Ärzte Zeitung, 08.09.2018

Taiwan

Hightech im Verbund mit Tradition

Traditionelle Chinesische Medizin und Schulmedizin müssen sich nicht ausschließen, so das Credo am Chang Gung Memorial Hospital in Taiwan. Die Ärzte sind in beiden Welten trittfest. Ein Besuch vor den Toren Taipehs.

Von Matthias Wallenfels

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Geschäftiges Treiben am Zentraleingang des Chang Gung Memorial Hospital (CGMH) in Taoyuan.

© Matthias Wallenfels

TAOYUAN. Krebs, Allergien, gastrointestinale Erkrankungen, aber auch Migräne oder andere Schmerzen – für Dr. JiunLiang Chen ist die Bandbreite an Behandlungsoptionen mit Methoden und Verfahren der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) groß.

Entsprechend vielfältig sind die Behandlungsangebote für Patienten in der Abteilung für Chinesische Medizin am Chang Gung Memorial Hospital (CGMH) am knapp eine Autostunde von Taipeh entfernten Klinikstandort Taoyuan, als dessen Direktor Chen fungiert.

TCM ist in Taiwan sehr beliebt, Schätzungen zufolge nimmt jährlich etwa ein Drittel der Bevölkerung entsprechende Behandlungsangebote wahr.

Sie wird als Präventivmedizin verstanden – und als Brücke zur westlichen Schulmedizin. In Taiwan wird die Kombination beider Ansätze als Trend der künftigen medizinischen Versorgung gesehen.

Innovative Medizintechnik

Chang Gung Memorial Hospital

Das 1976 gegründete Chang Gung Memorial Hospital (CGMH) gilt als die größte private Klinikkette Taiwans. Laut CGMH verfügen die Häuser über 10.050 Betten. Stationär werden jährlich rund 2,4 Millionen Patienten behandelt, ambulant etwa 8,2 Millionen.

Der Standort Taoyuan nahe Taipeh ist mit 4000 Betten und 29 spezialisierten Zentren der größte der Gruppe – und ist von der unabhängigen amerikanischen Joint Commission International (JCI) zertifiziert. (maw)

Informationen im Internet unter www.chang-gung.com/en

TCM spielt auch eine große Rolle für die einheimischen Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnik. So gibt es zur Unterstützung von TCM-Behandlungen innovatives Medizintechnik-Equipment wie Instrumente zur Puls- und Zungendiagnostik oder auch zur Elektroakupunktur.

Ob elektrische oder manuelle Akupunktur, Moxibustion, Kräuterbäder, -tees oder -medizin, aber auch onkologische TCM-Angebote – Direktor Chen legt Wert darauf, dass die vor allem in der westlichen Ärztewelt teils nicht immer ganz ernstgenommenen Behandlungsstrategien inzwischen zum Großteil auch evidenzbasiert sind.

Gern verweist er auch darauf, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die TCM mit verschiedenen Indikationen in Verbindung bringe – allein 43 seien es für die Akupunktur.

TCM-Expertise im Rahmen der Facharztausbildung

Hightech im Verbund mit Tradition

Dr. JiunLiang Chen demonstriert Redakteur Matthias Wallenfels von der "Ärzte Zeitung" eine Anamnese nach TCM-Art.

© CGMH

Das CGMH ist im deutschen Sinne ein Maximalversorger und die größte private Klinikgruppe Taiwans, die sich auch stark in der universitären Forschung engagiert.

"Wir versuchen, wo möglich und sinnvoll, unsere TCM-Angebote mit der westlichen Schulmedizin zu kombinieren, um für jeden Patienten das individuell Beste herauszuholen", verdeutlicht Chen im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" die Maxime, die er mit seiner Abteilung verfolgt.

Entsprechend setzt er auch auf medizinische Fachkräfte, die in beiden Welten trittfest sind. Die TCM-Expertise kann in Taiwan im Rahmen der Facharztausbildung erworben werden.

Forschung ist für Chen ebenfalls ein zentrales Anliegen. So forscht sein Team zum Beispiel in der internistischen und pädiatrischen chinesischen Medizin am Modell einer integrierten Behandlung – dem Zusammenspiel von westlicher Medizin und TCM – für onkologische, immunologische und renale Erkrankungen sowie chronische Urtikaria.

In den Bereichen Akupunktur und Moxibustion sowie Orthopädie und Traumatologie forscht Chen unter anderem bei stationären Patienten mit einem künstlichen Kniegelenk zum Vergleich der Behandlung nach chinesischer Medizin und der westlich orientierten Rehabilitation.

Spitzenreiter allergische Rhinitis

Um seinen ambulanten wie stationären Patienten die vielfältigen Einsatzfelder der TCM zu vermitteln, setzt Chen auf visuelle Informationen mit Schaubildern und entsprechenden Erläuterungen. Eine goldene Menschenstatue zeigt zudem die Meridiane, die für die Akupunktur von zentraler Bedeutung sind.

Wie eine Auswertung der in der Abteilung für Chinesische Medizin jährlich im Schnitt annähernd 28.000 ambulanten Patienten ergeben hat, ist die allergische Rhinitis das am häufigsten behandelte Krankheitsbild, gefolgt von der chronischen Tendinitis, der chronischen Dermatitis, Menstruationsbeschwerden, psychogenen Erkrankungen und Schlafstörungen.

Dahinter rangieren die zerebrale Hämorrhagie, die zerebrale Embolie, die Konstipation sowie Psoriasis.

Im Gegensatz zu Deutschland, wo TCM-Therapiemethoden nur in Ausnahmefällen von den Kassen übernommen werden, deckt die nationale Krankenversicherung (National Health Insurance/NHI) in Taiwan viele TCM-Angebote ab.

Die Patienten kommen bei einigen TCM-Behandlungen aber nicht um Zuzahlungen oder gar das Begleichen der gesamten Rechnung aus der eigenen Tasche herum.

Generell gilt die 1995 eingeführte NHI als gutes Beispiel für das von den Vereinten Nationen und der WHO propagierte Modell der Universal Health Coverage (UHC), worunter der Zugang für alle Menschen in einem Land zu qualitätsgesicherten Dienstleistungen im Gesundheitswesen mittels einer universellen Gesundheitsabsicherung verstanden wird.

Fast alle 23,5 Millionen Einwohner Taiwans sind in die NHI eingeschrieben, die Prämien sind verhältnismäßig niedrig.

Healthcare Center mit Hotelfeeling

Trotz des großen Leistungsumfangs bei freier Arztwahl und kurzen Wartezeiten beliefen sich die Gesundheitsausgaben in Taiwan 2016 auf 6,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes – in Deutschland waren es 11,3 Prozent.

Unter dem Dach des Gesundheitsministeriums organisiert der Staat dabei das Vertragsmanagement mit den Leistungserbringern sowie deren Honorierung über die NHI.

Das heißt für Anbieter wie das Chang Gung Memorial Hospital, die auf modernste Medizintechnik und sehr gut ausgebildete Ärzte sowie Pflegekräfte setzen, dass sie bei der Finanzierung ihrer Investitionen in das technische Equipment wie auch in das Personal neben der NHI auf verlässliche Einnahmequellen bauen müssen.

Das CGMH zum Beispiel setzt auf umfassende, HighTech-basierte Gesundheitsangebote für einheimische Selbstzahler, in denen sich die Ärzte für ihre Patienten auch mehr Zeit nehmen können als im NHI-Versorgungsalltag, der meist nur Zeit für kurze Gespräche lässt.

Breite Zustimmung zu E-Health in der Bevölkerung

Hightech im Verbund mit Tradition

Dr. Yu-Sheng Lin demonstriert das Krankenhausinformationssystem des CGMH.

© Matthias Wallenfels

Als Anlaufstelle hat das CGMH dafür das in Hotelatmosphäre gehaltene Healthcare Center eingerichtet. Hier können Patienten zwischen den verschiedensten ein- bis zweitägigen Untersuchungsangeboten auswählen, wie dessen Direktor Dr. Yu-Sheng Lin auf Nachfrage erläutert.

Die Bandbreite reicht dabei von einem eintägigen, allgemeinen systemischen Check-up mit Standard-Endoskopuntersuchung, der für Männer mit 15.000 Neuen Taiwan Dollar (NTD, umgerechnet rund 420 Euro) und für Frauen mit 17.000 NTD (475 Euro) zu Buche schlägt, bis zum zweitägigen allgemeinen systemischen Check-up plus schmerzloser Endoskopuntersuchung und PET/CT-Scan, der für Männer 61.500 NTD (1720 Euro) und für Frauen 62.500 NTD (1750 Euro) kostet.

Über die Inanspruchnahme solcher Leistungen lassen sich die modernsten Medizintechniklösungen gut amortisieren. Ein besonderer Service für die Patienten mit elektiven Eingriffen ist, wie Lin hervorhebt, die komplette elektronische Dokumentation der Behandlung inklusive bildgebender Verfahren auf Basis des Krankenhausinformationssystems, bei dem jeder behandelnde Arzt sowie die persönlichen Betreuer, die das CGMH jedem Patienten des Healthcare Center zur Seite stellt, immer alle Untersuchungsergebnisse im Blick haben.

Generell erfährt E-Health – anders als noch in Deutschland – in Taiwans Bevölkerung eine breite Zustimmung.

Hohe Nachfrage nach Ästhetik-Op

Ein weiteres bedeutendes Standbein des CGMH am Standort Taoyuan ist das Aesthetic Medical Center. Wie dessen Direktor Dr. Yen-Chang Hsiao im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" verdeutlicht, handelt es sich bei 90 Prozent der Patienten um Selbstzahler und damit um elektive Eingriffe – rund zehn Prozent der Patienten würden nach einem Trauma ästhetisch-plastisch versorgt, wobei zum Teil die NHI die Kosten trage oder sich zumindest beteilige.

Wie die ästhetisch-plastische Chirurgin Dr. Cheng-I Yen ergänzt, seien Lidstraffungen und Brustvergrößerungen sowie vor allem bei jungen Frauen rhinoplastische Eingriffe sehr nachgefragt.

Sie bestätigt für Taiwan einen Trend, den hierzulande die Vereinigung Deutscher Ästhetisch-Plastischer Chirurgen (VDÄPC) im Zusammenhang mit dem Billig-Medizintourismus nach Osteuropa bereits seit längerem beklagt.

So zeigte eine Umfrage unter VDÄPC-Mitgliedern, dass 70 Prozent der Ärzte bereits Patienten nach einem ästhetisch-plastischen Eingriff im Ausland revidiert haben.

Stetig wachsender Zustrom von Medizintouristen

Laut Yen komme es immer wieder vor, dass sie und ihre Kollegen bei Patienten nach einer vermeintlich günstigen Schönheits-Op im südostasiatischen Raum Revisions-Eingriffe vornehmen müssen, um technische Mängel auszubügeln.

Qualität zu vergleichsweise niedrigen Kosten und ein komfortabler Service – das ist das Pfund, mit dem das CGMH auch aktiv um Medizintouristen werben will. Organisatorisch liegt dies beim International Medical Center, wie dessen Direktorin Hsien-Wei Chen erklärt.

Im Fokus stünden dabei neben Patienten aus Festlandchina auch solche aus den arabischen Ländern. Entsprechende Vermittlungsagenturen seien eingeschaltet.

Das International Medical Center bestehe bereits seit 2007 und erfreue sich eines stetig wachsenden Zustroms an Medizintouristen, so Direktorin Chen.

Ein Pluspunkt: Der CGMH-Standort Taoyuan befindet sich in kurzer Distanz zum internationalen Flughafen Taoyuan.

Allianz für Medizintouristen

Dem Medizintourismus in Taiwan traut die halbstaatliche Handelsförderungsorganisation TAITRA (Taiwan External Trade Development Council) noch viel Potenzial zu. Daher forcierte sie im März den Zusammenschluss von sieben Klinikgruppen zur "Taiwan Medical Specialty Alliance".

Bei den sieben Partnern handelt es sich um das Universal Eye Center, die Dianthus Medical Group, das Taipei Beitou Health Management Hospital, die Purple Sun Clinic, die TDI Dental Clinic, die Doctors‘ Doctor Clinic sowie die Yuanli Clinic.

Im Juni diente die Fachmesse "Medicare Taiwan – Taiwan International Medical & Healthcare Exhibition" im Taipei World Trade Center, zu der TAITRA eine Handvoll Fachjournalisten – für Europa die "Ärzte Zeitung" – eingeladen hatte, der Allianz als Infoplattform für ihr Angebotsspektrum.

Sie will mit Unterstützung durch TAITRA vermehrt Medizintouristen nach Taiwan holen – und so einen zusätzlichen Impuls für die einheimische Gesundheitswirtschaft geben. 2017 verzeichnete Taiwan laut Gesundheitsministerium bereits 305.600 Medizintouristen.

Wie Dr. Ching-Piao Tsai, Arzt und Superintendent des Allianzmitglieds Taipei Beitou Health Management Hospital, im Juni bei der "Medicare Taiwan" im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" erläuterte, genießt die hohe Qualität der medizinischen Versorgung in Taiwan speziell in Südostasien bereits einen exzellenten Ruf.

Seine 20-Betten-Klinik in einem Luxushotel in Taipeh verzeichne seit Gründung vor vier Jahren bereits 10.000 Patienten jährlich, so Tsai. Ein Check-up mit Endo- und Koloskopie koste rund 3000 US-Dollar und dauere insgesamt sechs Stunden. Die Untersuchungsergebnisse erhielten die Patienten taggleich, wie er ergänzt.

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