Ärzte Zeitung online, 02.08.2011

Fukushima: Radioaktivität steigt und steigt

Erschreckende Strahlungswerte im japanischen Unglücksmeiler Fukushima: Dort ist eine so hohe radioaktive Strahlung gemessen worden wie nie zuvor seit dem Tsunami. Auch das Grundnahrungsmittel Reis könnte tonnenweise verseucht sein.

Fukushima: Radioaktivität steigt und steigt

Das havarierte AKW Fukushima Eins: Die letzte Messung der Dosisleistung hat einen neuen Rekord aufgestellt.

© Japanes DoD / JMSDF / dpa

TOKIO (dpa). Am havarierten japanischen Atomkraftwerk Fukushima Eins hat der Betreiber Tepco die höchste Radioaktivität seit dem verheerenden Erdbeben im vergangenen März gemessen.

Mehr als zehn Sievert pro Stunde (Sv/h) betrug die Dosisleistung am Boden eines Außenrohrs zwischen den Reaktoren 1 und 2, wie ein Unternehmenssprecher am Montag sagte. Aus der Atomruine war nach dem Megabeben und dem Tsunami am 11. März immer wieder radioaktives Material in die Umwelt gelangt.

Die natürliche Hintergrundstrahlung in Deutschland - verursacht etwa durch radioaktive Substanzen im Boden wie Radon - beträgt im Schnitt 2,4 Millisievert im Jahr und gilt als unbedenklich.

Bei einer Dosis von 1000 Millisievert (1 Sievert) steigt das Risiko, an Krebs zu erkranken, um zehn Prozent. Bei einigen Menschen löst bereits eine Bestrahlung mit 100 Millisievert körperliche Folgen wie Übelkeit und Erbrechen aus.

Ab einer Dosis von fünf Sievert kommt es zur Strahlenkrankheit, zunächst mit mukosalen und gastrointestinalen Symptomen. Ab 10 Sievert tritt die akute Form auf mit einer Zerstörung des Nervengewebes.

Lebensmitteln sollen untersucht werden

Angesichts der Atomkatastrophe hatte die japanische Regierung die zugelassene jährliche Höchstgrenze für Arbeiter in einem Kernkraftwerk von 100 auf 250 Millisievert angehoben.

14 Kommunalregierungen werden geernteten Reis, Japans traditionelles Grundnahrungsmittel, auf eine mögliche Kontamination mit radioaktivem Cäsium testen, wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo berichtete.

Das Landwirtschaftsministerium rief die Präfekturen im Norden und Osten Japans dazu auf, den angebauten Reis kurz vor und nach der Ernte zu untersuchen.

Wenn Reis gefunden wird, dessen Cäsium-Aktivität den Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm übersteigt, könnte das Ministerium die Verschiffung verbieten, meldete Kyodo unter Berufung auf Ministeriumssprecher.

In der Einheit Becquerel (Bq) wird die Stärke der Radioaktivität angegeben wird. Gemessen wird der Zerfall von Atomen pro Sekunde.

Bekannte Fälle von kontaminierter Ware

Die Behörden entdeckten bereits zu hohe Strahlungswerte in Rindfleisch, Gemüse, Meeresfrüchte, Milch und Teeblättern.

Am Montag ordnete die Regierung in Tokio für die Präfektur Iwate an, den Transport von Schlachtrindern zu stoppen, nachdem einige Tiere mit radioaktivem Material kontaminiert worden waren.

Eine Cäsiumbelastung über dem offiziellen Grenzwert wurde im Fleisch von sechs Kühen nachgewiesen. Die Tiere waren mit Heu gefüttert worden, das zu Beginn der Atomkatastrophe im Freien lag. Aus Iwate werden jährlich rund 36.000 Stück Vieh geliefert.

Tokio hatte bereits den Präfekturen Miyagi und Fukushima den Rindertransport untersagt. Die Behörden erwägen zudem ein ähnliches Verbot für die Region Tochigi, nachdem Cäsium in Rindfleisch aus der Region entdeckt worden war.

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[06.09.2011, 02:05:03]
Johann Gruber 
Gigantische Strahlendimensionen nicht deutlich gemacht
Ich ärgere mich immer wieder, wenn wie im Bericht „Fukushima: Radioaktivität steigt und steigt“ in der Ärzte-Zeitung“ vom 2.8.2011, den aktuellen Strahlenwerten in der Maßeinheit „Sievert/Stunde“ unkommentiert Informationen über Grenzwerte in „Millisievert/Jahr“ gegenüber gestellt werden. Den strahlenkundig nicht so bewanderten Lesern, wird dadurch die Dimension der atomaren Katastrophe nicht vor Augen geführt, und diese damit letztlich verharmlost.

Warum wird nur berichtet „Die natürliche Hintergrundstrahlung in Deutschland - verursacht etwa durch radioaktive Substanzen im Boden wie Radon - beträgt im Schnitt 2,4 Millisievert im Jahr und gilt als unbedenklich.“ und nicht erwähnt, dass in Deutschland neben der natürlichen Strahlung von 0,0024 Sv/Jahr als Grenzwert nur ein Millisievert im Jahr (0,001 Sv/Jahr) als unbedenkliche Dosisleistung festgelegt ist?

Wo bleibt die Information über das gigantische Ausmaß der atomaren Verseuchung in Fukushima? Wenn man nämlich die nun gemessenen mehr als zehn Sievert pro Stunde (10 Sv/h) x24 x365 auf ein Jahr hochrechnet, erhält man unvorstellbare 87.600 Sievert/Jahr. Und wenn man dann diesen 87.600 Sv/Jahr den deutschen Grenzwert (neben der natürlichen Strahlung) von 1 Millisievert im Jahr (= 0,001 Sv/Jahr) gegenüberstellt, erhält man als erschreckendes Ergebnis eine 87,6-milliardenfache Überschreitung dieses Grenzwertes zum Schutz der Bevölkerung.

Wo bleibt eigentlich die UNO, wenn es um die Gefährdung der Weltgesundheit durch Fukushima geht? Wo bleibt die EU, welche die ach so schrecklichen Glühbirnen verbietet und durch energiesparende, aber dafür giftige Stromsparleuchten ersetzen lässt, aber von der nichts zu lesen ist, dass sie umgehend die sofortige Einhausung des Fukushima-Areals fordert und -wenn es der Sache dient- auch finanziell fördert, um weitere Einleitungen höllisch atomar verseuchten Kühlwassers in das Weltmeer zu verhindern. zum Beitrag »
[02.08.2011, 14:37:30]
Dr. Joachim Malinowski 
Kontaminierte Lebensmittel schon oder bald bei uns?
Ich kann nicht verstehen, dass es trotz all unseres Wissens über AKW-Unglücke dazu kommt, dass verstrahlte Lebensmittel überhaupt noch in den Handel gelangen. Wird da denn nicht routinemäßig gemessen und aussortiert?

Oder wird nur gemessen, um dann mit unverstrahlten gleichen Lebensmitteln unter die sog. "Bedenklichkeitsgrenze" zu verdünnen?

Muss sich denn der ganze Wahnsinn immer wieder erneut wiederholen?

Die Verantwortlichen auf allen Ebenen der Lebensmittelproduktion und -Verteilung müssen endlich zur Rechenschaft herangezogen werden und mit empfindlichen Schadensersatzansprüchen belegt werden.

 zum Beitrag »

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