Ärzte Zeitung online, 16.02.2010

Abschied von totem Rodler - "Siegen oder sterben"

VANCOUVER (dpa). Bewegender Abschied von Nodar Kumaritaschwili: Bei einer privaten Trauerfeier in Vancouver waren Teamkollegen und Offizielle dem tödlich verunglückten georgischen Rennrodler noch einmal ganz nah. Nach der kurzen Zeremonie in einem Bestattungsinstitut der Olympia-Stadt sollte der Sarg mit dem Leichnam noch am Montagnachmittag über Frankfurt/Main und München in sein Heimatland geflogen werden.

"Das war extrem schwierig und herzzerreißend", sagte John Furlong, Chef des Olympia-Organisationskomitees VANOC, auf einer Pressekonferenz. Draußen hätten viele Menschen mit Blumen und Kerzen gestanden. Der Sarg wurde mit einer Motorrad-Eskorte zu der Trauerfeier gebracht. Das georgische Olympia-Team hatte darum gebeten, dass der Abschied von dem Toten in Kanada im kleinen Kreis von Freunden und Kameraden vollzogen wird.

Zuvor hatte der Vater des am Freitag unter tragischen Umständen verunglückten Sportlers aus einem der letzten Gespräche mit seinem Sohn berichtet. "Er sagte mir, ich werde entweder siegen oder sterben" verriet David Kumaritaschwili in Georgien der US-Nachrichtenagentur Associated Press. "Das war eher jugendlicher Übermut", schränkte er ein. "Er kann das mit dem Tod nicht ernst gemeint haben."

Offensichtlich hatte sein Sohn bereits vor seinem Unfall starke Bedenken, auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke in Whistler zu starten. "Er sagte mir, Papa, ich habe wirklich Angst vor der Kurve", erinnerte sich David Kumaritaschwili an die Worte des Athleten, der nur 21 Jahre alt wurde. Als ehemaliger Rennrodler habe er seinem Sohn gesagt: "Sei am Start einfach ein bisschen langsamer." Nodar habe ihm aber entgegnet: "Papa, was sagst Du mir da? Ich bin nach Olympia gekommen, um zu versuchen zu gewinnen."

Nodar Kumaritaschwili war am Freitag mit schätzungsweise 145 Stundenkilometern während des Trainings gestürzt und aus der Bahn geschleudert worden. Er überlebte den verheerenden Unfall nicht. "Ich kann noch immer nicht ganz realisieren, dass er tot ist", sagte Vater David. Der 46-Jährige will sich die Bilder des Unfalls nie ansehen. An mangelnder Erfahrung kann es nicht gelegen haben, denn Nodar trainiere seit seinem 14. Lebensjahr. "Er ist auf Strecken in Frankreich, Österreich und Kanada gefahren." Jeder könne einen Fehler machen und sich ein Bein brechen. "Aber sterben?"

Untersuchungsergebnis Mitte April

Mit einem Untersuchungsergebnis zum Unfalltod des Rodlers ist erst in etwa zwei Monaten zu rechnen. Dies erfuhr die Deutsche Presse-Agentur dpa am Montag (Ortszeit) von den zuständigen Gerichtsmedizinern der kanadischen Provinz British Columbia. "Die Gerichtsmedizin ist nicht dazu da, Fehler zu finden, sondern Empfehlungen zu geben, die die öffentliche Sicherheit erhöhen und Todesfälle in ähnlichen Situationen verhindern helfen", sagte Sprecherin Kate Trotter vom Regionalbüro des Coroners Service (Gerichtsmedizin).

Nach dem Unfall von Kumaritaschwili am vergangenen Freitag wurde die Eisbahn gesperrt, die zuständigen kanadischen Behörden leiteten eine Untersuchung ein. Bereits am Tag nach dem Todessturz wurde in der Eisrinne im Whistler Sliding Centre wieder trainiert; am Samstag begannen die Männer ihren Einsitzer-Wettbewerb. "Die Entscheidung, die Bahn wieder zu öffnen, war eine Einzelfallentscheidung", erklärte Trotter.

Die zuständigen Polizeibeamten hätten sich korrekt an die Vorschriften gehalten, versicherte Corporal Dan Moskaluk von der Royal Canadian Mountain Police (RCMP). "Meine Behörde hat den Unglücksort abgesperrt, Zeugen befragt und dafür gesorgt, dass der Verunglückte in die Klinik gebracht wird", sagte Moskaluk. "Erst nach dem Tod des Sportlers wurde die Gerichtsmedizin eingeschaltet."

Hintergrund: Schwere Unfälle in der Eisbahn

Der tödliche Unfall des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili zeigt erneut die Gefahr in der Eisrinne. Ob Rodeln, Skeleton oder Bobsport, schwere Unfälle sind keine Seltenheit. Der erste Todesfall im Eiskanal ereignete sich im Jahr 1911, als ein Anschieber Namens Oberüberl nach einem Sturz im Fünfer-Bob seinen Verletzungen erlag. 1933 verunglückten in Oberhof die Brüder Rudolf und Karl Gerloff aus Leipzig mit ihrem Vierer-Bob. Auf den teilweise unzureichend ausgebauten Natureisbahnen gab es bis 1960/1961 allein 25 tödliche Unfälle.

Danach wurden die ersten Kunsteisbahnen immer besser ausgebaut. Zudem wurden die Sportgeräte optimiert. Doch selbst auf nicht so anspruchsvollen Pisten passierten aufgrund von Fahrfehlern weiterhin schwere Unfälle. Am 12. März 2004 in Königssee, als Yvonne Cernota bei der Bobpilotenschule vor der berüchtigten "Echowand" die Kontrolle über ihren Zweierschlitten verlor und - ähnlich wie Kumaritaschwili - aus der Bahn katapultiert wurde. Cernota, damals Bremserin von Vancouver-Starterin Cathleen Martini, prallte gegen die Bahnüberdachung und starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

Kurz vor den Winterspielen im norwegischen Lillehammer wurde der damalige Rodel-Bundestrainer Sepp Lenz 1993 beim Schneefegen in der Eisrinne von Winterberg von einem Schlitten erfasst. Lenz verlor einen Unterschenkel. Bei der Olympia-Generalprobe der Rodler im Februar 2005 in Cesana erlitt der Brasilianer Renato Mizoguchi bei einem Trainingsunfall schwere Verletzungen, musste reanimiert werden und lag zehn Tage im Koma. Ein halbes Jahr später wurde Bob-Cheftrainer Raimund Bethge auf derselben Bahn - in Kurve zehn stehend - während des Trainings von einem australischen Zweierbob erfasst und an beiden Beinen schwer verletzt.

Mitte Dezember 2009 stürzte der Leipziger Bob-Nachwuchspilot Robert Göthner auf der anspruchsvollen Bahn in Altenberg. Der 26-Jährige zog sich dabei schwere Verletzungen im Halswirbelbereich zu und lag mehrere Wochen im Koma. Er kämpft sich derzeit zurück ins Leben.

Weitere Berichte zu den olympischen Winterspielen in Kanada und den aktuellen Medaillenspiegel finden Sie auf unserer Sonderseite Olympia 2010

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