Ärzte Zeitung online, 22.04.2011

Deutschland, 1986: Die ersten Tage nach der Katastrophe

Tschernobyl Ende April 1986: In der Kleinstadt nördlich von Kiew ist Block 4 des gleichnamigen Kernkraftwerks explodiert. Strahlung tritt aus, Liquidatoren versuchen, den Reaktor zuzuschütten. 1300 Kilometer westlich, in der Bundesrepublik und der DDR, sind die ersten Auswirkungen spürbar. Es wächst die Angst vor der Strahlung.

Von Thorsten Schaff

Deutschland 1986: Die ersten Tage nach der Katastrophe

Spielen im Sand ist tabu: In der Bundesrepublik werden Spielplätze geschlossen, nachdem die radioaktive Wolke über Deutschland gezogen ist.

© Jürgen Ritter / imago

NEU-ISENBURG. In den Tagen nach dem verheerenden Reaktorunglück in Tschernobyl wächst in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR die Angst vor einer radioaktiven Verseuchung. Der Grund ist die Wolke mit Cäsium-197, Iod-131 und Strontium-90, die nach Europa zieht.

Die Bevölkerung ist in Alarmbereitschaft. Niemand weiß sorecht, welche Gefahren und Folgen eine solche Katastrophe für die Menschen und die Umwelt hat. Die Verunsicherung ist groß.

Die Messstationen in der Bundesrepublik arbeiten auf Hochtouren - und geben zunächst Entwarnung. Im Gegensatz zu den Messungen in den skandinavischen Ländern Schweden und Dänemark lässt sich hierzulande keine erhöhte Radioaktivität in der Luft nachweisen.

Da die Sowjetunion zunächst nicht offenlegt, welches Ausmaß der Unfall hat, können die Folgen nur schwer abgeschätzt werden.

Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) gibt am 30. April ein Fernsehinterview, in dem er sagt: "Eine Gefährdung für die deutsche Bevölkerung ist absolut auszuschließen. Eine Gefährdung besteht nur in einem Umkreis von 30 bis 50 Kilometern um den Reaktor. Wir sind 2000 Kilometer weit weg".

Winde drehen und bringen Wolke nach Deutschland

Doch schon einen Tag später ändert sich alles: Die Winde drehen und die radioaktive Wolke zieht über die Bundesrepublik und die DDR hinweg. Die bundesdeutschen Behörden schätzen die Gefahren unterschiedlich ein, das Spektrum reicht von "unbedenklich" bis zu "Katastrophengrenze".

Weil es in Süddeutschland an den folgenden Tagen stark regnet, kommt es vor allem in Baden-Württemberg und Bayern zum radioaktiven Niederschlag. Dieser Fallout verseucht den Boden, die Strahlenwerte in den Wiesen, Feldern, Waldgebieten und Gewässern steigen.

Süden stärker verstrahlt als Norden

Im Bayerischen Wald und südlich der Donau werden nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz lokal bis zu 100.000 Becquerel Cäsium-137 pro Quadratmeter gemessen. In der norddeutschen Tiefebene sind es hingegen selten mehr als 4000 Becquerel pro Quadratmeter.

Daraufhin wird den Eltern in Süddeutschland geraten, die Kinder nicht auf Wiesen oder in Sandkästen spielen zu lassen. Bauern sollten keine Freilanderzeugnisse verkaufen.

Die Menschen sind geschockt. Plötzlich ist es gesundheitsgefährdend, wenn man Obst, Gemüse oder Pilze isst oder mit seinen Kindern den Spielplatz besucht. Manche Bürger reagieren mit Hamsterkäufen, vor allem Dosennahrung und Milchpulver sind begehrt.

Grenzwerte für Nahrungsmittel

Die Bundesregierung beschließt erste Maßnahmen und gibt Empfehlungen für Grenzwerte in Nahrungsmittel ab, die von der Strahlenschutzkommission ausgearbeitet wurden: Frischmilch kann getrunken werden, wenn der Wert von Jod-131 nicht über 500 Becquerel pro Liter (Bq/l) liegt. Bei Obst wird der Wert 230 Bq/kg festgelegt, bei Blattgemüse wie Spinat 250 Bq/kg.

Zudem wird der Import von Produkten aus den osteuropäischen Ländern beschränkt. Auch Tonnen von verstrahltem Gemüse werden aus dem Verkehr gezogen.

Da die Radioaktivität in den Lebensmitteln fortan zurückgeht, geben die bundesdeutschen Behörden am 16. Mai weitgehend Entwarnung für Spinat, Salat, Schnittlauch und Milch. Die empfohlenen Grenzwerte sinken bei Milch auf 250 Bq/l und in Obst und Gemüse auf 175 Bq/l und schließlich am 26. Mai dann auf 120 Bq/l bzw. 90 Bq/l.

In der DDR werden Folgen heruntergespielt

Diese Entwicklung lässt Bundesinnenminister Zimmermann zuversichtlich in die Zukunft blicken. Im Rahmen einer Pressekonferenz sagt er: "Die Lage bei uns ist unter Kontrolle, weil wir über die Daten über unsere Messstellen verfügen und sachverständige Wissenschaftler haben, die daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Nach den vorliegenden Erkenntnissen bestand und besteht keine Gefahr für uns."

In der DDR wird das wahre Ausmaß der Katastrophe vertuscht und die Folgen werden heruntergespielt. Die Bürger werden am 30. April lediglich darüber informiert, dass eine gewisse Menge radioaktiver Stoffe in Tschernobyl entwichen sei. Gefahren bestünden für sie keine.

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