Ärzte Zeitung, 11.10.2012

Praxisgründer berichten: Dr. Tigris Seyfarth

Mit dem Fahrrad auf Hausbesuch in Schwabing

Vor 30 Jahren hat sich Dr. Tigris Seyfarth als Hausarzt in München-Schwabing niedergelassen. Er ging es gemütlich an. Denn das Geld zum Leben steuerte seine Ehefrau bei.

Von Jürgen Stoschek

Mit dem Fahrrad auf Hausbesuch in Schwabing

Ein Bild in einem Durchgang zur Praxis von Dr. Tigris Seyfarth weist auf die Historie des Gebäudes hin. Der erste Arzt, der dort praktizierte, ritt noch zu Pferd zum Hausbesuch.

© sto

MÜNCHEN. Der Praxisbesuch bei dem Münchner Hausarzt Dr. Tigris Seyfarth ist verbunden mit einer anderen Sichtweise der Medizin und des Gesundheitssystems.

Nach Ansicht von Seyfarth, der von sich selbst sagt "Ich bin ein Faktotum der 68er-Generation", geht es in unserem Gesundheitssystem nicht um Gesundheit und Krankheit, "sondern um Definitionen, mit denen man Umsatz machen kann".

Seyfarth ist seit dem 1. Oktober 1982 im Münchner Stadtteil Schwabing niedergelassen. Die Praxis liegt zentral in einem altehrwürdigen Haus mit Tradition, dem "Schellingsalon Haus".

Im Durchgang zum Innenhof erinnert eine Zeichnung an der Wand an den ersten Praxisinhaber, Sanitätsrat Dr. Kremps, der von 1898 bis 1952 in den Räumen der zweiten Etage praktizierte und wohnte.

Kremps habe seine Patientenbesuche noch "mit Hilfe seines Pferdes" erledigt, heißt es im Text zur Zeichnung. Sein Nachfolger Dr. Maximilian Bäumler, der 1952 kam, habe damals schon ein Motorrad besessen.

Seyfarth, der seit 30 Jahren als Hausarzt in Schwabing unterwegs ist, fährt meistens mit dem Fahrrad auf Hausbesuch. "Ökologisch gesehen ist das ein Fortschritt", sagt er.

Frau stellte ihn vor die Wahl: Kinder oder Halbtagsjob

Als damals 37-Jähriger sei er als überzeugter Linker von seiner Frau "in die Niederlassung hineingeleitet" worden, erinnert sich Seyfarth.

Zuvor hatte er an verschiedenen Krankenhäusern im Münchner Umland in der Chirurgie und in der Kardiologie gearbeitet. Nach dem dritten Kind habe ihn seine Frau dann jedoch vor die Alternative gestellt, entweder sich zu Hause um die Kinder zu kümmern oder sich in München eine Halbtagsstelle zu suchen.

Zusammen mit einer Kollegin habe er die Praxis 1982 "relativ preiswert" übernommen. "Wir hatten beide gut verdienende Ehepartner und konnten deshalb das Ganze schön langsam anlaufen lassen", erinnert sich Seyfarth.

Die Praxis Tigris Seyfarth

Mit dem Fahrrad auf Hausbesuch in Schwabing

© sto

Der Chef: Dr. Tigris Seyfarth (67) ist seit 1. Oktober 1982 im Münchner Stadtteil Schwabing als Allgemeinarzt niedergelassen.

Das Umfeld: Schwabing hat etwa 66.000 Einwohner, jeder sechste ist älter als 65 Jahre. Etwa 250 Ärzte und Therapeuten, davon 36 Allgemeinärzte kümmern sich um die Versorgung. Durch die Honorarreformen der vergangenen Jahrzehnte habe sich für ihn nichts geändert, sagt Seyfarth. Letztlich sei es immer nur darum gegangen, bestimmte Zahlenkombinationen und Kürzel anzupassen. Mehr sei nicht gewesen.

Aktivitäten: Seyfarth war lange Jahre im Verein Demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdäa) politisch engagiert, Delegierter der Bayerischen Landesärztekammer und des Ärztlichen Kreis- und Bezirksverbandes (ÄKBV) München. 1994 kandidierte er für die PDS zum Bundestag auf Platz 2 der bayerischen Landesliste.

Die Frage des Geldverdienens sei über die vergangenen 30 Jahre immer im Hintergrund geblieben. "Geld ist nie zum Leitzweck geworden", sagt Seyfarth.

In den ersten zehn Jahren ernährte die Praxis zwei Ärzte, ab 1992 waren es dann sogar drei.

Seit 2004 ist Seyfarth mit dem Internisten Dr. Wilhelm Baldauf, der seit vier Jahren nur noch als psychotherapeutisch tätiger Arzt praktiziert, in einer Gemeinschaftspraxis. "Das läuft ganz gut", erklärt Seyfarth.

In all den Jahren habe die Praxis selten mehr als 400 Scheine pro Arzt gehabt. "Eine höhere Scheinzahl war nie das Ziel". Ein EKG-Gerät und das Stethoskop seien für ihn ausreichend.

"Früher wollten die anderen immer ein Ultraschallgerät haben. Ich brauche so etwas nicht. Ich habe in der Chirurgie gearbeitet. Da lernt man Untersuchungsmethoden, die eine Diagnose ermöglichen."

Wirtschaftlichkeitsprüfungen und Regresse habe er nie gehabt. Bei den Verordnungen habe die Praxis meist nur 40 bis 60 Prozent des Durchschnitts erreicht.

Jetzt sei es etwas mehr, weil er einen Patienten habe, der ein Drittel des gesamten Arzneimittelbudgets in Anspruch nehme, berichtet Seyfarth.

45 Minuten Zeit je Patient sind durchaus Usus

Für seine Patienten nehme er sich Zeit, sagt Seyfarth. 45 Minuten seien durchaus üblich. "Jeder kann kommen, wann er will. Wer mich kennt, weiß, dass er Zeit mitbringen muss und etwas zum Lesen. Oder zwischendurch zum Kaffeetrinken gehen kann."

Als Allgemeinarzt decke er das ganze Spektrum der hausärztlichen Tätigkeit ab, erläutert Seyfarth. "Allerdings mit der Einschränkung, dass ich eine Konterkarierung der Medizin mache. Da kommt mein kritischer Geist durch", fügt er hinzu.

Er sei ein Querdenker und versuche den Patienten Erklärungen zu geben, die das Verständnis von Gesundheit und Krankheit in einem anderen Licht erscheinen lassen. Dass er dabei sein Gegenüber gelegentlich auch provoziert, räumt er gerne ein.

Nicht alle kämen wieder.Die einzige Voraussetzung der Medizin sei, dass es keine Erklärung des Menschen gibt, meint Seyfarth. Denn gäbe es eine solche Erklärung, könnte jeder Mensch seine Eigenschaften auf den eigenen Körper anwenden und bräuchte keinen Arzt als Stellvertreter zur Interpretation.

In der Medizin gebe es durch die Einschränkung statistischer Freiräume eine Schematisierung, die dem ganzen Menschen nicht mehr gerecht werde. Der gute Arzt aber solle die Patienten so lassen wie sie sind, meint Seyfarth.

Die Medizin, so Seyfarth, unterstütze die Menschen darin, ihre Befindlichkeit sehr einseitig wahrzunehmen. Zum Beispiel der Mensch, der mit Kopfschmerzen zum Arzt geht. Es gebe aber auch Tage ohne Kopfschmerzen.

Seyfarth: Der Patient wird zum ökonomischen Objekt

An diesen Tagen gehe der Mensch aber nicht zum Arzt. "Das ist die Einseitigkeit, die ich meine", sagt Seyfarth. Deshalb versuche er seinen Patienten immer zusätzlich eine Erklärung zu den Faktoren zu geben, "die sie selbst als variabel wahrnehmen können".

Die Gesundheitsreformen der zurückliegenden Jahrzehnte hätten allesamt nur das Ziel gehabt, die Ausweitung der expansivsten Bereiche in der Medizin zu fördern.

"Auf diese Weise wird der Mensch immer mehr zum ökonomischen Objekt im Gesundheitswesen, mit dem Umsatz gemacht wird." Das sei eine der Erkenntnisse, die er im Laufe der vergangenen 30 Jahre gewonnen habe, erklärt Seyfarth. Daran werde sich auch in Zukunft bestimmt nichts ändern.

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