Ärzte Zeitung online, 07.09.2018

Experten raten

Kost mit Vitamin D anreichern!

BOCHUM. Ein Vitamin-D-Mangel zeigt sich nicht allein an der Knochengesundheit, sondern hat Auswirkungen auf Organfunktion, Immunsystem, Muskeln und Sterblichkeit, erinnert die Universitätsklinik Bochum.

Professor Armin Zittermann, Leiter der Studienzentrale der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, hat gemeinsam mit seinem Kollegen Stefan Pilz von der Universität Graz in Österreich und anderen Vitamin D-Forschern eine Handlungsempfehlung zu Vitamin D publiziert (Frontiers in Endocrinology 2018; online 17. Juli).

Dabei ging es vor allem um die Frage, ob eine systematische Anreicherung von Lebensmitteln mit Vitamin D ratsam ist, um entsprechende Mangelerscheinungen in der Bevölkerung zu vermeiden und langfristig Kosten für das Gesundheitswesen zu sparen.

Nun ist bekannt, dass über die UV-Strahlung Vitamin D im Körper angereichert wird. "Bei den meisten Menschen wird zwar im Sommer ein kleines Depot angelegt, doch das reicht bei vielen nicht aus", werden Zittermann und Pilz in der Mitteilung zitiert.

"Unsere Untersuchungen zeigen, dass 13 Prozent der Bevölkerung einen deutlichen Vitamin-D-Mangel haben."

Die Wissenschaftler empfehlen daher, den Bedarf im Winter über Nahrungsergänzungsmittel in Höhe von täglich 800 bis 1000 IE zu decken. Das wäre gar nicht notwendig, wenn man dem Beispiel der Länder wie Finnland oder den USA folgen würde.

Hier ist man bereits vor einigen Jahren dazu übergegangen, systematisch Milchprodukte mit Vitamin D anzureichern. "Heute gibt es in der finnischen Bevölkerung nahezu niemanden mehr, der unter Vitamin-D-Mangel leidet." (eb)

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[12.09.2018, 10:14:40]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Da sträuben sich mir die Nackenhaare!
1. Ausgerechnet Finnland soll als Beleg dienen, weltweit die industrialisierte und immer weniger authentische Ernährung unserer Patientinnen und Patienten auch noch mit Vitamin D anzureichern?

Die wissenschaftlichen Autoren, u.a. vom "Sunlight, Nutrition and Health Research Center, San Francisco, CA/USA" oder aus der Industrie ("Synthelabo"), von "Rationale and Plan for Vitamin D Food Fortification: A Review and Guidance Paper"
https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fendo.2018.00373/full
sollten sich angesichts ihrer Interesse-geleiteten, Nahrungsmittelindustrie-nahen Publikation doch vergegenwärtigen, dass Finnland am nördlichen Polarkreis liegt.

Finnland (Suomi) und die Republik Finnland (Suomen tasavalta) liegt zwischen dem 60. und 70. Breitengrad und zählt zu den nördlichsten Ländern der Erde. Auf einer Fläche von 338.448 km², davon 303.912 km² Land und 34.536 km² Binnengewässer (etwas kleiner als Deutschland mit 357.385 km²) leben nur ca. 5,5 Millionen Einwohner.

Finnland ist damit sozialmedizinisch, krankheits-epidemiologisch, mortalitäts-statistisch und nicht nur numerisch mit 1% der Gesamtbevölkerung von 550 Millionen Europäern die ungeeignetste Stichprobe überhaupt:

Es sind Vitamin-D-bezogene Besonderheiten wie arktischer Winter, Regionen mehrmonatig ohne Sonnenschein, Jahreszeiten-unabhängige Notwendigkeit permanent geschlossener (Schutz)- Bekleidung nicht nur im maritimen Bereich, in Industrie, Handel und Gewerbe, sondern auch in der Freizeit: Das führt zu klinisch relevantem, endemischem Vitamin-D-Mangel der Gesamtbevölkerung.

Bei allen europäischen Mittelmeer-Anrainer-Staaten, aber auch in Zentral- und Mitteleuropa mit z. T. kontinentalem/maritimem Klima sieht das dagegen völlig anders aus. Dort wirkt zumindest in der Sommersaison die qualitativ und quantitativ verstärkte Sonneneinstrahlung protektiv gegen Vitamin-D-Mangel.

2. Wer Morbiditäts- und Mortalität-Statistiken mit Vitamin-D-Mangel rein zufällig, verdächtig-koinzident oder logisch-kausal zusammenbringen will, muss wissenschafts- und erkenntnistheoretisch mehr erforschen, als nur Labor-Ergebnisse bzw. Statistiken zusammenzurühren.

So geschehen in "Strong associations of 25-hydroxyvitamin D concentrations with all-cause, cardiovascular, cancer, and respiratory disease mortality in a large cohort study" von Ben Schöttker et al.
https://academic.oup.com/ajcn/article/97/4/782/4577069
Die Schlussfolgerungen sind banal:
"Conclusions: In this large cohort study, serum 25(OH)D concentrations were inversely associated with all-cause and cause-specific mortality. In particular, vitamin D deficiency [25(OH)D concentration <30 nmol/L] was strongly associated with mortality from all causes, cardiovascular diseases, cancer, and respiratory diseases", besagt doch nichts anderes, dass Menschen, die bio-psycho-sozial oder krankheitsbedingt nicht mehr vor die Türe kommen und einen Vitamin-D-Mangel aufweisen, im Gegensatz zu einer dann gar nicht mehr vergleichbaren Kontrollgruppe mit hohen Vitamin-D-Spiegeln ein schlechteres Outcome haben.

Über Ursachen, Kausalitäten und Interdependenzen haben sich die Autoren der letztgenannten Publikation nicht den Hauch eines Gedanken gemacht. Deswegen konnten sie auch ihre Publikation nur mit ebenso vagen wie unverbindlichen "starken Assoziationen" ["Strong associations"] betiteln.

Fazit: Bevor offensichtlich unkritische Wissenschaftler, Politiker und Meinungsbildner auch nur daran denken, Nahrungsmittel zusätzlich mit Vitamin-D anreichern zu wollen...

1. Hypothesen gewissenhaft kritisch prüfen,
2. logisch kausal und nicht nur assoziativ denken,
3. methodisch stringent aufgebaute RCT-Studien vorlegen.

Morbidität und Mortalität sind grundsätzlich mehrdimensional mit präformierten Krankheitslasten verknüpft: Nur so können sie detektiert, isoliert, theoretisch und praktisch weiterentwickelt werden, um schlussendlich der Wahrheit näher zu kommen. Komplexe Krankheitsentitäten auf Monokausalitäten herunterbrechen zu wollen, scheitert in den meisten Fällen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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