Ärzte Zeitung online, 05.05.2009

Im Kindergarten Gesundheit lernen

Je früher es bei Kindern gelingt, Bewegung und Ernährung in die richtigen Bahnen zu lenken, umso größer sind die Chancen, späteren Krankheiten und Übergewicht vorzubeugen. Das Präventionsprogramm TigerKids arbeitet dabei erfolgreich, hat jetzt eine Studie der LMU München ergeben. Von Lajos Schöne

Im Kindergarten Gesundheit lernen

Beim Präventionsprogramm TigerKids lernen Kindergartenkinder, dass gesunde Ernährung gut schmecken kann.

Foto: Stiftung Kindergesundheit

"Was Hänschen lernt, davon profitiert Hans ein Leben lang", beschreibt Professor Koletzko von der Stiftung Kindergesundheit das Ziel des Programms TigerKids. "Unsere drei- bis sechsjährigen Kinder lernen früh, dass gesunde Ernährung gut schmecken kann, dass Wasser nicht nur zum Waschen da ist, und dass regelmäßige Bewegung Spaß macht und gut tut". Die Bausteine des Programms sind so gestaltet, dass sie problemlos und dauerhaft in den Kindergartenalltag integriert werden können. Die wichtigsten Ziele sind:

  • regelmäßiger Obst- und Gemüseverzehr;
  • regelmäßiges Trinken von gesunden und kalorienarmen Getränken bei gleichzeitiger Senkung des Konsums von süßen Dickmachern;
  • gesunde Pausenverpflegung und
  • regelmäßige körperliche Bewegung in der Tagesstätte und in der Freizeit.

Das Programm enthält Lernmaterialien für die Kinder, für das Team der Kindertagesstätte und für die Eltern. Ein schlauer Tiger als Handpuppe begleitet die Kinder als Leitfigur. Mit der Puppe können Erzieherinnen zum Beispiel spielerisch die mitgebrachten Pausenbrote beurteilen. Die Kinder identifizieren sich mit der Figur und wissen recht bald, dass sie sich mit Ernährung auskennt und viele Bewegungsspiele mitmacht.

Ein Beispiel für das Lernen im Spiel: Ein "magischer Obstteller", auf dem Obst und Gemüse mundgerecht geschnipselt bereitliegen, wird für die Kinder wie durch Zauberei immer wieder nachgefüllt und regt sie zum regelmäßigen Zugreifen an. Häufig werden Tiger-Rennen durchgeführt, die die Kinder spielerisch anleiten, ein gesundes Frühstück in den Kindergarten mitzubringen.

Zur Steigerung der körperlichen Aktivität gibt es dreimal pro Woche je eine Stunde ein angeleitetes Bewegungsprogramm. Das Team des Kindergartens wird geschult und erhält einen Leitfaden mit sechs Themenheften, die Tipps und Materialien zur Integration der Eltern sowie praktische Vorschläge für Bewegungsspiele und Aktionen zum Thema Ernährung enthalten.

Wissenschaftler der Münchner Universität um Dr. Otmar Bayer haben das Programm rund zwei Jahre lang begleitet. Die Experten verfolgten die Verhaltensänderungen in zwei Etappen bei 1318 und 1340 Kindern in 64 Kindergärten, in denen das Präventionsprogramm umgesetzt wurde. Ernährung und Freizeitverhalten der Kinder zu Hause wurden durch einen Elternfragebogen erfasst. Die Kinder wurden anschließend bei der Einschulung gemessen und gewogen. Ihre Neigung zu Übergewicht bestimmten die Wissenschaftler mit Hilfe des Body-Mass-Index. Zusätzlich wurde das Team des jeweiligen Kindergartens nach seinen Erfahrungen mit dem Programm befragt.

Die Studie wurde jetzt in der Fachzeitschrift "Clinical Nutrition" veröffentlicht (28, 2009, 122). Die Ergebnisse sind mehr als erfreulich, konstatiert die Stiftung Kindergesundheit. Sie zeigen, dass durch die Aktion wichtige Risikofaktoren des Übergewichts günstig beeinflusst werden. TigerKids-Kinder essen zu Hause signifikant häufiger viel Obst, nämlich zwei Portionen pro Tag (67 Prozent der TigerKids-Kinder im Vergleich zu 56 Prozent der Kinder ohne Programm). Sie greifen auch häufiger zu Gemüse (43 Prozent gegenüber 34 Prozent). Gedrosselt wird auch der Wunsch nach süßen Getränken: In der TigerKids-Gruppe trinken 60 Prozent der Kinder nicht mehr als täglich ein Glas Limonade oder Fruchtsaft. In der Kontrollgruppe sind es nur 48 Prozent der Kinder.

Ein positiver Trend zeigt sich in den TigerKids-Kindergärten auch im Hinblick auf die Häufigkeit von Übergewicht. Mit 14 Prozent sind Tigerkids seltener übergewichtig als Kontrollkinder mit 18 Prozent. Auch Adipositas kommt mit 3,4 Prozent gegenüber 5,4 Prozent deutlich seltener vor.

Professor Berthold Koletzko: "Etwa 97 Prozent aller Kinder in Deutschland besuchen Kindergärten und Kindertagesstätten. Dort sind also grundsätzlich alle Bevölkerungsgruppen vertreten. Besonders erfreulich ist, dass wir durch das TigerKids-Programm auch viele Kinder aus bildungsfernen Familien und aus Familien mit Migrationshintergrund erreichen können, bei denen die bisherigen Präventionsprogramme häufig keine Wirkung hatten".

Programm erreicht schon

150 000 Familien

Das Programm "Tigerkids - Kindergarten aktiv" wird derzeit in Projektpartnerschaft der Stiftung Kindergesundheit und der AOK Gesundheitskasse bundesweit angeboten und erreicht bereits mehr als 3 000 Kindertageseinrichtungen und damit über 150 000 Familien. "Es gibt mittlerweile sogar Wartelisten für die interessierten Kindergärten, denn die AOK kommt kaum noch nach, die Mitarbeiter für den Einsatz des Präventionsprogramms zu schulen", berichtet Professor Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit und Initiator des Präventionsprogramms.

www.tigerkids.de/

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