Ärzte Zeitung online, 11.06.2010

Fußball-WM: Wie erkennt man einen Herzinfarkt - Kardiologe gibt Auskunft

TÜBINGEN. Elfmeterschießen im WM-Halbfinale oder ein umstrittener Pfiff des Schiedsrichters: Da steigt auch bei gesunden Fußballfans der Blutdruck. Kann die Aufregung beim Fußballgucken einen Herzinfarkt auslösen? Woran erkennt man einen drohenden Infarkt und wer ist besonders gefährdet? Was muss man als erstes tun?

Fußball-WM: Wie erkannt man einen Herzinfarkt - Kardiologe gibt Auskunft

Professor Andreas May, Kardiologe und Wissenschaftler auf dem Gebiet der koronaren Herzerkrankung am Tübinger Uniklinikum, gab in einem Interview mit Dr. Ellen Katz von der Universität Tübingen Auskunft.

Wie erkennt der Nicht-Mediziner einen Herzinfarkt?

Professor Andreas May: Die typischen Anzeichen eines Herzinfarktes sind plötzlich auftretendes und anhaltendes Enge- oder Druckgefühl im linken Brustkorb mit Ausstrahlung in die linke Schulter, den linken Arm oder in den Unterkieferbereich. Bei Frauen können die Beschwerden häufig auch atypisch verlaufen.

Was passiert dabei im Körper?

May: Der Infarkt entsteht, wenn sich ein Blutgefäß (Koronargefäß), das den Herzmuskel mit Blut, also Sauerstoff versorgt, verschließt. Diesem Vorgang liegen meist atherosklerotische Gefäßwandverkalkungen zugrunde. Wenn diese Kalkplaques aufbrechen, bilden sich auf ihnen in Sekundenschnelle Blutgerinnsel (Thromben), die das Gefäß komplett verschließen können. Das von diesem Gefäß versorgte Gebiet des Herzmuskels stirbt ab, wenn keine rasche Wiedereröffnung erfolgt.

Sonne, Hitze, Alkohol? Kann das das Herzinfarktrisiko zusätzlich steigern?

May: Sonne, Hitze, und Alkohol im Übermaß können zu Veränderungen im Elektrolythaushalt und zu Kreislaufproblemen führen und dadurch auch einen Herzinfarkt auslösen. Auch emotionaler Stress ist ein Faktor, der als Auslöser zu einem Herzinfarkt beitragen kann.

Interessanterweise kam es zum Beispiel bei der Fußball-WM 2006 in München und Umgebung bei den heiß umkämpften Deutschland-Spielen zu gehäuften Notarzteinsätzen wegen Herzinfarkt.

Was soll man als erstes tun, wenn der Verdacht auf ein Herzproblem besteht?

May: Den Notarzt anrufen und bis zu dessen Eintreffen in Begleitung von Angehörigen oder Bekannten bleiben

Wie soll man den Betroffenen lagern?

May: Aufrecht und bequem sitzend.

Jede Minute zählt, warum ist Eile angebracht?

May: Je schneller das betroffene Gefäß wiedereröffnet ist, umso günstiger sind die Erholungschancen für das Herz.

Was wird in der Klinik als erstes gemacht?

May: Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt werden am Uniklinikum Tübingen sofort in einer speziellen Brustschmerzeinheit (Chest Pain Unit) in der Kardiologie der Medizinischen Klinik (Ärztlicher Direktor Professor Meinrad Gawaz) aufgenommen. Dort wird anhand der Symptomatik, der körperlichen Untersuchung und des EKGs rasch die Diagnose gestellt. Bei einem akuten Herzinfarkt kann zu jeder Tages- und Nachtzeit mit einer Herzkatheterbehandlung das verschlossene Gefäß wiedereröffnet werden.

Gibt es Personengruppen, die besonders gefährdet sind?

May: Ja, dies sind vor allem Patienten mit Diabetes mellitus, Bluthochdruck oder Hypercholesterinämie sowie Raucher, übergewichtige Personen und Personen mit familiärer Belastung.

Was raten Sie Personen mit Herzproblemen? Müssen sich Patienten, die schon einen Infarkt hatten besonders in Acht nehmen?

May: Diese Patienten sollten in regelmäßiger fachärztlicher Betreuung sein und bestimmte Medikamente zur sogenannten Sekundärprophylaxe einnehmen. Darüber hinaus sollten sie versuchen, ihr individuelles Risiko durch eine Änderung ihres Lebensstils und/oder die Einnahme von Medikamenten zu senken. Rein medizinisch betrachtet sollten diese Patienten zur Fußball-WM und auch sonst die Chipstüte ungeöffnet lassen. Aber, ob sie beim etwaigen Elfmeterschießen im WM-Finale Deutschland gegen England zum deutlich weniger aufregenden Rosamunde Pilcher-Film oder Promi-Dinner wechseln, möchte ich allerdings jedem Patienten selbst überlassen.

Gucken Sie selber WM und wer ist Ihr Favorit?

May: Selbstverständlich. Ich hoffe, dass Deutschland eine gute WM spielt, glaube aber, dass im Finale Argentinien oder Spanien das Rennen machen!

Professor Andreas May Universitätsklinikum Tübingen, stellvertretender Ärztlicher Direktor, Medizinische Klinik, Abteilung Innere Medizin III, Kardiologie und Kreislauferkrankungen

Weitere Berichte zur FIFA WM 2010 und Informationen zum WM-Tippspiel finden Sie auf unserer Sonderseite

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