Ärzte Zeitung online, 17.03.2009

Neandertaler vertrug keine Milch - wie die meisten Menschen

BONN/LEIPZIG (dpa). Der Neandertaler vertrug keine Milch. Dies haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Biologie Leipzig jetzt bei der Untersuchung des Erbgutes der populären Urmenschen herausgefunden.

Das entsprechende Gen, das zur Verdauung von Milchzucker notwendig ist, sei bei erwachsenen Neandertalern nicht mehr aktiv gewesen, erklärte der Leipziger Biochemiker Johannes Krause am Dienstag. Lediglich Inder, afrikanische Massai und Europäer verfügten über das Lactase-Gen, das auch nach dem Kindesalter noch das Milchtrinken ohne Verdauungsbeschwerden ermögliche.

Diese Entdeckung am Neandertaler entspreche somit der großen Mehrheit auch der heutigen Weltbevölkerung und sei deswegen keine sonderliche Überraschung, sagte der Biochemiker. "Wir Europäer haben irgendwann vor 10 000 Jahren angefangen, Milchkühe zu züchten", erklärte Krause. Hierdurch habe sich dann allmählich auch das Lactase-Gen so verändert, dass es heute noch bei Erwachsenen in Europa aktiv ist. Isotopen-Untersuchungen am Neandertaler-Fossil hatten erst unlängst gezeigt, dass diese vor etwa 30 000 Jahren aus unbekannten Gründen ausgestorbenen Menschen sich fast ausschließlich von Fleisch ernährt haben.

Überraschend ähnlich zum modernen Menschen sei allerdings das beim Leipziger Neandertaler-Genom-Projekt festgestellte Gen FOXP2, das eine große Rolle für die Sprachfähigkeit spiele. "Es spricht also nichts dagegen, dass auch der Neandertaler sprechen konnte", sagte der Leipziger Wissenschaftler dem Bonner "General-Anzeiger". Auch wenn der genetische Befund für ein Sprachvermögen stehe, sei es allerdings dennoch möglich, dass die Kultur der Neandertaler keine Sprache ausgebildet habe.

Für das umfangreiche Projekt zur Entzifferung des Neandertaler-Erbgutes waren auch Proben des im Rheinischen Landesmuseum Bonn aufgewahrten Urmenschenskeletts untersucht worden. Der Fund aus dem Neandertal von 1856 hatte der Menschenart ihren Namen gegeben.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Rätselhafter Demenz-Rückgang

Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Wisssenschaftliche Erklärungen für die Beobachtung fallen schwer. mehr »

Immuntherapie gewinnt an Stellenwert in der MS-Therapie

Die Therapieoptionen bei Multipler Sklerose (MS) haben sich erweitert. Neue Substanzen werden daher auch in die aktualisierten Leitlinien Einzug halten. mehr »

Polarisierung – Chance für das Parlament

Gesundheitspolitik in Zeiten der großen Koalition – das stand für die fehlende Konkurrenz der Ideen. Der Souverän hat die Polarisierung gewollt. Das ist eine Chance für die Demokratie. mehr »