, der 2007 wegen Doping-Verdachts im Gelben Trikot aus der Tour genommen worden war und seit einigen Jahren als Journalist tätig ist. Möglicherweise drohen Froome die Aberkennung des Vuelta-Sieges und eine Sperre, die seine angekündigten Starts beim Giro d'Italia (ab 4. Mai) oder bei der Tour (ab 7. Juli) gefährden könnte. Der Weltverband UCI wollte sich zum laufenden Verfahren nicht weiter äußern. In einem vergleichbaren Fall war der ehemalige italienische Sprintstar Alessandro Petacchi 2008 aus dem damaligen Milram-Team für ein Jahr gesperrt worden. Sein Landsmann Diego Ulissi war 2014 mit 1920 ng/ml Salbutamol für neun Monate aus dem Verkehr gezogen worden.

Viermaliger Tour-Sieger

Froome wurde laut UCI den Regeln gemäß nicht vorläufig suspendiert. Der 32-Jährige muss sich aber erklären, warum der Grenzwert überschritten wurde. Der Brite, der seine Vorbild-Funktion im Anti-Doping-Kampf immer offensiv vertreten hat und aufkommende Verdächtigungen wegen seiner Dominanz vehement von sich wies, hatte im September die Vuelta gewonnen. Zwei Monate zuvor hatte er zum vierten Mal die Tour für sich entschieden.

Der derzeit beste Rundfahrer und dessen Rennstall Sky bestätigten die Probe und verwiesen auf Froomes Asthma-Erkrankung. Laut Sky bedeute der Test nicht, dass Regeln gebrochen worden seien. Das Froome-Team und sein Manager Sir Dave Brailsford waren in diesem Jahr in die Schlagzeilen geraten, nachdem eine ominöse Medikamenten-Lieferung per Boten an den früheren Toursieger Bradley Wiggins 2011 nicht hinreichend erklärt werden konnte. Die britische Anti-Doping-Agentur hatte ihre Untersuchungen nach 14 Monaten kürzlich ohne die Verhängung von Sanktionen eingestellt.

Froome gab zu seinem eigenen Fall relativ unaufgeregt zu Protokoll: "Es ist bekannt, dass ich Asthma habe, und ich weiß genau, wie die Regeln lauten. Ich benutze einen Inhalator, um meine Symptome zu behandeln, und ich weiß, dass ich jeden Tag getestet werde, wenn ich das Trikot des Führenden trage". Die Sky-Teamleitung versuchte den signifikant erhöhten Wert zu erklären und verwies auf Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und Ernährung.

Seine Asthma-Beschwerden hätten sich bei der Vuelta verschlimmert, "also folgte ich dem Rat des Mannschaftsarztes, meine Salbutamol-Dosierung zu erhöhen", meinte Froome in einer Team-Mitteilung weiter. "Wie immer habe ich mit größter Sorgfalt darauf geachtet, dass ich nicht mehr als die zulässige Dosis verwendet habe." Die UCI habe völlig Recht, "wenn sie die Testergebnisse prüft, und ich werde zusammen mit dem Team alle Informationen, die sie benötigt, zur Verfügung stellen."

Das bronchienerweiternde Salbutamol gilt als das Asthma-Mittel mit der höchsten anabolen Nebenwirkung. Es beeinflusst auch den Muskelauf- und den Fett-Abbau. (dpa)

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[14.12.2017, 17:40:53]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Weltweit gibt es keine Leitlinien der Asthma-Therapie ...
die den exzessiv hochdosierten Einsatz eines kurz wirksamen Betamimetikums (SABA) als "short acting beta-agonist" vorsehen. Unsere Patientinnen und Patienten mit extrinsic/intrinsic  Asthma kommen zwar häufig mit tachykarden Herzrhythmusstörungen in die Praxis als Folge einer meist akzidentellen SABA-Überdosierung. Sie nutzen aber ihr Notfallspray höchst selten dazu, um in Höchstgeschwindigkeit mit ihrem Rennrad unsere Sprechstunden anzusteuern.

Die aktualisierten Leitlinien der Deutschen Atemwegsliga beschreiben das folgendermaßen: "Wenn das Asthma durch alleinige regelmäßige Anwendung entzündungshemmender Medikamente nicht kontrolliert werden kann, werden zusätzlich langwirksame Beta-Sympathomimetika als Spray oder Pulverinhalat für die regelmäßige Anwendung verordnet, gegebenenfalls als Kombinationspräparat. Beta-Sympathomimetika erweitern die Atemwege und schützen für mehrere Stunden vor Atemnot. In seltenen Fällen werden langwirksame Beta-Sympathomimetika und/oder Theophyllin als Tabletten eingesetzt. Das langwirksame Anticholinergikum Tiotropium kann ebenfalls als Zusatzmedikament verordnet werden. Alternativ kann inhalatives Kortison auch mit Montelukast kombiniert werden. Bei schwerem unkontrolliertem allergischem Asthma hilft oft eine Zusatztherapie [mit Biologicals wie Anti-IgE Omalizumab, Anti-Interleukin-5, Anti-IL 4/13 Dupilimab und Anti-Tezelpelumab] in Form von Spritzen mit Anti-IgE Antikörpern (Omalizumab). Bei plötzlicher Atemnot helfen raschwirksame Beta-Sympathomimetika, die schnell und zuverlässig die Bronchien erweitern. Da diese Medikamente bei Bedarf oder im Notfall angewendet werden, spricht man auch von Bedarfs- oder Notfallmedikation. Weitere Bedarfsmedikamente sind Anticholinergika." (Zitat Ende)
https://www.atemwegsliga.de/asthma.html
Asthmatherapie bei Erwachsenen Asthmatherapie bei Erwachsenen 05.07.2016 | 258,1 KiB
Asthmaanfall bei Erwachsenen Asthmaanfall bei Erwachsenen 23.11.2017 | 1,8 MiB

Im Fall des international bekannten Radrenn-Profi wie Chris(topher) Froome ist eher von einer Schutzbehauptung auszugehen, wenn eine Salbutamol-Überdosierung laut Anti-Doping-Agentur festgestellt  worden sein soll. Denn nur mit dieser überdosierten Substanz und nicht mit höchst dosierten inhalativen Steroiden (ICS) bzw. den weiterentwickelten Biologicals können leistungssteigernde Wirkungen entfaltet werden.

Kann der Mannschaftsarzt von Chris Froome denn nicht zwischen Therapie und Doping mit Salbutamol-Überdosierungen unterscheiden?

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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