Ärzte Zeitung, 17.06.2010

Tröööt, Tröööt - Vuvuzela und kein Ende

Die Tröte nervt, sie ist gesundheitsschädlich und dominiert die Berichterstattung über die FIFA-Fußball-WM in Südafrika. Lesen Sie Fakten zur Vuvuzela, einem Musikinstrument, das in extremer Weise polarisiert.

Von Christoph Fuhr

Tröööt, Tröööt - Vuvuzela und kein Ende

Ohrenbetäubender Lärm - WM-Fans mit Vuvuzela.

© PUX / imago

Vuvuzela - was ist das eigentlich?
Es handelt sich um ein Plastik- oder auch Blechblasinstrument, das vor Jahren aus den USA nach Südafrika exportiert worden sein soll. Inzwischen wird heftig darüber diskutiert, ob die Vuvuzela als afrikanisches Kulturgut bezeichnet werden kann. Fakt ist: Das Gerät verursacht bei den Spielen der Fußball-WM einen penetranten Lärm, der die typische Stadionatmosphäre überlagert, und auch bei TV-Übertragungen als extrem negativ wahrgenommen wird. Die Vuvuzela entwickelt sich zum Dauerärgernis.

Wie laut sind Vuvuzelas?
Der Aalener Hörakustik-Professor Eckhard Hoffmann hat mit Ohrenschützern und einer Vuvuzela eine menschengroße Plastik-Puppe beschallt. Im Gehörgang der Puppe kamen bis zu 160 Dezibel an. Schon ab 120 Dezibel kann ein kurzer Ton das Gehör schädigen. Bei dieser Lautstärke könnten nicht einmal mehr Lärm-Stöpsel die Ohren ausreichend schützen, warnt Hoffmann. Aus medizinischer Sicht gehöre die Tröte verboten.

Sind die Krachmacher nur wegen ihrer Lautstärke gefährlich?
"Vuvuzelas können Erkältungskrankheiten und Grippe sehr schnell verbreiten, weil sehr viel Atemluft durch das Instrument geht", sagt die Londoner Wissenschaftlerin Dr. Ruth McNerney. Ihr Institut untersuchte den Ausstoß von Vuvuzelas mit acht Freiwilligen. Das Instrument verbreitet danach Infektionen deutlich stärker als Husten oder Schreien.

Gibt es Hilfsmittel gegen den Vuvuzela-Krach?
Ein Berliner Hobbymusiker gibt vor, das Dauer-Getröte aus dem Fernsehsignal herausfiltern zu können. Per Computer will er den Ton der Plastikhörner verbannen. Inzwischen ist auch ein Schalldämpfer entwickelt worden, dessen Wirkung bei Experten allerdings auf Zweifel stößt.

Was sagen die Medien über die Vuvuzelas?
"Terror-Tröte der Fußball-WM." (Stern)
"Furzgeräusche aus der Hölle." (Tagesspiegel)
"Diese Vuvuzelas sind nur ein Zehntel so nervig wie der Gedanke, dass Deutschland wieder ins Finale kommen wird." (Daily News, Großbritannien).

Wie werden die Vuvuzela-Töne verbal umschrieben?
"Trööööööööt!" (die meisten deutschen Publikationen).
Oder auch alternativ: "Möööööööh!" (n-tv).

Was sagt die FIFA?
"Ich habe immer gesagt, dass Afrika einen anderen Rhythmus und Sound hat", hat FIFA-Chef Joseph Blatter klargestellt. Und weiter: "Es wird keine Verbannung der musikalischen Tradition der Fans in ihrem eigenen Land geben." "Würden Sie", fragt Blatter kritisch, "einen solchen Bann Ihrer Musiktraditionen in Ihrem eigenen Land wollen?"

Was sagen Spieler und Trainer?
Die Vuvuzela wird von vielen Kickern abgelehnt. Argentiniens Superstar Lionel Messi zum Beispiel sieht keine Chance mehr zur Kommunikation auf dem Platz. Und Bundestrainer Joachim Löw führte eine Zeichensprache ein, um sich mit seinen Spielern zu verständigen.

Wie reagiert die Kirche?
Reinhard Gramm, Landesposaunenwart in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover hat eine WM-Fanfare für Vuvuzela und Posaunen geschrieben und erhält mittlerweile Post aus allen Ecken der Bundesrepublik. Nach einer Anfrage hat der 49-jährige Kirchenmusiker spontan die deutsche Nationalhymne mit Vuvuzela-Sound komponiert.

Was sagen Prominente aus Funk und Fernsehen?
Schlagerstar Jürgen Drews ärgert sich sehr und auch Star-Designer Harald Glööckler hält nichts von Vuvuzelas. "Bild" zitiert ihn so: "Bei allem Verständnis für die südafrikanische Kultur finde ich, dass sich ein Gastgeber seinen Gästen anpassen muss. Ich beispielsweise koche und esse gerne nackt, aber nicht wenn Gäste kommen."

Empfinden Afrikaner Vuvuzelas als wohlklingend?
Die FAZ hat diese Frage in einem Interview mit dem Musikpsychologen Professor Reinhard Kopiez gestellt und wollte darüber hinaus wissen, ob "unsere Abneigung denn vielleicht auch ganz einfach einem chauvinistisch angehauchten Eurozentrismus" entspringt? Antwort des Experten: "Nein, das kann ich mir nicht vorstellen, denn die Basisfunktionen des Gehörs sind bei den Menschen doch sehr ähnlich."

Wie lange werden Vuvuzelas noch Schlagzeilen in den Medien machen?
Es ist davon auszugehen, dass die Berichterstattung über die Vuvuzelas spätstens mit dem Schlusspfiff des WM-Endspiels schlagartig beendet sein wird. Fröhliche Urständ könnten die Tröten allenfalls noch einmal in der Vorweihnachtszeit beim Sport-Jahresrückblick in ARD oder ZDF feiern. Aber dann höchstens als 30-Sekunden-Einspieler zum Thema: Was uns bei der FIFA-WM gewaltig auf die Nerven ging".

Na dann: Trööööt, tröööööt - und Geduld, der Spuk wird irgendwann vorbei sein!

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