Ärzte Zeitung, 13.04.2012

Highlights 1989

Die Sowjetunion taumelt am Abgrund

Moskau/Frankfurt im Sommer und im Winter 1989. In einem Interview der medizinischen Zeitschaft "Der Kassenarzt" kündigt der sowjetische Gesundheitsminister Jewgenij Tschasow an, dass die Sowjetunion ihre Gesundheitsausgaben bis zum Jahr 2000 fast vervierfachen will.

Die Sowjetunion taumelt am Abgrund

Bis 1993 soll die Kapazität für die Arzneimittelproduktion verdoppelt werden, damit eine Selbstversorgung des Landes gewährleistet ist.

Die vollmundigen Ankündigungen des IPPNW-Nobelpreisträgers Tschasow erweisen sich als Propaganda.

Längst steht die Sowjetunion am wirtschaftlichen Abgrund, totgerüstet und erstickt an der Ineffizienz seiner Wirtschaft.

Als sich die Grenzen des Eisernen Vorhangs nicht zuletzt dank Glasnost im Laufe des Jahres 1989 auch für Informationen öffnen, wird deutlich, dass die medizinische Versorgung der Sowjetunion in einer Katastrophe steckt.

Das Land hat zwar Heerscharen von Ärzten (1,2 Millionen, relativ 50 Prozent mehr als die Bundesrepublik), aber Ärzte gelten als unproduktiver Beruf.

Rund 3,2 Prozent seines Sozialprodukts gibt das Land für Gesundheit aus. Kliniken verrotten, die Arzneimittelproduktion liegt weit unter dem Bedarf, wie der Tschasow-Berater Professor Jewgenij Leparski bei einem Besuch in Frankfurt gesteht.

Die Folgen: Die Lebenserwartung der Sowjetbürger liegt sechs bis sieben Jahre unter Westniveau.

Die Säuglingssterblichkeit beträgt 2,5 Prozent, in Deutschland 0,9 Prozent. Infektionskrankheiten sind zehnmal häufiger.

Die Hoffnung der damaligen Sowjetführer, auch mit Hilfe des Westens den Absturz zu vermeiden, sollte trügen. 1991 löst sich die Sowjetunion auf.

Das Land stürzt für fast ein Jahrzehnt in den Abgrund: politisch, wirtschaftlich, sozial. Alle Indikatoren für Gesundheit zeigten nur in eine Richtung: negativ.

Eine Stabilisierung beginnt erst Ende der 1990er Jahre - um den Preis einer kapitalistischen Plutokratie. (HL)

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