Ärzte Zeitung online, 25.04.2011

Nach Tschernobyl: Ostseefisch auch 2011 noch belastet

Ein Vierteljahrhundert nach Tschernobyl lassen sich die Folgen noch immer in Form von radioaktiver Belastung nachweisen - etwa in Lebensmitteln. Hamburger Forscher haben jetzt gezeigt: Ostseefisch hat es in sich, er ist zehnmal stärker belastet als Fisch aus der Nordsee.

Nach Tschernobyl: Ostseefisch auch 2011 noch belastet

Hering aus der Ostsee: Auch ein Vierteljahrhundert nach Tschernobyl ist der noch stärker belastet als Fisch aus der Nordsee.

© dpa

HAMBURG (nös). Auch 25 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl ist Fisch aus der Ostsee noch immer stärker belastet als Fisch aus der Nordsee. Insgesamt sei die Belastung in der Ostsee um den Faktor 10 höher, berichten Forscher des Hamburger Johann Heinrich von Thünen-Instituts (Forschungsreport 2011; 1: 31).

Exemplarisch haben Dr. Ulrich Rieth und Günter Kanisch vom Institut für Fischereiökologie die Belastung mit Cäsium-137 aus verschiedenen Gebieten verglichen. Dazu bildeten sie Mittelwerte aus den Gesamtfisch-Messdaten der Jahre 2004 bis 2009.

Der Unterschied war signifikant: Während alle Proben aus der Nordsee mit weniger als 1 Becquerel je Kilogramm Feuchtmasse (Bq/kg FM) belastet waren, wiesen die Proben aus der Nordsee im Mittel mindestens 3 Bq/kg FM Radioaktivität auf.

Im Finnischen Meerbusen lagen die gemittelten Werte in vielen Fällen sogar über 5 Bq/kg FM. Bei Fischfilets (Dorsch, Wittling, Scholle und Flunder) wurden in der östlichen Ostsee Mittelwerte von über 10 Bq/kg FM ermittelt.

Rieth und Kanisch folgern: "Dies ist immer noch eine Folge des Tschernobyl-Unfalls, bei dem der Ostseeraum besonders stark vom radioaktiven Fallout betroffen wurde."

Doch auch in der Nordsee gibt es Unterschiede. Die Hamburger Forscher machen das am Beispiel für Sprotten und Heringe fest. Bei ihnen habe es deutliche regionale Unterschiede gegeben, schreiben sie.

So seien die Bestände in der zentralen und nördlichen Nordsee etwas stärker belastet als etwa in der Deutschen Bucht. Als Grund nennen Rieth und Kanisch die Wiederaufarbeitungsanlagen im britischen Sellafield und im französischen La Haque.

Zudem ströme Ostseewasser mit Cäsium-137 in die Nordsee. Über Zweige des Golfstroms werde es schließlich weiter nach Norden abtransportiert.

Insgesamt hat die Kontamination seit der Tschernobyl-Katastrophe aber abgenommen. In den Auswertungen der Hamburger Experten zeigt sich zunächst ein deutlicher Anstieg der radioaktiven Belastung mit Cäsium-137 nach 1986.

Kurz danach sinkt die Kontamination allerdings rapide ab. Die Forscher sprechen von einer effektiven Halbwertszeit von zwei Jahren. Seit Mitte der 1990er Jahre verlangsamt sich die Abnahme allerdings.

Zwei Erklärungen führen Rieth und Kanisch dafür an: Eine Möglichkeit sei die Remobilisierung des Cäsiums aus dem Sediment.

Doch immer mehr rücke auch eine zweite Erklärung in den Fokus: Der Eintrag radioaktiven Cäsiums aus den Böden im Einzugsgebiet der Ostsee. Eine norwegische Studie habe diese Theorie jüngst am Beispiel von kontaminierter Milch aus skandinavischen Ländern belegt.

Doch trotz der Funde: Die gemessenen Werte liegen weit unter den EU-Grenzwerten für Lebensmittel. Demnach gilt für Lebensmittel ein Grenzwert von 1250 Bq/kg für Nuklide, deren Halbwertszeit über 10 Tagen liegt, darunter auch Cäsium-137.

Ausnahmen bilden Säuglingsnahrung, Milch, Milchprodukte, Wasser und flüssige Nachrichtungsmittel -für sie gelten noch geringere Grenzwerte.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Hüpfen und Einbeinstand halten fit

Hüpfen, Treppensteigen oder auf einem Bein Zähneputzen: Mit bewussten, einfachen Übungen können alte Menschen ihre Beweglichkeit erhöhen und die Sturzgefahr senken. mehr »

Das sind die Gewinner des Galenus-von-Pergamon-Preises 2017

Mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis, der auch international große Anerkennung findet, wurden erneut Exzellenz in der pharmakologischen Grundlagenforschung und die Entwicklung innovativer Arzneimittel gekürt. mehr »

Demenz oder Depressionen?

Benennen ältere Patienten von sich aus kognitive Defizite, sollten Ärzte hellhörig werden: Häufig liegt dann keine Demenz, sondern eine Depression vor. mehr »