Ärzte Zeitung online, 19.09.2017

O‘zapft is

Warum Biertrinken tatsächlich zufrieden macht

Jetzt ist es wissenschaftlich bewiesen: Bier macht glücklich. Forscher fanden einen Stoff, der wohl mit dem Belohnungszentrum im Hirn interagiert und dadurch die Stimmung des Trinkers hebt.

Warum Biertrinken tatsächlich zufrieden macht

Ein Feierabend-Bier in entspannter Atmosphäre tut vielen gut. Wissenschaftler haben jetzt den Stoff identifiziert, der wohl die Stimmungssteigerung auslöst.

© merydolla / stock.adobe.com

NÜRNBERG. Pünktlich zum Start des Münchener Oktoberfests haben Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen (FAU) eine Studie zum Thema Bier vorgestellt. Im Fachmagazin Nature Scientific Reports haben die fränkischen Wissenschaftler eine Studie veröffentlicht, die wissenschaftlich beweisen soll, dass der Gerstenmalztrunk eine stimmungssteigernde Wirkung besitzt (doi: 10.1038/srep44201).

13.000 Stoffe gescreent

Die Franken haben dafür eine virtuelle Datenbank mit 13.000 Molekülen zusammengestellt, die in Lebensmitteln vorkommen. In dieser suchten sie nach jenen Stoffen, die potenziell mit dem Dopamin-D2-Rezeptor interagieren. Jener Andockpunkt liegt im Belohnungszentrum des Gehirns und aktiviert das Hirnareal, wenn er stimuliert wird.

Dabei nutzten sie die aus der Medikamentenforschung bekannte Methode des virtuellen Screenings: Der Computer berechnet die möglichen passenden Moleküle über die Analyse der dreidimensionalen Struktur des Rezeptors oder indem der PC die Moleküle mit synthetischen Substanzen vergleicht, von denen die Rezeptor-Interaktion bereits bekannt ist.

Hordenin steigert Stimmung

Mit diesem Hilfsmittel fanden die Forscher 17 Moleküle, die mit dem Dopamin-Rezeptor interagieren könnten. Chemiker der FAU untersuchten diese und identifizierten Hordenin; jeder Stoff kommt im Braugetränk vor. Diese Substanz unterscheidet sich jedoch von Dopamin in der Interaktion mit dem Rezeptor: Hordenin aktiviert ihn über sogenannte G-Proteine, was einen nachhaltigeren Effekt auf das Belohnungszentrum haben könnte.

Einschränkend weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass noch unklar ist, ob die im Bier enthaltene Menge an Hordenin ausreicht, um das Belohnungszentrum ausreichend zu stimulieren. Diesen Sachverhalt analysierten die Franken derzeit. (ajo)

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[20.09.2017, 17:25:10]
Dr. Stefan Graf 
Phenylethylamin - "Schokoglück"
Hallo Herr Dr. Schliemann: Bei Ihrem Stichwort "Phenylethylamin" kommt mir Schokolade in den Sinn. Da laufen doch die "Diskussionsdrähte" auch seit Jahren heiß, ob Phenylethylamin für die glücklich machende Schokowirkung verantwortlich ist. Ob die Dosis ausreicht und ob die Überwindung der Blut-Hirn-Schranke gelingt, scheint nach wie vor fraglich.
Was das Bier anbelangt, ist es jedenfalls nicht der Alkohol, der glücklich macht - nicht nur wegen der zahlreichen Folgeerkarnkungen auf die Dr. Schätzler hingewiesen hat.

MfG - Dr.rer.nat. Stefan Graf  zum Beitrag »
[20.09.2017, 15:16:23]
Dr. Willibald Schliemann 
Hordenin ist nicht gleich Hordenin
Hallo Herr Dr. Traub, Hordenin ist zum einen ein Reserveprotein der Gerste, aber hier ist der gleichnamige Sekundärstoff p-Hydroxy-2',2'-dimethyl-phenylethylamin gemeint. zum Beitrag »
[19.09.2017, 19:01:44]
Dipl.-Med Peter Bühler 
Hm tolle Vorträge dazu
soweit mir bekannt ist triit aber diese Hordenin Wirkung bei oraler Applikation gar nicht auf, sondern nur bei i.v. Verabreichung. Wird hier von einer Bierinfusion gesprochen (Dauertropf?) - Gruss Bühler zum Beitrag »
[19.09.2017, 17:15:27]
Dr. Michael Traub 
Hordenin verwandt mit Avenin?
Wenn Pferde sich zu wohl fühlen, sagt man, sie habe der Hafer gestochen. Demnach sind Hordenin in der Gerste, Gliadin
im Weizen und Avenin im Hafer verwandte Stoffe , und die Wirkung - seit Paracelsus wissen wir's - abhängig von der Dosis.
Deswegen werden Pferde zum Fressen nicht in ein Haferfeld geführt - aber selbst das Hordenin der Gerste könnte bei ihnen
zum Dopingverdacht führen. zum Beitrag »
[19.09.2017, 14:46:55]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ist das etwa ein Beitrag zum Thema „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“?
Nach einer kürzlich veröffentlichten gepoolten Analyse des "Stomach cancer Pooling (StoP)"-Projekts im International Journal of Cancer mit dem Titel “Alcohol consumption and gastric cancer risk - A pooled analysis within the StoP project consortium” von Matteo Rota et al. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ijc.30891/full
sei erst ab einer relativ hohen täglichen Menge von über vier kleinen (!) alkoholischen Getränken eine signifikant erhöhte Magenkrebsrate festzustellen: 4 x Wein à 0,1 Liter bzw. 4 kleine Flaschen Bier à 0,33 Liter.

Doch liegt hier ein angemessener Beitrag zur Krebs-Epidemiologie unter Alkohol-Einfluss vor? Dem Autorenteam ist offensichtlich nicht einmal bewusst, dass Alkohol-bedingte Gesundheitsschädigungen bzw. Tumorrisiken eben n i c h t monokausal und schon gar nicht mono-lokulär auf isolierte Zielorgane heruntergebrochen werden können.

Schon gar nicht adäquat ist eine Kategorienbildung zwischen:
Abstinenzlern ("abstainers"), Trinkern bis 4 Drinks/Tag ("drinkers"), starken Trinkern ("heavy drinkers") mit 4-6 Drinks/Tag und sehr starken Trinkern ("very heavy drinkers") mit mehr als 6 Drinks/Tag. Auf retrospektiven Beobachtungen fußende Metaanalysen führen gerade beim Alkoholkonsum systematisch in die Irre, weil die Übergänge zwischen den Verbrauchs-Kategorien nicht nur substanzbedingt zumeist fließend sind.

Dem Autorenteam sind auch keine weiteren Widersprüche aufgefallen, die in seinem Abstract und in seiner Publikation selbst stecken:
- Wenn im Vergleich zu Alkohol-Abstinenten kein erhöhtes Magenkrebsrisiko bei bis zu 4 Drinks (z.B. à 0,1 L Wein) pro Tag besteht, dieses jedoch bei 4-6 x tgl. 0,1 L Wein schon ansteigen soll, gibt es doch im tatsächlichen Leben unserer Patientinnen und Patienten keinen einzigen, der tatsächlich auf immer und ewig tgl. maximal dieselbe Menge von bis 4x 0,1 L Wein oder andere äquivalente Alkoholmengen konsumiert, bzw. nicht situativ bedingt auch mal "tiefer ins Glas schaut". Zwischen diesen beiden Alkohol-Konsum-Mengen gibt es allenfalls eine fiktive Unterscheidungsmöglichkeit.
- Allein die Tatsache, dass das Risiko bei mehr als 4 Drinks für Nichtraucher höher war, als das Risiko für Raucher mit geringerem Alkoholkonsum, zeigt nicht etwa, dass Rauchen vor Magenkrebs schützen könne, sondern im Gegenteil, dass dadurch das Bronchialkarzinom-Risiko erhöht wird!
- Wer eine Studie mit "Alcohol consumption and gastric cancer risk" überschreibt, kann nicht plötzlich im Text über "in intestinal-type" und "diffuse-type cancers" ohne empirisch belegte Daten konfabulieren.

["Compared with abstainers, drinkers of up to 4 drinks/day of alcohol had no increase in gastric cancer risk, while the ORs were 1.26 (95% CI, 1.08–1.48) for heavy (>4 to 6 drinks/day) and 1.48 (95% CI 1.29–1.70) for very heavy (>6 drinks/day) drinkers. The risk for drinkers of >4 drinks/day was higher in never smokers (OR 1.87, 95% CI 1.35–2.58) as compared with current smokers (OR 1.14, 95% CI 0.93–1.40). Somewhat stronger associations emerged with heavy drinking in cardia (OR 1.61, 95% CI 1.11–2.34) than in non-cardia (OR 1.28, 95% CI 1.13–1.45) gastric cancers, and in intestinal-type (OR 1.54, 95% CI 1.20–1.97) than in diffuse-type (OR 1.29, 95% CI 1.05–1.58) cancers."]

Die Quintessenz der hier beschriebenen Metaanalyse gilt auch für "Feierabend-Bier in entspannter Atmosphäre tut vielen gut. Wissenschaftler haben jetzt den Stoff identifiziert, der wohl die Stimmungssteigerung auslöst": Denn nur wer täglich nicht mehr als drei kleine Gläser Wein à 0,1 Liter oder drei kleine Flaschen Bier à 0,33 Liter trinkt, hat k e i n messbar erhöhtes Risiko, an Magenkrebs zu erkranken.

Wer das zum Start des Münchener Oktoberfests, was die Forscher der "Bier-Studie" an der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen (FAU) gar nicht ernsthaft geprüft haben, mit 2-3 Maß Bier (2-3 Liter sind gut 6 bis fast 10 Flaschen Bier a 0,33 L) täglich deutlich übertreibt, wird sich an "Bier macht glücklich" womöglich bei den zahlreichen Folgeerkrankungen seines Alkoholabusus und seinen konsekutiven Intoxikationen bei jedem Oktoberfest gar nicht mehr erinnern können.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund




Allgemeine, multimorbiditäts- und unfall-bezogene Risiken des Alkoholkonsums waren hier nicht inkludiert!  zum Beitrag »

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