Ärzte Zeitung, 12.02.2010

Anorexia athletica: Raubbau am Sportlerkörper

Wenn Skispringer Martin Schmitt am Samstag auf der Olympia-Schanze steht, muss er hoffen, dass sein Körper den Belastungen standhält.

Von Pete Smith

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Zog sich für vier Wochen zurück, weil er saft- und kraftlos war: Skispringer Martin Schmitt ist voll motiviert und will in Vancouver wieder angreifen. © dpa

Abgemagert, erschöpft, kraftlos: Skispringer Martin Schmitt gestand vier Wochen vor Eröffnung der Olympischen Winterspiele von Vancouver ein, dass er mit seinem Körper seit Jahren Raubbau treibt und dringend Erholung benötige. Das Drama um den einstigen Überflieger wirft ein Schlaglicht auf einen in der Skispringerszene und anderen Sportarten verbreiteten Magerwahn, der vor allem junge Athleten erfasst und manchen Sportler Jahre oder gar Jahrzehnte lang beherrscht: der so genannten Anorexia athletica.

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Zog sich für vier Wochen zurück, weil er saft- und kraftlos war: Skispringer Martin Schmitt ist voll motiviert und will in Vancouver wieder angreifen. © dpa

Alle Welt wunderte sich, dass Schmitt als Vize-Weltmeister von 2009 bei der Vierschanzentournee 2010 hinterher flog und auf einem für ihn enttäuschenden 21. Rang landete. Danach zog er sich für vier Wochen aus dem Sportbetrieb zurück. In Vancouver will er wieder voll angreifen.

"Dass ich jetzt nicht voll leistungsfähig bin, liegt auch daran, dass ich mich seit Jahren in einem Grenzbereich bei meinem Gewicht bewege", gab der 31-Jährige als Erklärung an. Er fügte hinzu, "dass man eine Gratwanderung machen muss, wenn man keinen Nachteil beim Springen haben will." Während der Vierschanzentournee habe er enorme Schlafprobleme gehabt und sich von oft 1300 Kilokalorien am Tag ernährt.

Bei 1,82 Meter Größe wog Schmitt zu dieser Zeit ganze 63 Kilogramm. Mit diesem Wettkampfgewicht erzielt er die längsten Weiten. Aber: "Um mich wohl zu fühlen, müsste ich vier Kilo mehr wiegen, so wie im Sommer. Das wäre ein Gewicht, bei dem ich auch gut trainieren kann, ohne mich jedes Mal gleich schlapp zu fühlen", sagte Schmitt. Im Wettkampf verliere er bei zwei bis drei Kilo Mehrgewicht fünf bis sechs Meter an Weite. "Das kann kein Skispringer dieser Welt aufholen", lautete sein Fazit.

Schlankheit als Kriterium für die künstlerische Note

Ein Risiko für Anorexia athletica besteht vor allem in Disziplinen, in denen ein niedriges Gewicht von Vorteil ist, sei es, weil die Schiedsrichter Schlankheit als wichtiges Kriterium für die künstlerische Benotung erachten oder weil man als Leichtgewicht schneller, weiter oder höher durch den Wettkampf kommt als seine Konkurrenten. Daher gibt es nicht nur im Skispringen, sondern auch im Eiskunstlaufen, Turnen und in der Rhythmischen Sportgymnastik, beim Langlauf, Rudern, Judo und Gewichtheben Anzeichen oder Ausprägungen von Magersucht.

Anorexia athletica zählt zwar nicht zu den klinischen Essstörungen, aber manch ein Sportler gleitet irgendwann in eine Anorexia nervosa oder eine Bulimie ab. Dass ihr Verhalten krankhafte Züge zeigt, sehen viele Athleten - wenn überhaupt - erst (zu) spät ein. Sport gilt prinzipiell als gesund, und der Erfolg gibt jenen, die sich zu Höchstleistungen hungern, ja scheinbar recht. "Man wundert sich, was der Körper alles aushält und wie leistungsfähig manche Betroffene sind, selbst wenn sie nur noch 30 Kilo wiegen", staunt Professor Burkhard Weisser, Sportmediziner aus Kiel.

Doch wegen des extremen Trainings und der mangelhaften Ernährung kommt es dauerhaft zu einem Leistungsabfall, manche Athleten entwickeln regelrecht Angst vor einer Gewichtszunahme, andere bekommen Magen- und Darmbeschwerden. Persönlichkeitsmerkmale wie mangelndes Selbstbewusstsein, Perfektionismus und eine starke Leistungsorientierung erhöhen das Risiko, eine Essstörung zu entwickeln.

In Deutschland erkranken jährlich etwa 75 000 Menschen an Magersucht. Anorexia nervosa ist unter allen Essstörungen die gefährlichste. An ihr sterben zehn bis 15 Prozent der Betroffenen, wie Professor Manfred Fichter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen, erläutert.

Sportler nehmen bei "Gewaltdiäten" viel ab

Skispringer stehen ob ihrer Crashdiäten immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Vor Jahren musste sich Martin Schmitts einstiger Teamkollege Sven Hannawald Spekulationen um seine angebliche Magersucht gefallen lassen. Er selbst wies den Verdacht von sich und sprach von einer "Gewaltdiät". Der finnische Ex-Weltmeister Janne Ahonen befeuerte die Diskussion durch seine Autobiografie "Königsadler", in der er davon berichtete, wie er mit einer 200-Kalorien-Diät innerhalb von drei Wochen sieben Kilogramm abnahm. Der Ski-Weltverband zog 2004 die Konsequenz aus der anhaltenden Diskussion und verfügte, dass Athleten unterhalb eines BMI von 18,5 ihre Skilänge verkürzen müssen, um den Wettbewerbsvorteil durch das geringe Körpergewicht auszugleichen.

Seither hat sich in der Szene jedoch kaum etwas verändert. Daher plädieren Schmitt und Hannawald inzwischen unisono für eine Anhebung des BMI. Sven Hannawald: "Damit wäre vielen Springern geholfen, die wochenlang Hungergefühle haben. Die jetzigen Regeln bieten zu viele Schlupflöcher. Mit kürzeren Ski springen die dünneren Springer trotzdem weiter." Er selbst hat seit seinem Ausscheiden aus dem Springzirkus 15 Kilogramm zugenommen.

Olympische Spiele mit der "Ärzte Zeitung"

An diesem Wochenende starten im kanadischen Vancouver die Olympischen Winterspiele 2010. Rund 500 000 Besucher werden erwartet. Für eine Rekordbeteiligung sorgen die 2700 Sportler, die in 86 Disziplinen antreten werden. Das IOC will rund 2000 Doping-Kontrollen machen. Das deutsche Team besteht aus 153 Sportlern, die an den Erfolg von Turin vor vier Jahren anknüpfen wollen. Damals erkämpften sie sich 29 Medaillen.

Die "Ärzte Zeitung" wird täglich über die Athleten und deren Versorgung berichten. Ein aktueller Medaillenspiegel garantiert, dass Sie den Überblick behalten. (dpa/bee)

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