Ärzte Zeitung online, 03.10.2019

Bremen

Weniger Angst durch Erste Hilfe mit Hypnose

Notfallpatienten befinden sich in einer Extremsituation. Eine Bremer Notärztin setzt zur Beruhigung auf Hypnose. Das soll auch Schmerzen lindern. In Seminaren gibt sie ihr Wissen an Rettungskräfte weiter.

Von Helen Hoffmann

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Die Teilnehmer des Notfall-Hypnose-Seminars testen das Gelernte gleich untereinander.

© picture alliance/dpa

BREMEN/REGENSBURG. Die Notärztin Annette Held hilft mit Worten. Mit einer speziellen Hypnosetechnik könne sie Notfallpatienten beruhigen und Schmerzen unterbrechen, sagt sie. „Kurzzeitig merken sie sie nicht“ erklärt die 56-Jährige. „Man kann damit gebrochene Knochen wieder in die richtige Stellung bringen.“ Der Ärztin zufolge kann die Technik auch helfen, Blutungen oder Luftnot zu reduzieren.

„Bei Leuten mit Luftnot ist es so: Je mehr Angst, desto mehr Luftnot. Mit Hypnose können Sie diesen Kreislauf durchbrechen“, erklärt Held, die im Jahr 2015 mit ihrem Kollegen Thomas Kemmler-Kell das erste deutsche Ausbildungsinstitut für Notfall-Hypnose in Bremen gegründet hat. In den Seminaren lernen Fachkräfte aus dem Rettungsdienst, wie sie Menschen über Sprache in eine angenehme Trance versetzen.

Patienten sehr aufgeschlossen

Held zufolge sind Patienten in Notfallsituationen besonders ansprechbar für eine Hypnose. „Durch den Notfall schafft sich die Psyche einen eigenen Trancezustand – den können Sie benutzen, um schnell zu intervenieren“, erklärt sie. „Der Erfolg ist sehr gut.“ Ihr zufolge sind die meisten Patienten dankbar für das Angebot. „Fast alle gehen mit. Es ist ihnen völlig egal, was wir machen, Hauptsache die Situation, in der sie sich befinden, hört auf.“

Notarzt Tobias Schmidt hat jüngst ein zweitägiges Ausbildungsseminar in Bremen besucht. „Ich denke, es ist kein Allheilmittel, sondern ein weiteres Werkzeug für bestimmte Situationen, zum Beispiel in der Behandlung von Schmerzen“, sagt der Facharzt für Anästhesie über die Notfall-Hypnose.

Neben der positiven Wirkung auf die Patienten erhofft sich der 43-Jährige eine Erleichterung seiner Arbeit. „Als Notarzt ist der Einsatz sehr herausfordernd. Je mehr Möglichkeiten man hat, eine solche Situation zu meistern, desto ruhiger geht man zum Einsatz.“

Wohliges Gefühl

Stefanie Borchardt, Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege, will ihr neues Wissen im Krankenhaus anwenden. „Ich denke, das ist etwas, wovon die Patienten profitieren können“, sagt die 51-Jährige nach dem Wochenende in Bremen. Sie selbst habe die Übungen genossen. „Man merkt, wie gut die Entspannung tut, wenn man mal alles locker lässt.“

Den Zustand einer Notfall-Hypnose beschreibt sie als wohliges Gefühl. „Es ist so ähnlich wie, wenn man döst, wenn man bis tief zu den Füßen durchatmen kann.“

Der emeritierte Professor Ernil Hansen, der am Universitätsklinikum Regensburg in der Hypnoseforschung und -lehre tätig ist, hält Sprache für ein außerordentlich wichtiges Mittel bei Notfalleinsätzen. Patienten hätten dann oft große Angst, was sich ungünstig auf das Immunsystem auswirke. „Wenn einer Angst hat und aufgeregt ist, geht der Blutdruck hoch. Das kann gefährliche Folgen haben.“

Ihm zufolge gehen Notfallpatienten in eine natürliche Trance. „Es ist ein Schutzmechanismus. In der Trance hat der Körper Fähigkeiten, die er sonst nicht hat“, erklärt der 71-Jährige.

Kritik kommt von Psychologen

Den Weg, Notfallpatienten mit einer therapeutischen Kommunikation zu begleiten, findet Hansen richtig. Dass Einsatzkräfte wie Rettungssanitäter Menschen hypnotisieren, hält der Anästhesist aber für falsch. Hypnose sollte als Therapie nur von Psychotherapeuten und Ärzten angewendet werden, fordert er.

Die Gefahr des Missbrauchs sei groß. „Hypnose ist ein ganz scharfes Schwert.“ Bei Notfallpatienten sehe er auch keine Notwendigkeit für eine Hypnose. „Der Patient ist schon in einer Trance. Ich muss nur damit umgehen können.“

Das Bremer Ausbildungsinstitut sieht Hansen deshalb zwiespältig. „Das Wesentliche dort wird das sein, was ich für gut heiße, nämlich Techniken zu vermitteln, wie man Menschen im Notfall beruhigen kann.“ Techniken, wie man eine Hypnose einleitet oder vertieft, gehören aus Sicht des Forschers nicht in eine zweitägige Weiterbildung für Rettungskräfte.

Die Psychologin Teresa Deffner, die im Universitätsklinikum Jena auf der Intensivstation mit Hypnose arbeitet, sieht das genauso. Es sei äußerst wichtig, dass Rettungskräfte wissen, wie sie Sprache beruhigend und therapeutisch einsetzen können. Aber: Hypnose sollte Therapeuten vorbehalten sein. Held hingegen meint, es gebe bei der Notfall-Hypnose keine Risiken, wenn die Technik vernünftig gelernt werde.

Angst brauche niemand zu haben. „Sie sind in Hypnose immer selbstwirksam, sie können das, was passiert, immer steuern, sie können einfach aufhören.“ Wenn sie Notfallpatienten behandelt, verzichtet die Ärztin auf das Wort Hypnose. „Wir sagen, wir benutzen eine beruhigende Technik.“ (dpa)

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