Ärzte Zeitung online, 02.03.2017

Zu schwer für die Schulbank

Blaupause für gesünderes Schulessen

Die zunehmende Zahl adipöser Schüler rückt nicht nur in Deutschland die Qualität der Schulverpflegung in den Fokus. Malta präsentiert nun eine Blaupause für gesünderes Schulessen. Stellschraube ist die Vertragsgestaltung in der öffentlichen Versorgung.

Von Matthias Wallenfels

Blaupause für gesünderes Schulessen

Um der Fettleibigkeit von Kindern entgegen zu wirken, soll bereits in der Schule auf gesundes Essen verstärkt geachtet werden.

© somenski - Fotolia

Valletta zeigt Flagge in puncto gesunder Schulernährung – und damit der Bekämpfung von Übergewicht und Adipositas bereits im Kindesalter. Im Rahmen seiner EU-Ratspräsidentschaft will Malta den EU-Mitgliedsstaaten den Weg ebnen zu einer möglichst einfachen öffentlichen Versorgung mit gesunden Lebensmitteln an Schulen durch Caterer. Festgehalten sind die Strategien in dem jetzt veröffentlichten Bericht "Public procurement of food for health: technical report on the school setting".

Sei das Modell erst einmal etabliert, so könne es auch auf Betriebskantinen, Pflege- und Altenheime, Krankenhäuser oder auch Gefängnisse übertragen werden, frohlockten der maltesische Gesundheitsminister Chris Fearne und andere hochrangige Vertreter aus der europäischen Gesundheitsszene jüngst bei der Vorstellung des Konzeptes im Zuge eines Treffens von EU-Kommission und -Rat.

"Wenn wir wollen, dass die Epidemie der Fettleibigkeit bei Kindern in Europa umgekehrt wird, müssen wir dafür sorgen, dass automatisch und selbstverständlich eine gesunde Ernährung gewählt wird. Aufwändige Vorschriften für das öffentliche Auftragswesen dürfen niemals ein Hindernis für die Bereitstellung gesunder Mahlzeiten in Schulen darstellen", verdeutlichte Fearne.

Fast die Hälfte der Elfjährigen in Malta zu dick

Dass sich Valletta des Themas der gesunden Ernährung an Schulen unter seiner Ratspräsidentschaft annimmt, die ansonsten die Bewältigung der Migration in den Mittelpunkt stellt, ist keineswegs ein Zufall. Denn Malta hat selbst bereits Programme aufgesetzt, um in den Schulen des Landes für mehr Bewegung und gesünderes Essen zu sorgen, wie aus dem Bericht "Small country case stories on intersectoral action for health" des europäischen WHO-Regionalbüros hervorgeht. Demnach waren im Jahre 2012 insgesamt 47 Prozent der Elfjährigen entweder übergewichtig oder bereits adipös.

 Das bewegte die Gesundheits- und Erziehungssektoren zur Etablierung und Implementierung einer landesweiten Strategie, um die physischen Aktivitäten der Schüler zu erhöhen und um die Ernährungsangebote in den Schulen zu verbessern. Das Programm mit dem Titel "A whole of school approach to a healthy lifestyle: healthy eating and physical activity" startete zum Jahresbeginn 2015. Die Schulen wurden unter anderem angehalten, in ihren Kiosken gesündere Nahrungsmittel vorzuhalten.

Gesunde Nahrungsmittel sieht Malta nun auch in seinem europäischen Vorstoß für eine bessere Essensqualität in Schulen als Stellschraube. Das heißt, Caterer sollen vertraglich verpflichtet werden, Speisen anzubieten, die bestimmten Vorgaben wie dem maximalen Salzgehalt oder der Anzahl und Frequenz, in der zum Beispiel Früchte vorgehalten werden, genügen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind in "Titel III Besondere Beschaffungsregelungen Kapitel I Soziale und andere besondere Dienstleistungen" der EURichtlinie 2014/24 festgelegt, die die Staaten jeweils in nationales Recht überführen müssen.

Plädoyer für verpflichtende DGE-Qualitätsstandards

Inwieweit Deutschland Lehren aus der maltesischen Initiative ziehen wird, bleibt abzuwarten. Immerhin gibt es für Schulcaterer die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) erarbeiteten Qualitätsstandards für die Schulverpflegung als Leitplanken. Zu wenig, moniert hier zum Beispiel die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), die verbindliche Qualitätsstandards für die Kita- und Schulverpflegung als Maßnahme gegen die Übergewichtswelle bei Kindern und Jugendlichen fordert. Nur zwei Bundesländer – Berlin und das Saarland – hätten die anerkannten DGE-Qualitätsstandards bisher für verbindlich erklärt. Die Kultusministerien der restlichen Länder hätten signalisiert, keine Verpflichtung in Erwägung zu ziehen. "Die Verantwortung wird an die Schulträger und Schulen abgeschoben", so die DANK.

Auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) sieht dringenden Handlungsbedarf und nahm im vergangenen Jahr eine Bertelsmann-Studie, der zufolge vier von zehn Schülern nach Auskunft ihrer Eltern am schulischen Mittagessen teilnehmen, zum Anlass, mehr rechtliche Verbindlichkeit für Caterer einzufordern. "Eine gesunde Kita- und Schulverpflegung kann einen nachhaltigen Beitrag leisten, um Übergewicht bei Kindern und jungen Erwachsenen zu vermeiden", betonte Dietrich Garlichs, zugleich DDG-Geschäftsführer und DANK-Sprecher.

Nicht angesprochen wird sowohl von maltesischer als auch von deutscher Seite, wie eine – effizienter geregelte – qualitativ hochwertigere Schulverpflegung finanziert werden sollte.

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