Ärzte Zeitung, 25.04.2012

Das Braunbeck-Modell: Faire Prüfung

Ein neues Modell für die Wirtschaftlichkeitsprüfung ärztlicher Leistungen soll grobe Ungerechtigkeiten beseitigen.

Mainz, Juli 1991. Der Mainzer Allgemeinarzt Dr. Werner Braunbeck, Vorsitzender des Prüfungs- und Beschwerdeausschusses der KV Rheinhessen, entwickelt ein Modell zur Wirtschaftlichkeitsprüfung ärztlicher Leistungen, mit dem die Wirtschaftlichkeit fairer beurteilt wird.

Dabei werden Leistungen und Kosten eines Arztes nicht mehr mit dem gesamten Fachgruppendurchschnitt verglichen. Maßgeblich ist vielmehr die individuelle Leistungsstruktur der Praxis einschließlich ihrer Besonderheiten.

Nur mit ähnlich strukturierten Praxen soll ein Vergleich stattfinden, denn nur so können höhere Kosten und damit Unwirtschaftlichkeit zutreffend ermittelt werden. Das Prüfmodell, so der Plan, soll auf alle rheinland-pfälzischen KVen ausgedehnt werden. Es findet bei den Sozialgerichten Anerkennung.

Amtsgericht Mainz verfügt erste Hausdurchsuchung

Im gleichen Jahr leiten Polizei und Staatsanwaltschaft Mainz ein Ermittlungsverfahren gegen Braunbeck, seine Ehefrau und eine weitere Ärztin der erfolgreichen phlebologisch ausgerichteten Gemeinschaftspraxis ein.

Für die Mainzer Staatsanwaltschaft ist Braunbeck "Europas wichtigster Abrechnungsexperte", aber auch "Europas größter Abrechnungsbetrüger".

Die erste Hausdurchsuchung wird am 10. September 1991 vom Amtsgericht Mainz verfügt, aber erst Jahre später - rechtswidrig - ausgeführt. Die Ermittlungen ziehen sich über Jahre hin, mehrfach finden Haus- und Praxisdurchsuchungen statt; im Jahr 2000 wird Braunbeck für 50 Tage wegen Verdunkelungs- und Fluchtgefahr in Untersuchungshaft genommen.

Auch die schließlich beginnenden Prozesse gegen die Ärzte schleppen sich dahin, nicht zuletzt, weil Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht jede medizinische Expertise als befangen ablehnen.

Das Verfahren wird 2007 gegen Zahlung einer Geldbuße von 32.500 Euro eingestellt. Braunbecks Prozesskosten betragen über eine Million Euro. Er stirbt am 8. Juni 2007 im Alter von 65 Jahren an einem Herzinfarkt. (HL)

Topics
Schlagworte
30 Jahre Ärzte Zeitung (707)
Krankheiten
Herzinfarkt (3103)
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Auf Frühstück zu verzichten erhöht Diabetes-Gefahr

Wer das Frühststücken auslässt, erhöht damit womöglich das Risiko, an Diabetes zu erkranken. Eine Metaanalyse mit fast 100.000 Teilnehmern zeigt: Die Gefahr wächst mit den Tagen. mehr »

Grünes Licht für die MWBO-Novelle

Weniger Richtzeiten und kompetenzbasiertes Lernen: Der Vorstand der Bundesärztekammer hat die Novelle der (Muster-)Weiterbildungsordnung beschlossen. mehr »

Verdacht auf Kindesmisshandlung? Das sollten Ärzte dann tun

Haben Ärzte den Verdacht, dass ein Kind vernachlässigt, misshandelt oder gar missbraucht wird, sollten sie umgehend tätig werden. Wie sie vorgehen sollten, erläutert Oliver Berthold, Leiter der Kinderschutzambulanz in Berlin. mehr »