Ärzte Zeitung online, 28.06.2018

Frühes WM-Aus

Nationalelf künftig ohne Löw?

Aus und vorbei mit der WM für Deutschland. Der angezählte Jogi Löw hinterlässt viele Fragen: Gibt es für ihn noch eine Zukunft beim DFB? Zunächst einmal soll eine Generalanalyse folgen.

Jogis Jungs vor einer Zukunft ohne Jogi?

Das frühe WM-Aus und seine Folgen: Auch Bundestrainer Joachim Löw steht in der Kritik.

© Frank Hoermann / Sven Simon / dpa

Weg, einfach nur weg aus Russland und der vom ersten Tag an bei Joachim Löw und seinen abgestürzten Stars so ungeliebten "Sportschule" in Watutiniki.

Fast fluchtartig verließen die historischen deutschen Verlierer nach dem größten anzunehmenden WM-Unfall das Stammquartier vor den Toren Moskaus im offiziellen Teambus, auf dem das entlarvende Motto prangte: "Zusammen. Geschichte schreiben." Zusammen lief bei dieser Weltmeisterschaft gar nichts.

Debatte über Löw-Rücktritt

Die Mehrheit der Deutschen ist nach dem frühen Scheitern der deutschen Fußball-Nationalmannschaft für einen Rücktritt von Bundestrainer Joachim Löw.

Eine repräsentative Umfrage des Instituts Civey im Auftrag des Nachrichtenportals t-online.de brachte am Donnerstag ein eindeutiges Ergebnis.

55 Prozent der Befragten sprachen sich für einen Löw-Rücktritt aus, 33 Prozent waren dagegen, 12 Prozent wollten sich nicht entscheiden.

Und die Geschichtsschreibung sollte die erste erfolgreiche deutsche Titelverteidigung sein. Das ambitionierte Projekt endete mit dem ersten Vorrunden-Aus, für das der Bundestrainer nach dem 0:2 gegen Südkorea die "Verantwortung" übernahm. Und mehr? Gibt Löw auf?

Es gibt keinen Schnellschuss

Die zentrale Frage lautet, ob der Weltmeistercoach von 2014 es sich noch zutraut und auch der Richtige sein könnte, um nach dem Totalschaden des deutschen Fußballs den Neuaufbau mit den hungrigen Confed-Cup-Siegern anzugehen.

Vor dem Start der DFB-Sondermaschine nach Frankfurt sagte Präsident Reinhard Grindel der dpa: "Ich habe gestern Abend auf dem Rückflug mit Jogi Löw gesprochen. Wir sind so verblieben, dass wir in den nächsten Tagen besprechen, wie es weitergeht." Einen Schnellschuss gibt es nicht.

Ein "geschockter" Löw hatte sich noch in Kasan nach seiner größten Niederlage als Trainer Bedenkzeit erbeten, wie stets nach Turnieren. Diese endeten bislang frühestens nach dem Halbfinale. "Wie es jetzt weitergeht - da muss man mal in Ruhe darüber reden. Für mich ist das jetzt noch ein bisschen zu früh", sagte der 58-Jährige. Er müsse sich erstmal "sammeln".

Löw wird sich auch selbst hinterfragen - erstmal könnte nur er allein sich entlassen. "Wir sollten ihm Zeit lassen", sagte Teammanager Oliver Bierhoff, der tippte: "Ich gehe davon aus, dass er im September die Sache angeht."

Der DFB hätte keinen sofortigen Plan B zu Löw. Eine populäre Alternative wie Jürgen Klopp müsste beim FC Liverpool losgeeist werden, Thomas Tuchel fängt in diesen Tagen seinen neuen Top-Job bei Paris Saint-Germain an.

Bierhoff will "alles hinterfragen". Trainer- und Betreuerstab, Spieler, aber auch er selbst als Überbau des Gesamtgefüges zusammen mit dem langjährigen Wegbegleiter Löw gehört hinterfragt.

Die Ausrichtung des Nationalteams, PR-Strategien ("Best never rest"), die Quartierwahl, das öffentliche Auftreten und der fragwürdige Umgang mit der Özil-Gündogan-Erdogan-Affäre verlangen nach einer kritischen Aufarbeitung.

Grindel hatte den Vertrag mit Löw erst vor dem Turnier bis zur nächsten WM 2022 verlängert, weil die DFB-Spitze in ihm den "geeignetsten Kandidaten" für den Umbruch von der goldenen Weltmeister-Generation zur "tollen jungen Truppe" des erfolgreichen Confed Cups 2017 gesehen habe. Das Debakel in Russland erzwingt allerdings eine Überprüfung der Ansicht.

Große Verdienste trotz Niederlage

Löws Fallhöhe nach dem WM-Sieg 2014 war besonders hoch. Aber auch seine Verdienste um die Nationalmannschaft sind enorm.

In Russland sind die in nur zehn Tagen mit zwei Niederlagen und einem glücklichen Last-Minute-Sieg gegen Schweden erschüttert worden.

"Fakt ist, dass wir bei der WM kein richtig überzeugendes Spiel hatten", sagte der junge Joshua Kimmich. "Erbärmlich" nannte Kapitän Manuel Neuer das gesamte Turnier-Auftreten des Teams, das keine Einheit war. "In keinem der drei Spiele hat man gesehen, dass da wirklich eine deutsche Mannschaft auf dem Platz war, vor der man Angst hat, vor der man Respekt hat."

Vieles ist schief gelaufen in Russland, aber auch schon vorher. Und dafür trägt der entrückte Löw, dessen Eigeninszenierung wie bei Fotos auf der Strandpromenade von Sotschi im Nachhinein verstörend wirken, die Hauptverantwortung.

"Der Mannschaft hat die Leichtigkeit, die spielerische Qualität, die Dynamik gefehlt", analysierte er. Aber das galt schon längere Zeit.

Löw ignorierte die Signale. Er fuhr personell einen Schlingerkurs, auch noch im Turnier. 19 von 20 Feldspielern setzte er ein, eine Elf fand er nicht.

Er sprach von "Selbstherrlichkeit", meinte aber damit nicht in erster Linie sich: "Wir waren überzeugt, es geht schon gut, wenn das Turnier losgeht." Ein Irrtum, der dann am Ende in den völlig unerwarteten Untergang führte. (dpa)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Zeit der Besserwisser

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