Ärzte Zeitung online, 22.03.2019

DIW-Studie

Gute Bildung von Müttern schenkt Kindern Lebenszeit

Geld ist nicht alles. Gut gebildete Mütter erziehen ihre Kinder oft zu mehr Gesundheitsbewusstsein und verlängern ihnen dadurch das Leben. Für die Psyche könnte das aber anders aussehen.

Von Ulrike von Leszczynski

BERLIN. Ein höherer Bildungsgrad von Müttern beschert ihren Kindern ein längeres Leben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW-Wochenbericht 12/2019; https://doi.org/10.18723/diw_wb:2019-12-2). Einen positiven Einfluss auf die seelische Gesundheit konnten Forscher in einer zweiten Studie dagegen bisher noch nicht nachweisen.

Die Annahme, dass die Gesundheit von Erwachsenen nicht nur mit dem Geldbeutel, sondern auch mit dem Bildungsgrad ihrer Eltern zusammenhängt, gibt es schon lange.

Gesündere Lebensweise

In einer neuen Studie mit Daten von rund 6000 Menschen aus dem Sozio-ökonomischen Panel (SOEP) fanden die DIW-Wissenschaftler diesen Zusammenhang nun erneut bestätigt: Hatte eine Mutter ab den 1940er Jahren mindestens einen Realschulabschluss, haben ihre erwachsenen Kinder ab 65 Jahren eine im Durchschnitt zwei Jahre höhere Lebenserwartung als Kinder, deren Mütter damals höchstens einen Volksschulabschluss hatten. Dieses Ergebnis blieb auch bestehen, wenn die Forscher die eigene Bildung der Kinder und deren Einkommen berücksichtigten.

Einen Hauptgrund für den Zusammenhang sehen die Forscher darin, dass besser gebildete Mütter auf eine gesündere Lebensweise ihrer Kinder achten, zum Beispiel mit Blick auf eine ausgewogene Ernährung, Rauchverhalten, Alkoholkonsum und Bewegung. Eher überraschend war für ein zweites Forscherteam das Ergebnis ihrer Studie: Danach hat die Bildung der Mütter bislang keinen messbaren Einfluss auf die seelische Gesundheit ihrer heute erwachsenen Kinder.

Konkret betrachteten die Forscher, wie sich die Verlängerung der Schulzeit in Westdeutschland zwischen den 1940er und 1960er Jahren auswirkte. Die Schulzeit stieg in dieser Zeit von acht auf neun Jahre.

Daten von 3300 Mutter-Kind-Paaren

SOEP

Das Sozioekonomische Panel (SOEP) ist der einzige große Datensatz für Deutschland, der sowohl Informationen zur Mortalität von Personen als auch zur Bildung der Eltern enthält. Im Rahmen des Panels werden jährlich rund 30.000 Menschen in 11.000 Haushalten befragt.

Mehr Informationen zur SOEP: https://www.diw.de/de/soep

Herangezogen für diese Studie wurden Daten von rund 3300 Mutter-Kind-Paaren ab den 1950er Jahren in Westdeutschland. Die Kinder waren im Durchschnitt 30 Jahre alt, als ihre seelische Gesundheit geprüft wurde. Zur Verwunderung der Wissenschaftler fand sich in den Daten kein Bezug zwischen seelischer Gesundheit und Lebenszufriedenheit der Kinder und dem Bildungsniveau der Mutter.

Mütter mit höherer Bildung ergreifen meist besser bezahlte Jobs und führen allein schon durch mehr finanzielle Unabhängigkeit häufig zufriedenere Partnerschaften. Das sollte sich eigentlich auf die Psyche der Kinder positiv auswirken.

Die Wissenschaftler fragen sich nun, ob das unerwartete Ergebnis vielleicht mit dem Design ihrer Studie zu tun hat. Von der Reform betroffen waren damals nur Haupt- und Volksschulen, heißt es in der Untersuchung. Möglicherweise habe aber erst ein Schulbesuch über die neunte Klasse hinaus Kompetenzen gefördert, bei der Kindererziehung später stärker auf gesundheitliche Aspekte zu achten – inklusive seelischer Bedürfnisse.

Interessant dabei: Nur die Bildung der Mutter hat einen ökonomisch und statistisch signifikanten Einfluss auf die Lebenserwartung des Kindes. Beim Vater gibt es diese klare Verbindung nicht. Für die Forscher ist eine mögliche Erklärung, dass in den betrachteten Alterskohorten die Mutter in der Kindheit die wichtigere Bezugsperson war. (dpa)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

HPV-Infektion durch Oralsex wohl eher selten

Frauen mit zervikaler HPV-Infektion übertragen die Viren offenbar nur sehr selten auf ihre Mundschleimhäute oder die ihres Sexualpartners, so eine kleine Studie. mehr »

Staatliche Digitalprojekte dauern zu lange

Kanzleramtsminister Helge Braun wünscht mehr Tempo bei der Digitalisierung in Deutschland. Die KBV zeigt sich indes zuversichtlich, dass die TI-Anbindung bis Ende Juni für die meisten Arztpraxen klappt. mehr »

Dutzende Ärzte in USA angeklagt

32 Millionen Tabletten illegal verschrieben: Das werfen Ermittler 31 Ärzten in den USA vor. Ein Arzt soll Opioide für Sex verschrieben haben – ein anderer an Facebook-Freunde verteilt haben. mehr »