Ärzte Zeitung, 10.04.2007

Übergewicht durch Defekt in Zellkraftwerken

Mitochondrien werden mit zunehmendem Alter inaktiver / Dick werden jedoch nur die, die sich ungesund ernähren

JENA (ner). Die Mitochondrien entscheiden offenbar mit darüber, ob jemand dick wird oder nicht. Bereits eine kleine Betriebsstörung in den Energie-Kraftwerken der Zelle verursacht Übergewicht, ohne dass deshalb mehr gegessen wurde.

In Zeiten sich epidemieartig verbreitenden Übergewichts und Fettleibigkeit werden besonders jene Menschen beneidet, die so viel essen können, wie sie wollen und dennoch schlank bleiben. Andere essen weniger und erreichen dennoch kein Idealgewicht. Der Ernährungsforscher Professor Michael Ristow von der Universität Jena hat jetzt eine Erklärung für dieses Phänomen gefunden.

Ristow hat die Funktion der Mitochondrien bei Mäusen nur leicht gestört. Dies bewirkte eine Gewichtszunahme, obwohl die Tiere genauso viel fraßen wie ihre unveränderten Artgenossen und sich ebenso viel körperlich bewegten, berichten sie (Proceedings of the National Academy of Sciences, online). "Es ist bekannt, dass unsere Mitochondrien mit zunehmendem Alter immer inaktiver werden", so Ristow. "Das kann erklären, warum wir mit den Jahren immer dicker werden, obwohl wir sogar weniger essen, als wir es als Jugendliche getan haben."

Allerdings sind diese Befunde kein Alibi für Fettleibige. Denn auch das fanden die Ernährungswissenschaftler: Dick wurden nur jene Mäuse, die eine ungesunde, kalorienreiche Diät bekamen. Mäuse mit der gleichen Mitochondrien-Unterfunktion blieben normalgewichtig, wenn sie ballaststoffreiches, fettarmes Futter erhielten. Das lag daran, dass die Energieproduktion in Form von ATP (Adenosintriphosphat) bei kalorienreicher Ernährung weiter sank, die Fettbildung in den Tieren dagegen zusätzlich angekurbelt wurde.

Dabei handele es sich offenbar um einen neuroendokrinologischen Kompensationsmechanismus, so die Ernährungsforscher. Die vermehrte Speicherung von Triglyceriden soll Phasen reduzierter Energieproduktion in den Mitochondrien ausgleichen. Alle Versuchstiere Ristows mit kalorienreicher Diät entwickelten eine gestörte Glukosetoleranz, nicht jedoch die Mäuse mit gesunder Ernährung - trotz des Mitochondrien-Schadens.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Mütter stellen früh die Weichen für Babys Gesundheit

Dicke Mutter = dickes Baby: Diese Gleichung geht oft auf - leider. Ernährungs-Experten tauschen sich daher auf einem Kongress über den frühen Einfluss der mütterlichen Ernährung u.a. auf das Diabetesrisiko des Kindes aus und geben Tipps. mehr »

Würden Ärzte Gröhe wählen?

In einer großen Umfrage fragten wir Ärzte: "Wenn der Bundesgesundheitsminister direkt vom Volk gewählt werden könnte, wen würden Sie wählen?" Lesen Sie hier die Antwort. mehr »

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »