Ärzte Zeitung online, 24.04.2011

Fukushima ist kein "Tschernobyl 2"

MOSKAU (dpa). Direkt nach den ersten Explosionen im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Eins machte das Schlagwort "Tschernobyl 2" die Runde. Doch wirklich vergleichbar sind beide Katastrophen nicht, sagen Experten.

Fukushima ist kein Tschernobyl 2

Da schlägt der Geigerzähler aus: Die Katastrophen von Fukushima und Tschernobyl sind ähnlich schwerwiegend und wurden beide in der höchsten Gefahrenstufe 7 der INES-Skala eingestuft.

© dpa

Zwar sind die beiden Unglücksfälle in der INES-Skala mit der höchsten Gefahrestufe 7 versehen, doch es gibt große Unterschiede zwischen den Vorfällen und Auswirkungen der Katastrophen von Fukushima im März 2011 und von Tschernobyl im August 1986.

Explosion: Beim Super-GAU von Tschernobyl explodierte der Unglücksreaktor 4, während er lief. Ein gewaltiger Feuerball schleuderte radioaktiv verseuchte Partikel kilometerweit in die Atmosphäre.

Hingegen war das Atomkraftwerk Fukushima Eins zum Zeitpunkt der Explosionen bereits abgeschaltet. Das geschieht bei schweren Erdstößen wie am 11. März in Japan automatisch und soll die Gefahr von Störfällen reduzieren.

In Fukushima sind in gleich drei Reaktorblöcken Kern und Brennstäbe schwer beschädigt. Damals in Tschernobyl gab es keinen inneren Sicherheitsbehälter (das sogenannte Containment) rund um die Brennkammer.

Reaktionen: Die Sowjetführung schickte Hunderttausende Freiwillige - sogenannte Liquidatoren - in die Unglückszone, damit sie bei den Aufräumarbeiten helfen. Der havarierte Reaktor erhielt schon bald einen ersten "Sarkophag", einen Mantel aus Beton.

In Fukushima ist lediglich eine kleine Truppe von Arbeitern am Werk. Fieberhaft kämpfen sie gegen immer wiederkehrende Lecks und Probleme mit der Kühlung und pumpen radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer.

Maßnahmen: Nach dem Unfall in Tschernobyl schwieg die Sowjetführung tagelang. Erst nachdem in Skandinavien auffällige Werte gemessen worden waren, räumte Moskau den Super-GAU ein.

Allerdings hatten auch die Verantwortlichen der Katastrophe falsche Informationen übermittelt. So hieß es stundenlang, der explodierte Reaktor sei intakt geblieben - dabei waren die verstrahlten Trümmer nicht zu übersehen.

Die Anwohner etwa im nahegelegenen Pripjat - heute eine Geisterstadt - wurden erst nach Tagen in Sicherheit gebracht. Die Sowjetführung habe aber bei aller Kritik durchaus auch rasch gehandelt, sagen Experten von Greenpeace. So sei schon bald ein 30 Kilometer großer Evakuierungsradius angeordnet worden.

Im Fall von Fukushima streiten Experten hingegen darüber, wie groß die Sperrzone sein soll. Die Regierung in Tokio ordnete Evakuierungen an, zunächst im 20-Kilometer-Radius, später wurde der Umkreis auf 30 Kilometer ausgeweitet.

Folgen: Die Explosion in Tschernobyl schleuderte radioaktive Partikel weit in die Höhe - der Wind verbreitete sie dann über tausende Kilometer. Experten seien sich einig, dass das in Fukushima nicht passieren werde, sagt Mathias Edler von Greenpeace der Nachrichtenagentur dpa. "Das hängt damit zusammen, dass es in Tschernobyl ein graphitmoderierter Reaktor war."

Mit diesem Material statt wie sonst mit Wasser sollten schnelle Neutronen verlangsamt und die Kettenreaktion erhalten werden. "Graphit ist eine Art Kohle, es ist zu tagelangen Bränden gekommen", erklärt Edler.

Ausblick: "Im schlimmsten Szenario würde eine Schadstoffwolke von Fukushima in eine Höhe von maximal 500 Meter steigen", sagt der oberste Wissenschaftsberater der britischen Regierung, Professor John Beddington. "Daher ginge die Radioaktivität recht nahe am Reaktor herunter."

Die Folgen wären dennoch katastrophal. Das größte langfristige Problem in Japan ist derzeit die radioaktive Verseuchung des Pazifik.

In der Ukraine und Weißrussland sind auch 25 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl weite Landstriche schwer verseucht - und werden es auf lange Zeit sein. Radioaktive Stoffe wie Plutonium halten sich mehrere tausend Jahre.

Problematisch ist nach Ansicht von Experten vor allem die extrem hohe Bevölkerungsdichte in Japan.

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