Jubiläumsausgabe, 12.11.2012

Leistungsdebatte

Bessere Noten für die Kassenmedizin

Die Rationierungsdebatte beruhigt sich. Sowohl Ärzte als auch Versicherte gewinnen zunehmend den Eindruck, dass die gesetzliche Krankenversicherung ausreichende Leistungen bietet.

Von Helmut Laschet

Bessere Noten für die Kassenmedizin

Ein gutes Gefühl - trotz GKV-Mitgliedschaft.

© Klaro

Die Versorgung von GKV-Patienten ist offenbar weitaus besser als ihr Ruf, und das gilt sowohl aus der Sicht der Ärzte wie auch der Versicherten. Eine Zwei-Klassen-Medizin, wie nicht selten behauptet, hat sich jedenfalls in Deutschland nicht flächendeckend etabliert.

Die Debatte darüber wird freilich von vielen Seiten angeheizt: Von Ärzten selbst, die betonen, ihre Honorarumsätze aus der Behandlung von Kassenpatienten entspreche nicht ihrem Leistungseinsatz und sei nicht kostendeckend;

64 Prozent der GKV-Versicherten halten sich aktuell für gut abgesichert. Das ist der beste Wert seit sechs Jahren. 2007 waren es nur 54 Prozent. MLP-Gesundheitsreport 2011

Von Ärzten und Krankenkassen, die über den Stellenwert von Individuellen Gesundheitsleistungen in Streit geraten sind.

Wobei Ärzte behaupten, IGeL seien notwendig, weil die Kassen Leistungslücken lassen, und die Kassen damit kontern, Ärzte versuchten, mit fragwürdigen Leistungen Honorar zu ergattern.

Gestritten wird über Wartezeitenunterschiede bei Kassen- und Privatpatienten. Tatsache ist, dass Unterschiede bei der Terminvergabe praktiziert werden - wenige Belege existieren dafür, dass dringend notwendige Behandlungen unterbleiben.

Die neueste Version im Schlagabtausch um die Diskriminierung von Kassenpatienten lieferte jüngst der Geschäftsführer des AOK-Bundesverbandes Karl-Heinz Schönbach: Das höhere Honorar für Privatpatienten verleite Ärzte dazu, für diese Klientel Zeit zu verwenden, die zur Versorgung von GKV-Patienten dann fehle.

Die anhaltende Debatte führt schließlich politisch dazu, dass zumindest SPD, Bündnisgrüne und Linke langfristig die PKV abschaffen wollen - zugunsten einer Bürgerversicherung, die eine egalitäre Versorgung vorsieht.

Die reale Erlebniswelt von Ärzten und Bürgern ist weit weniger dramatisch. Vor allem ist ein Trend sichtbar, der eine eindeutig bessere Bewertung des GKV-Versorgungssystems erkennen lässt - und zwar sowohl im Urteil der Ärzte als auch der Bürger insgesamt.

Ein Vergleich der Antwortung auf unsere Umfragen 2007 und 2012 bestätigt das. "Können Sie heute Ihre GKV-Patienten so behandeln, wie Sie es für medizinisch richtig halten?"

Vor fünf Jahren antworteten 51 Prozent der Ärzte, das sei ganz überwiegend oder häufig der Fall; aktuell sind es fast 60 Prozent der Ärzte - ein Zuwachs von neun Prozentpunkten.

Vor allem die 2007 unentschiedenen Ärzte, die zu dieser Frage kein Votum abgeben konnten, haben sich nun eine Meinung gebildet - und tendieren nun dazu, dass auch die GKV meist eine hinlängliche Basis für eine medizinisch adäquate Versorgung bietet.

Vor dem Hintergrund des Trends der vergangenen fünf Jahre ist der Anteil der Zuversichtlichen deutlich gewachsen. Nur 23 Prozent waren 2007 der Meinung, auch in Zukunft könnten sie überwiegend oder häufig ihre Patienten medizinisch richtig versorgen; aktuell hat sich dieser Anteil auf über 40 Prozent fast verdoppelt.

Können GKV-Patienten medizinisch richtig behandelt werden?

Wie wird die Situation in Zukunft sein?

Reichen die GKV-Leistungen für eine aussreichende Versorgung aus?

Sorgen über Rationierung

Dass dies künftig nur noch selten möglich sein werde, erwarten aktuell nur knapp elf Prozent, 2007 waren es noch 17 Prozent gewesen.

Dennoch bleibt mit 47 Prozent der Teil der Ärzte immer noch recht hoch, die erwarten, dass sie zwar nicht häufig, aber immer wieder an die Grenzen der Kassenmedizin stoßen. Das heißt: Für mindestens jeden zweiten Arzt wird es - mehr oder weniger häufig - einen Spagat zwischen medizinisch Möglichem und ökonmisch Machbarem geben.

Die Trendaussagen, die sich aus der Umfrage der Ärzte Zeitung ableiten lassen, werden auch durch repräsentative Studien bestätigt. So sind gut zwei Drittel der Ärzte laut MLP-Gesundheitsreport 2011 der Meinung, dass die Leistungen, die die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt, ausreichend sind.

Auf die Frage, ob es schon vorgekommen sei, ob Ärzte aus Kostengründen auf Behandlungen ganz hätten verzichten müssen, antworteten 64 Prozent (Hausärzte: 71 Prozent): Noch nie. Bei 14 (16) Prozent kam dies selten vor.

Häufiger geschah es allerdings, dass aus Kostengründen Behandlungen verschoben worden sind: bei zehn Prozent der Hausärzte häufig, bei 22 Prozent gelegentlich, bei 24 Prozent selten.

Deutlich differenziert davon sieht das Bild bei den Fachärzten aus: Ein Viertel verschiebt Behandlungen häufig. Dies mag erklären, wie es zu Wartezeiten für GKV-Patienten kommt. Was aber nicht bedeutet, dass notwendige Therapie vorenthalten wird.

Die Einschätzung der Ärzte deckt sich mit der der Bevölkerung. Frappierend ist, dass binnen eines Jahres das Vertrauen in die gesetzliche Krankenversicherung deutlich gestiegen ist: 35 Prozent der GKV-Versicherten machten sich 2011 Sorgen, dass eine medizinisch notwendige Behandlung verschoben werden könnte, 2010 waren es 46 Prozent.

30 Zeitungszeilen kompakt

Eine Folge der fast 20jährigen Budgetierung in der ambulanten Versorgung war die Rationierungsdebatte im Gesundheitswesen. Ein wachsender Teil der Vertragsärzte hatte den Eindruck, nicht mehr alle medizinisch notwendigen Leistungen honoriert zu bekommen. Die Folge: Budgetferien, Ausgleich durch Individuelle Gesundheitsleistungen, Wartezeiten für GKV-Patienten, Bevorzugung von Privatpatienten.

Diese Entwicklung hat sich in den vergangenen fünf Jahren umgekehrt. Die GKV hat sowohl im Urteil, der Ärzte wie auch der Bürger deutlich an Vertrauen hinzugewonnen.

60 Prozent der an der Umfrage der Ärzte Zeitung“ teilnehmenden Leser sind aktuell der Auffassung, dass sie ihre Patienten so behandeln können, wie es medizinisch richtig ist. Vor fünf Jahren waren es nur 51 Prozent. Allerdings wird es immer bei einem Spagat zwischen Medizin und Ökonomie geben.

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