Ärzte Zeitung, 23.04.2012

Der Irak-Krieg und die Triage-Debatte

Der Überfall Iraks auf das Emirat Kuwait und die von der UNO legitimierte militärische Antwort der USA ruft in Deutschland die Friedensbewegten auf den Plan: Mit einer Angstkampagne um Selektion und Triage.

Desert Storm löst in Deutschland eine Kontroverse um Triage aus

Kuwait brennt: 700 Bohrlöcher hat der Irak angezündet. Binnen sechs Wochen befreien die USA das Emirat.

© dpa

Kuwait/Bagdad, im Januar 1991. Nach dem Einmarsch des Iraks in das militärisch wehrlose Emirat Kuwait am 2. August 1990 und mehreren erfolglosen UN-Resolutionen starten die USA die Operation Desert Shield mit der Stationierung von Kampftruppen im saudischen Dhahran.

In der Nacht zum 17. Januar 1991 startet Desert Storm, mit dem die irakischen Truppen aus Kuwait zurückgeschlagen werden.

Deutschland ist dabei eine der wichtigsten Drehscheiben der militärischen und medizinischen Logistik des Krieges: Der gesamte Nachschub läuft über Rhein-Main- und Ramstein-Air-Base.

In deren Umfeld stehen auch die US-Hospitäler Frankfurt, Wiesbaden, Heidelberg und Landstuhl, in denen die Verwundeten versorgt werden.

Die medizinischen Folgen des Krieges lösen in Deutschland innerhalb der Ärzteschaft eine heftige und kontroverse Debatte um die Triage aus.

Tatsache ist: Die USA sind auf eine hohe Zahl von Verletzten eingestellt. Man rechnet mit bis zu 20.000 Verwundeten allein in den ersten Tagen. In einem Drei-Monats-Szenario wird von etwa 10.000 Toten und 35.000 Verletzten ausgegangen.

Im Persischen Golf werden zwei Hospitalschiffe mit je 1000 Betten stationiert. In Bahrain und in Saudi Arabien stehen 1450 Betten zur Verfügung; ein Ärzteteam der Marine verstärkt die medizinischen Kapazitäten.

Angst vor Plasmaknappheit

Mindestens 100 Patienten können täglich von Kuwait aus via Dhahran nach Deutschland geflogen werden. Zusätzlich zu den Hospitälern der US-Streitkräfte stehen die Bundeswehrkrankenhäuser in Koblenz, Gießen und Ulm zur Verfügung.

Zumindest in der Rhein-Main-Ballungsregion ist die Golf-Krise seit dem Herbst 1990 sichtbar und hörbar. Im Minutentakt starten und landen die Militärtransporter mit ohrenbetäubendem Geheul.

Im Verein mit Grünen-Politikern schüren Ärzte der IPPNW die Angst: Sie halten es für möglich, dass die USA Bagdad mit Atombomben angreifen. Die Versorgung von verwundeten US-Soldaten werde auch Kapazitäten der deutschen Zivilkrankenhäuser beanspruchen.

"Patienten mit planbaren Operationen werden dann unweigerlich erst einmal nach Hause geschickt", behauptet der IPPNW-Arzt Claus Metz. Der Offenbacher Orthopäde Dr. Winfried Beck glaubt, Blutplasma sei inzwischen knapp, weil der Irak alles aufgekauft habe.

Notwendig werde eine Triage, so Metz, und das treibe Ärzte in einen Gewissenskonflikt: "Wer vorsortierte Patienten behandelt, macht sich zum Instrument des Krieges."

Wer behandlungsbedürftig sei, werde von Militärs nach dem Kriterium der Wiederverwendbarkeit entschieden.

Desert Storm endet nach sechs Wochen mit der Befreiung Kuwaits. Die meisten Opfer - bis zu 100.000 Tote und Verletzte - gibt es im Irak. Das IPPNW-Horrorszenario ist in Deutschland ausgeblieben. (HL)

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