Ärzte Zeitung online, 15.08.2017
 

Vergiftung durch Verwechslung

Pilzberater auf Nachwuchssuche

Beratung ist alles: Alle Jahre wieder kommt es zu Vergiftungen, weil Sammler Pilze verwechseln. Experten sind gefragt, doch die machen sich rar.

Pilzberater auf Nachwuchssuche

Wer frische Pilze selbst sammelt, sollte sich gut auskennen oder vor dem Verzehr einen Pilzberater aufsuchen.

© Markus Mainka / Fotolia

ERFURT. Die Hoch-Zeit der Pilzsaison steht bevor – doch zunehmend fehlen professionelle Berater, die Sammlern bei Zweifelsfällen helfen. "Leider ist das Netz von Pilzberatern sehr weitmaschig geworden beziehungsweise werden Pilzberatungsstellen von den meisten Gemeinden in Deutschland nicht mehr vorgehalten", sagt Bettina Plenert vom Erfurter Giftinformationszentrum. "Letzteres liegt auch an der fehlenden staatlichen Unterstützung." Eine positive Ausnahme sei Mecklenburg-Vorpommern.

Experten könnten mit der Begutachtung von Pilzfunden Vergiftungen verhindern. Allein in Erfurt – das Zentrum ist eine gemeinsame Einrichtung der Länder Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern – geht jährlich eine Vielzahl von Notrufen wegen Pilzvergiftungen ein: Voriges Jahr waren es laut Plenert 240, 2014 sogar 348. Dieses Jahr gab es bisher 86 Anfragen – allerdings geht die Pilzschwemme meist erst ab Ende August richtig los.

Fehler beim Transport

Die Zahlen schwanken stark, je nachdem wie die Pilze in den Wäldern sprießen, erläutert Plenert. Sie mögen es vor allem feucht und warm. Deshalb gebe es in Jahren mit lang anhaltender Trockenheit meist weniger Notrufe wegen Pilzvergiftungen.

"Viele Pilzsammler kennen sich schlecht oder gar nicht mit Pilzen aus", erklärt die Ärztin zu den Gründen solcher Vergiftungen. "Sie kennen oft nicht die exakten Merkmale der Pilze, die sie suchen möchten, und noch weniger die Merkmale giftiger Doppelgänger." Hinzu kämen Fehler bei Transport, Lagerung und Zubereitung von Pilzen.

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) hat erst vor wenigen Tagen fünf Patienten mit einer lebensbedrohlichen Pilzvergiftung aufgenommen. Sie stammten aus Osteuropa und hätten den hochgiftigen Knollenblätterpilz irrtümlich für essbar gehalten, sagte Professor Michael Manns, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie. Die Patienten kamen mit Erbrechen und Durchfall in die Notaufnahme.

Im vergangenen Jahr hatte die Klinik mehr als 30 Asylbewerber mit Pilzvergiftungen behandelt. Der Knollenblätterpilz hat große Ähnlichkeit mit essbaren Arten in den Herkunftsländern. Deshalb wurde ein Warn-Plakat in sieben Sprachen entworfen, das jetzt wieder per Mail an Behörden und Migranten-Treffpunkte verteilt werden soll.

Vorsicht – und nochmals Vorsicht!

Die Symptome reichen von mehr oder weniger heftigen Brechdurchfällen bis hin zum Multiorganversagen mit Todesfolge, warnt das Giftinformationszentrum die Sammler. Um selbst gesammelte Pilze "ungestraft" genießen zu können, sollten einige Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden. Insbesondere sollten Pilze, die nicht hundertprozentig bekannt seien, stehengelassen oder vor dem Verzehr einem Pilzberater vorgelegt werden. Der Giftnotruf Erfurt kann bundesweit bei der Vermittlung eines Pilzberaters oder Pilzsachverständigen helfen.

"Pflücken Sie die Pilze im Ganzen, das heißt auch mit der Stielbasis und heben Sie sämtliche Putzreste für 24 bis 48 Stunden an einem kühlen Ort auf; sollten sich tatsächlich Vergiftungserscheinungen einstellen, kann das für Sie lebenswichtig sein, denn so können Pilze noch im Nachhinein durch einen Pilzberater identifiziert werden", heißt es in einem Infoblatt des Giftinformationszentrums.

Doch was sollten Menschen tun, die nach dem Pilzessen verdächtige Symptome wahrnehmen?

"Selbstschutz beachten!"

Zuerst um den Betroffenen kümmern, Grundsätze der Ersten Hilfe beachten. Keinesfalls Erbrechen mit Salzwasser provozieren, auch das Auslösen von Erbrechen mit dem Finger sollte unterlassen werden – insbesondere bei Kindern, alten Menschen und bei bereits vorhandenen Anzeichen einer Vergiftung.

Dann sei die Fahrt zum Arzt dringend erforderlich – "vorzugsweise in eine Klinik". Ratschläge gibt die Beratungsstelle selbst für Extremfälle: "Tobsüchtige / aggressive Personen müssen notfalls zusätzlich mithilfe der Polizei (110) gebändigt werden. Selbstschutz beachten!" (dpa/eb)

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