Ärzte Zeitung online, 24.07.2018

EUGH entscheidet über Genschere

Bald Gen-Gemüse auf den Tellern?

Deutsche wollen keine gentechnisch veränderten Lebensmittel essen. Das könnte – je nachdem wie der EuGH über die sogenannte Genschere Crispr entscheidet – bald unwissentlich geschehen.

Von Valentin Frimmer

Bald Gen-Gemüse auf den Tellern?

Gentechnisch veränderte Lebensmittel will in Deutschland fast niemand auf dem Teller haben. Ob das in Zukunft so bleibt, darüber wird das EuGH am Mittwoch entscheiden.

© Natalie / stockadobe.com

BERLIN. Kaum jemand in Deutschland möchte gentechnisch veränderte Lebensmittel auf dem Teller haben. Dort liegen könnten sie künftig trotzdem. Ohne dass es der Verbraucher merkt. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) will dazu am Mittwoch eine weitreichende Entscheidung treffen.

Bisher gibt es solches Obst, Gemüse oder Fleisch im Supermarkt nicht zu kaufen. Es rentiert sich für den Handel schlicht nicht. Verbraucher können die Produkte an einer speziellen Kennzeichnung erkennen - und lassen die Finger davon.

Doch bald könnten bestimmte genetisch manipulierte Produkte quasi inkognito ihren Weg in die Regale finden. Denn vor dem EuGH geht es um die Frage, ob neue gentechnische Methoden wie bestimmte Anwendungen der Genschere Crispr unter die strengen Auflagen des europäischen Gentechnikrechts fallen. Dabei werden gezielte Änderungen im Erbgut erreicht, ohne dass fremde DNA eingefügt wird.

Methoden wie Crispr gelten als besonders günstig und effizient. Umstritten ist, ob beispielsweise auf diese Weise veränderte Pflanzen rechtlich gesehen Gewächsen aus herkömmlicher Züchtung gleichzusetzen sind. Und ob solche Pflanzen von weitreichenden Ausnahmen von den GVO-Regeln (GVO= Gentechnisch veränderte Organismen) profitieren.

Verbraucherschützer warnen

Verbraucherschützer sind vor dem EuGH-Urteil alarmiert. GVOs müssen vor der Zulassung auf ihre Sicherheit geprüft werden und im Handel gekennzeichnet sein. Je nach Entscheidung des Gerichts fallen künftig bestimmte gentechnisch veränderte Lebensmittel nicht unter die GVO-Regularien. "Das ist nicht im Sinne des Vorsorgeprinzips. Deshalb plädieren wir ganz stark dafür, dass diese Produkte als Gentechnik eingestuft werden", sagt Isabelle Mühleisen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Mühleisen geht davon aus, dass von der Kennzeichnungspflicht befreite Produkte den Weg in den Handel finden. "Das wird dann ein riesiger Feldversuch." Für den Schutz von Umwelt und Gesundheit stehe viel auf dem Spiel, schreiben 21 Verbände, darunter Umweltschützer, in einer gemeinsamen Mitteilung. "Bei der Gentechnik geht es um Lebewesen, die sich vermehren, genetisch austauschen und sich auch unkontrolliert ausbreiten können."

Lebensmittel, für die die GVO-Regularien gelten, findet man in deutschen Supermärkten bislang nicht. Die überwiegende Mehrheit der Verbraucher in Deutschland lehnt sie ab, heißt es beim Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels als Begründung. Tatsächlich gibt es in der deutschen Bevölkerung große Vorbehalte: Rund zwei Drittel halten es laut dem Naturbewusstseins-Bericht 2017 des Bundesumweltministeriums eher für problematisch, gentechnisch veränderte Lebensmittel zu essen.

Ausnahmen bei der Kennzeichnungspflicht gibt es schon jetzt. So müssen Lebensmittel von Tieren, die mit gentechnisch veränderten Futtermitteln gefüttert wurden, nicht gekennzeichnet werden. Dazu gehören Milchprodukte, Fleisch oder auch Eier. Wer hier Gentechnik ausschließen will, sollte auf das "Ohne Gentechnik"-Siegel achten, rät Mühleisen.

Noch gibt es in der EU keine Produkte, die von dem EuGH-Urteil betroffen wären, erklärt Ricardo Gent, Geschäftsführer der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie.

Unternehmen in den Startlöchern

Aber viele Unternehmen warteten gespannt auf die Entscheidung und stünden in den Startlöchern. In den USA gebe es etwa eine Kartoffel, deren Lagerfähigkeit verbessert wurde.

Auch der Deutsche Bauernverband setzt darauf, dass die neuen gentechnischen Methoden künftig nicht unter GVO-Regularien fallen. "In Deutschland und Europa müssen wir moderne Züchtungsverfahren nutzen können, sonst haben wir im internationalen Wettbewerb wenig Chancen", sagt der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied. Er erhofft sich Pflanzen, die Hitze- oder Erreger resistenter sind. (dpa)

Topics
Schlagworte
Ernährung (3687)
Recht (12909)
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Marathon geht Amateuren richtig ans Herz

Wer sich als Amateur an einen Marathon wagt, ist trotz regelmäßigen Trainings kardial gefährdet. Studienautoren geben einen Tipp, um das Herz nicht so stark zu belasten. mehr »

„Das ist keine Propagandaschlacht“

Einige Passagen im geplanten Termineservice- und Versorgungsgesetz stoßen Ärzten sauer auf. Im Interview erläutern die drei KBV-Vorstände, warum sie zuversichtlich sind, dass sich Änderungen noch durchsetzen lassen. mehr »

TK senkt Zusatzbeitrag – Barmer nicht

Nach und nach geben die Krankenkassen ihren Beitragssatz für 2019 bekannt - nun tat dies die Kassen-Schwergewichte TK und Barmer sowie zwei weitere AOKen. Es zeichnen sich sinkende Zusatzbeiträge ab, aber nicht bei jeder Kasse. mehr »