Ärzte Zeitung, 12.04.2012

Schock für die Pharma- Industrie: Die ersten Festbeträge

Schock für die Pharma-Industrie: Die ersten Festbeträge

Schock für die Pharma- Industrie: Die ersten Festbeträge

Die Vertreibung aus dem Paradies beginnt: Mit der Festsetzung der ersten Festbeträge beenden die Krankenkassen das bequeme Geschäft mit alten Originalarzneien. Die Frage: Kommt es nun auf breiter Front zu Preissenkungen?

Bonn, im Juni 1989. Ein Kernelement des Gesundheits-Reformgesetzes wird Wirklichkeit: die Festbeträge für Arzneimittel. In der ersten Tranche sind zehn Wirkstoffe betroffen, darunter umsatzstarke Arzneimittelgruppen wie Diclofenac, Nifedipin, Oxazepam oder Verapamil.

Die Festbeträge liegen um bis zu 66,5 Prozent unter den Preisen der patentfreien Originale, sind aber sehr stark differenziert, weil man sich am Preisniveau der Generika und am Marktanteil der alten Originale orientiert.

Jedenfalls scheint die Kalkulation der Gesundheitsreformer Norbert Blüm und Karl Jung aufzugehen: allein mit der ersten Tranche werden 281 Millionen DM gespart; weitere Tranchen werden in kurzen Abständen folgen.

Für Ärzte stellte sich die bange Frage: Werden die forschenden Unternehmen die Preise auf den Festbetrag senken? Dann wären die bislang verordneten Originale für Patienten zuzahlungsfrei.

Andernfalls müssten die Patienten die Differenz zwischen Preis und Festbetrag aus eigener Tasche zahlen. Dr. Peter Schlüter, Allgemeinarzt aus Hemsbach: "Teilweise wehrte sich die Industrie noch gegen Preissenkungen. Die Folgen waren einerseits Diskussionen in den Apotheken und andererseits erhöhter Verwaltungsaufwand in den Praxen. "

Und weiter: "Viele Patienten kamen aus den Apotheken zu ihren Ärzten zurück und baten sie, ein zuzahlungsfreies Arzneimittel zu verordnen. Zum ersten Mal musste ich mich als Arzt auch noch um Arzneimittelpreise kümmern."

Die betroffenen Arzneimittelhersteller sind in Alarmstimmung. Allein Röhm-Pharma würde durch eine Preissenkung auf Festbetragsniveau für sein Triamteren plus Hydrochlorothiazid ein Viertel seines Umsatzes verlieren.

Der Harvard-Professor Hermann Simon empfiehlt auf einem Kongress des Ärzte Zeitungs-Verlages den Unternehmen eine konsequente Markenstrategie und Hochpreispolitik. "Bloß nicht auf den Festbetrag gehen." Ein teurer Rat, denn Ärzte und Patienten sind nicht markentreu.

Grund: Festbetragsarzneien sind ohne Zuzahlung erhältlich, und die Ärzte setzen durch, dass diese Präparate automatisch als wirtschaftlich gelten.

Ein Erfolg mit kurzen Beinen. Bereits im September 1989 kursieren erste Modelle für Arzneimittel-Richtgrößen, die später Grundlage für Arzneimittel-Regresse werden.

Sie gehen von einem idealtypisch verordnenden Arzt aus. Das System startet in die bürokratische Gängelung der Kassenärzte. (HL)

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