Ärzte Zeitung online, 23.08.2018

Ess-Insekten

Pasta mit sechs Beinen

Insekten essen ist ein Trend-Thema. Mit einem Trick wollen die Hersteller noch mehr Menschen erreichen. Ein Überblick über Marketingstrategien, Weltsicht – und wer hinter dem Boom steckt.

Von Petra Kaminsky

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Die Insektenpasta: In den gelblich-braunen Nudeln steckt auch Insektenmehl.

© dpa

PFORZHEIM. Sechs Beine, Fühler und Facettenaugen – den Ekel vor Insekten haben viele. Besonders wenn sie in die Tiere reinbeißen sollen. Zugleich lockt das gute Gewissen: Fachleute werben mit Nachdruck, dass wir alle mehr Krabbeltiere und Maden essen sollen, um Klima und Umwelt zu retten. Und um etwas gegen die Formen der Massentierhaltung zu tun, bei der Säugetiere wie Rinder und Schweine leiden. Guten Appetit mit Sechsbeinern, also? So schnell läuft das nicht.

In der Küche des Kreativzentrums in Pforzheim verströmen frische Pfifferlinge, Kräuter und Nudeln einen leckeren Duft. Die Köchin schwenkt die bräunliche Pasta mit ihren Mini-Pünktchen in der Pfanne. Die kleinen Flecke – das ist das dunkle Insektenmehl. Hergestellt aus Alphitobius diaperinus, aus den Larven des Getreideschimmelkäfers.

Daniel Mohr, Geschäftsführer von Plumento Foods, spricht liebevoll von Buffalowürmern, so wie andere Hersteller von Insektennahrung. Fein gemahlen, als Mehl in Bandnudeln geknetet, erhöhen die Tierchen den Anteil wertvoller Eiweiße. Protein, Eisen, Aminosäuren: Mit dem Begriff "Power-Pasta" trommelt zum Beispiel Snack-Insects aus Witzeeze in Schleswig-Holstein. "Über 2 Milliarden Menschen weltweit essen Insekten - und du?", heißt es dort. Das Thema ist trendig wie selbstfahrende Autos, Flugtaxis und Robotermenschen.

Lob von Sterne-Köchen?

"Die Insektenpasta schmeckt nach Aussage vieler Sterne-Köche hervorragend. Und zwar ein bisschen nussig", schwärmt Mohr, 50, studierter Wirtschaftsingenieur aus Pforzheim. Der Test mit Nudelsalat und Pilzpfanne bestätigt es: Nussig passt. Der Unternehmer lebte 14 Jahre in Asien, lernte dort Speise-Insekten kennen. Dann der Umbruch: Er wollte etwas Neues starten, was einen größeren Sinn ergibt. Für ihn, die Umwelt, die Welt.

Mohr gehört zu den treibenden Kräften einer zweiten Welle in Sachen Ess-Insekten. Die Pioniere sorgten dafür, dass Heuschrecken und Mehlwürmer bei uns überhaupt auf die Teller kommen – gegrillt oder geröstet. Sie wollten Neugierige locken, Gutmenschen aus der alternativen Szene und Leute, die die Tiere in Asien oder Afrika schon probiert hatten. Doch die Zahl der echten Fans hält sich in Grenzen. Umfragen zeigen: Die Mehrheit kennt das Thema, möchte aber nicht zugreifen.

Jetzt - im zweiten Schub - wählen Hersteller vermehrt einen anderen Weg, um den Ekelfaktor zu umgehen. Die Tiere werden nicht als Ganzes angeboten, sondern verarbeitet. Oft als Mehl für Pasta, so dass beim Reinbeißen Beine und Augen nicht mehr erkennbar sind. Oder als Protein-Riegel für Sportler. Die wenig bekannten Produkte sollen in einer äußerlich bekannten Form den Weg auf neue Märkte finden.

Auch Handelsriesen mit im Boot

Start-ups und Online-Shops beackern dieses Feld. Neuerdings ziehen auch Handelsriesen mit – wie der Metro-Konzern. Er verkauft die Insektennudeln von Plumento unter anderen in mehreren Real-Filialen. Und bietet sie seit Juni den Großhandelskunden in Metro-Märkten etwa in Hamburg, Köln und Berlin an. Auch Citti und andere sind mit von der Partie.

"Wir haben uns zum Ziel gesetzt, Produkte zu generieren, die die Familie im alltäglichen Leben essen kann. Zum Frühstück Granola, mittags Croutons auf dem Salat, abends Nudeln", beschreibt Mohr den Weg seines Teams.

Auch wenn sich die meisten mit Zahlen zurückhalten, gibt sich der Metro-Verantwortliche Fabio Ziemßen optimistisch: "Die Brücke zwischen bekannt und neu, die Plumento mit der Insektenpasta schlägt, wird auf jeden Fall angenommen."

Fabio Ziemßen, Director Food Innovation bei NX-FOOD.

© Metro AG/dpa

Ziemßen steuert bei Metro das Thema Ernährung der Zukunft, sein Titel: Director Food Innovation NX-FOOD. Das Marktforschungsunternehmen Meticulous sagte zumindest voraus, dass der Weltmarkt für wichtige Speise-Insekten 2018 bis 2023 auf 1,18 Milliarden Dollar (etwa 1 Milliarde Euro) klettern werde – mit jährlichen durchschnittlichen Wachstumsraten von mehr als 20 Prozent.

Der Blick in die Zukunft ist es denn auch, der Politiker und Lebensmittelexperten für Heuschrecken, Käfer & Co. werben lässt: 2050 müssen rund neun Milliarden Menschen ernährt werden. Dies könne nur gelingen, wenn reiche Länder Tiere und Pflanzen anders züchten und das Ess-Verhalten umstellen, heißt es. Traditionelle Viehzucht benötigt viel Fläche, Wasser und Futter. Der Ausstoß von Treibhausgasen nicht nur bei der Rindfleischproduktion heizt den Klimawandel an.

Alte Nudelmanufaktur, neues Produkt

Die Weltorganisation für Landwirtschaft FAO in Rom hat das Thema seit mindestens 15 Jahren auf der Agenda. 2013 erschien ein rund 200 Seiten langer Bericht "Edible insects" – Essbare Insekten. Die Experten geben Speise-Insekten dort fast durchweg klasse Öko-Noten. Sie beschreiben allerdings auch, was den Vormarsch der Insekten in die Küchen bremst, außer der Verbraucherskepsis. Etwa hohe Preise sowie bisher oft kleinteilige Strukturen in der Produktion.

Pasta mit sechs Beinen

Pulver aus gefriergetrockneten Larven eines Getreideschimmelkäfers (Alphitobius diaperinus), auch Buffalowurm genannt.

© Marijan Murat/dpa

In Handarbeit – so läuft auch die Pasta-Produktion von Plumento derzeit. In einer Nudelmanufaktur im Schwäbischen mischt Markus Höll ein Pulver aus gefriergetrockneten Larven mit Hartweizengrieß und Wasser. Der Teig wird zu Platten gewalzt. Höll, 51, trägt die Nudelmasse von einer historisch anmutenden Maschine zur nächsten. Eine davon zerschneidet die Platten schließlich zu Bandnudeln. Getrocknet wird die Ware in einem hölzernen Heizschrank.

Nach Essen der Zukunft sieht es hier nicht aus, im Gegenteil. Doch der Handwerksbetrieb hat einen wichtigen Vorteil im Vergleich zu mancher Großfabrik: "Die Firma wurde ausgewählt, weil sie traditionelle Maschinen benutzt, die sehr gut zu reinigen sind", sagt Auftraggeber Mohr. "Da bleiben keinerlei Reste der Produktion, bevor die nächste losgeht."

Das Insektenmehl kauft Plumento in den Niederlanden. Beim Insektenzüchter Proti-Farm. "In Holland hat der Trend schon vor einigen Jahren eingesetzt. Dort sind sie offener, und die Politik hat den Firmen schon früher mehr erlaubt in der Produktion mit Insekten", berichtet Mohr.

EU hat reagiert

Einen echten Schub erwartet seine Branche für 2018: Denn Anfang des Jahres trat ein neues Regelwerk der Europäischen Union in Kraft. Die geänderte Novel-Food-Verordnung, die Standards setzt für den Umgang mit neuartigen Lebensmitteln, erwähnt zum ersten Mal auch Insekten als Nahrung. So gibt sie allen im Insektengeschäft Sicherheit. Auch den Behörden, die die Zucht- und Produktionsstätten zulassen.

Angesichts der EU-Rückendeckung kann selbst der hohe Preis den Optimismus der Pasta-Produzenten nicht bremsen: "Der Zusatz des Insektenmehls verteuert die Nudeln gegenüber handgemachten Premium-Nudeln stark und erhöht die Herstellungskosten um etwa 50 Prozent", berichtet Mohr. Für eine 250-Gramm-Packung zahlt der Supermarktkunde um 3,99 Euro, im Netz kann sie schon mal 5,99 kosten.

Den Preis durch Massenproduktion zu senken, das ist das erklärte Ziel von Radek Husek und seinen Firmen Cricket Lab sowie Sens Foods. Der 25-jährige Tscheche züchtet in einer kürzlich eröffneten Fabrik im thailändischen Chiang Mai Hausgrillen – auch Heimchen genannt, lateinisch Acheta domestica.

Weltverbesserer oder Geschäftsmänner

Das Magazin "Jetzt.de" bezeichnete ihn als "Businesstyp". Er selbst betont im Interview in Berlin seine sozialen Ambitionen: Es gehe um eine gesicherte Welternährung und um die besseren Öko-Bilanzen von Insekten im Vergleich zu Rind, Schwein und Huhn. "Es gibt schnellere Wege, um viel Geld zu verdienen", sagt Husek. Sein Wirtschafts-Masterstudium in London hat er geschmissen, um Zeit fürs Grillen-Geschäft zu haben.

Pasta mit sechs Beinen

Das Team von Cricket Lab in Thailand. In diseer Fabrik werden Hausgrillen gezüchtet, getrocknet und gemahlen.

© Visarut Sankham/dpa

Rund 8000 Kilometer Luftlinie entfernt baut er mit Partnern die Grillenfarm Cricket Lab weiter auf. Die Wärme in Thailand senkt die Energiekosten und führt dazu, dass die Insekten gut gedeihen. Die Tiere werden in blauen Kunststoff-Boxen gezogen, die in die Höhe gestapelt sind. Das spart Platz.

Hygiene auf europäischem Niveau

In der Fabrik läuft vieles automatisiert. Bei einem Gang durch die Anlage mit hellen Metallwänden und Edelstahl-Tanks zeigen Mitarbeiter, wie modern und sauber es ist. Es gilt wohl auch Befürchtungen zu zerstreuen, dass die Hygiene-Standards in Asien nicht immer denen in Europa entsprächen.

Wenn sie ausgewachsen sind, werden die Tierchen gekühlt und so in eine natürliche Schlafphase gebracht. Auf diesen Prozess berufen sich viele, die sagen, Insekten erlitten beim Töten kein Leid. Das Pulver wandert bei Sens etwa in Energie-Riegel, die ab 2,50 Euro kosten, und Grillen-Brot.

Nils Grabowski vom Institut für Lebensmittelqualität und -sicherheit der Tierärztlichen Hochschule Hannover ist längst ein Fan der Insekten-Küche. In Sachen Hygiene ist der Wissenschaftler sicher, dass die Sechsbeiner und das Mehl genauso sauber produziert werden können wie andere Lebensmittel.

Aus psychologischer Sicht weiß Nils Grabowski zu berichten, dass es zwei Gruppen von Insekten-Essern gibt: Konsumenten, die lieber sehen, was auf den Teller kommt und diejenigen, die eher die getarnten, gemahlenen Grillen und Heuschrecken essen, um dem Ekel keine Chance zu geben. (dpa, Mitarbeit: ajo)

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