Ärzte Zeitung online, 14.12.2016
 

"Es macht süchtig"

Warum viele Afrikaner Erde essen

Ein nahezu unstillbares Verlagen: In Afrika verzehren sich viele Menschen nach Lehm und Gestein als Nahrung. Woher kommt die Lust auf Erde? Forscher sind dem Phänomen "Geophagie" auf der Spur.

Warum viele Afrikaner Erde essen

Rätselhaft: Das Verlangen danach, Erde und Gestein zu essen.

© flyparade/ iStock/ Thinkstock

NAIROBI. Die ersten Kundinnen warten schon, als Beatrice Athiambo am Morgen die Plastikplane über ihrem Verkaufsstand zurückzieht. Die Frauen auf dem Markt in Kenias Hauptstadt Nairobi wollen Lehm zum Essen – teils so stark komprimiert, dass er aussieht wie Gestein, teils fast zu Pulver zermalmt.

In Afrika ist Geophagie, also das Essen von Erde, weit verbreitet – vor allem unter schwangeren Frauen. Einschätzungen darüber weichen stark voneinander ab: Verschiedenen Studien zufolge greifen 28 bis 84 Prozent der schwangeren Afrikanerinnen zu den meist stark lehmhaltigen Produkten.

Manche sammeln sie selbst – an Steinbrüchen, von Termitenhügeln oder aus Flussbetten. Andere kaufen die Erdklumpen auf dem Markt oder im Supermarkt – wo sie oft auch in gebrannter Form angeboten werden und dann noch eher aussehen wie massive Steine.

"Steine zum Essen"

Zum Beispiel bei Beatrice Athiambo. Ihren Stand kennt so gut wie jeder auf dem Toi Markt in Nairobi. Um zu ihr zu gelangen, drängt man sich von der Hauptstraße aus durch enge Gassen, vorbei an Hosen, Töpfen, Blusen und Taschenlampen, die von Wellblechdächern hängen. Schließlich steht man vor ihrem Angebot an "Mawe ya kula" – übersetzt aus der Landessprache Kisuaheli "Steine zum Essen".

Da gibt es orangefarbene Blöcke, die weich sind und im Mund zu ganz feinem Sand zerfallen. Und dann sind da noch die grauen Blöcke – gröber und härter. Eigentlich würden die zum Bauen genutzt, wenn sie nicht gerade auf Mama Athiambos Ladentheke landeten, lacht Zimmermann Ayub Odhiambo, der am Stand nebenan arbeitet und ihr manchmal beim Ausladen der schweren Säcke hilft.

Athiambo kauft ihre Ware direkt an einer Lehmgrube in Säcken zu rund 100 Kilogramm. Mit einer Machete hackt sie die ziegelsteingroßen Klötze klein. Fünf kenianische Schilling (fünf Cent) verlangt sie für ein apfelgroßes Stück.

Die kleiner gehackten Blöcke kosten drei Schilling. Von den bröseligen Resten naschen hauptsächlich die Stammkundinnen beim morgendlichen Tratsch. Die Geschäftsidee hatte Athiambo vor vier Jahren, weil sie selbst gern Erde aß.

Anthropologin untersucht Phänomen

Aber warum nehmen Menschen Erde zu sich und das teils in Mengen von mehreren Hundert Gramm pro Tag? Eine Gruppe von Wissenschaftlern um die Medizinanthropologin Ruth Kutalek von der Medizinischen Universität Wien ließ im Zuge einer Studie die Konsumenten selbst zu Wort kommen.

Die Befragungen in Uganda, dem westlichen Nachbarland Kenias, lieferten zwar keine repräsentativen Ergebnisse für ganz Afrika. Doch sie eröffneten einen Einblick in die wenig erforschten Beweggründe für das Essen von Erde, sagt Kutalek.

50 Menschen befragte das Team zum Thema – Männer und Frauen, Schwangere und Nicht-Schwangere und auch medizinische Fachleute. Fazit: Am weitesten verbreitet ist das Phänomen unter Schwangeren. Sie nannten als Grund für den Griff zu den Klumpen zumeist ein unerklärliches körperliches Verlangen.

Viele Schwangere gaben an, die Erde helfe gegen Morgenübelkeit und Sodbrennen. Vor allem deren Gerüche seien verlockend, wie etwa der Duft von feuchter Erde nach dem Regen, oder jener von frisch gebrannten Ziegelsteinen.

"Es macht süchtig. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn ich es sehe", sagt Joyce Andalo. Sie ist Stammkundin bei Nicolas Mutesia, der auf dem Toi Markt neben Flip-Flops, Taschen und Wäscheleinen auch Steine verkauft. Die 34-jährige Verkäuferin aus Nairobi kostete zum ersten Mal als kleines Mädchen von den erdigen Brocken. Ihre Mutter hatte welche gekauft.

Erde-Naschen als Belohnung

Heute versuche sie, den besonderen Snack als Belohnung zu sehen. Wie ein kaltes Bier nach einem langen Arbeitstag. Sie isst die Klumpen als Leckerbissen nach dem Abendessen. Oder nach dem Mittagessen. Oder einfach zwischendurch. Bei ihrer letzten Schwangerschaft habe sie vier bis fünf von den großen Stücken gegessen. "Täglich", fügt sie ein wenig verlegen hinzu.

Das Phänomen ist weit verbreitet. So isst Mary Gitonga seit etwa vier Jahren die harten Lehmstücke, derzeit etwa einen halben pro Tag. Die Lust darauf hat auch bei ihr in der Schwangerschaft zugenommen.

Manche Wissenschaftler vermuten Eisenmangel als Hauptgrund für Geophagie. Zwar sei diese Annahme durch Studien nicht ausreichend bestätigt, schreiben Forscher aus Französisch-Guyana. Aber viele Indizien deuteten darauf hin.

Außerdem könnten Stoffe, die in der tonhaltigen Erde enthalten seien, Vergiftungen vorbeugen. Das sei für den Menschen im Laufe der Evolution sehr wichtig gewesen.

Verlangen nach Erde wohl schon lange vorhanden

Schon seit Urzeiten isst der Mensch Erde. An der Grenze zwischen Sambia und Tansania in Ostafrika entdeckten die Forscher aus Französisch-Guyana Indizien, dass bereits Homo habilis spezielle Erden sammelte und verzehrte.

Auch an europäischen Ausgrabungsstätten wurden demnach Zähne aus der Jungsteinzeit mit entsprechenden Abnutzungserscheinungen gefunden. Bis weit in die Neuzeit hinein sei das Essen von Erden auch in Europa verbreitet gewesen, sagt die Medizinanthropologin Kutalek.

Heute gebe es das Phänomen noch in Teilen der USA, in Lateinamerika, in Indien – und afrikanischen Ländern. In Europa könne man spezielle Erde zum Essen auch in exotischen Supermärkten kaufen. Wie viele Menschen tatsächlich zugreifen, sei jedoch unklar.

Im Nairobi Hospital in Kenia behandelt der Gynäkologe Samson Mabukha Wanjala täglich Frauen, die Erde essen. Seine Erklärung für ihre Lust darauf: "Physiologisch reagiert der Körper darauf, nach etwas zu verlangen, das ihm fehlt." So bräuchten Schwangere etwa viel Kalzium.

Der Arzt praktiziert seit den 70ern in Kenia. Geophagie komme in der Stadt und auf dem Land gleichermaßen vor, sagt er. Über die vergangenen Jahrzehnte habe sich der Konsum kaum verändert.

Geophagie birgt auch Gefahren

Dabei berge das Verhalten Risiken für die Frauen: "Während sie ihr Verlangen befriedigen, nehmen sie oftmals andere Krankheiten auf, wie etwa Infektionen." Die Ware werde nicht hygienisch behandelt und liege – wie Baumaterial – auf dem Boden herum. Durchfall- und Wurmerkrankungen seien da keine seltenen Nebenerscheinungen.

Verlässliche wissenschaftliche Erkenntnisse über die Wirkung von Lehm und Erde auf den menschlichen Körper gebe es nicht, sagt Kutalek. Klar sei aber, dass viele dieser Erden Schwermetalle enthielten, die möglicherweise gesundheitsschädlich wirkten. Die Forscher aus Französisch-Guyana gehen davon aus, dass Lehm den Eisenmangel sogar verschlimmert und Vergiftungen hervorrufen kann – und raten vom Verzehr ab.

Die zweifache Mutter Andalo bleibt aber bei ihren steinartigen Lehmblöcken. In der letzten Schwangerschaft habe sie zwar kurzzeitig auf sie verzichtet, als ihr Arzt ihr Nahrungsergänzungsmittel gegeben habe. "Doch nur ein paar Monate nach der Geburt ..." Sie lacht und schiebt sich genüsslich noch ein nussgroßes Stück in den Mund. (dpa)

[14.12.2016, 18:41:40]
Kurt Grüngreiff 
Geophagie und Zinkmangel
Die Geophagie ist eng mit einem Zinkmangel verbunden. Dieses Phänomen wurde von Prasad und Mitarbeitern erstmals 1961(1) und 1963 (2) beschrieben. Die Autoren fanden bei Kindern und Jugendlichen der ärmeren Bevölkerungsschichten im Iran, bei denen die Geophagie weit verbreitet ist, einen typischen Symptomenkomplex :
allgemeine körperliche und geistige Reatardierung
Anämie, Hauterkrankungen, Hypogonodismus, Hepatosplenomegalie.
Die Autoren konnten im Serum und in verschiedenen Geweben einen Zinkmangel nachweisen. Nach Zinksubstitution konnten alle Symptome innerhalb weniger Monate beseitigt werden. Als Ursache der Störungen wurde, wie auch später bestätigt, eine reduzierte intestinale Zinkresorption infolge Komplexbildung dieses essentiellen Spurenelements mit Phsphat und Phytat vermutet, das in Lehm-Kleie-Gemischen in hohen Konzentrationen vorliegt(3).
Literatur : 1.Prasad AS, Halsted JA, Nadimi M.:Syndrome of iron deficiency anemia, hepatosplenomegaly, hypogonadism, dwarfism and geophagia. Am J Med 1961;31:532-546. 2. Prasad AS, Miale A, Farid Z et al.: Zinc metabolism in patients with the syndrome of iron deficiency anemia, hepatosplenomegaly, dwarfism, and hypogonadism. J Lab Clin Med 1963;61:537-549. 3. Grüngreiff K, Reinhold D. Zink: Bedeutung in der täglichen Praxis. Hessdorf-Klebheim: J. Hartmann-Verlag, 2007
Doz. Dr. med. habil. Kurt Grüngreiff zum Beitrag »

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