Ärzte Zeitung online, 15.09.2009

Studie entkräftet These vom "Krieg der Kulturen"

BERLIN/GÜTERSLOH (dpa). Die düstere Prognose vom heraufziehenden "Krieg der Kulturen" rund um den Globus hat sich nach Einschätzung von Konfliktforschern bislang nicht bewahrheitet. Die Zahl der kulturell geprägten Konflikte in der Welt sei in den vergangenen 25 Jahren zwar sprunghaft gestiegen. Gegensätzliche Werte oder kulturelle Zersplitterung in Sprache und Religion oder unterschiedliche historische Erfahrungen seien aber nicht die Hauptursache von Konflikten.

Das ist das Ergebnis einer am Dienstag in Berlin vorgestellten Studie der Bertelsmann-Stiftung (Gütersloh) und des Instituts für Politische Wissenschaften der Universität Heidelberg ("Kultur und Konflikt in globaler Perspektive").

Der US-Politologe Samuel Huntington (1927-2008) hatte Anfang der 90er Jahre vor einem Zusammenprall der Kulturen gewarnt. Im Mittelpunkt würden dabei Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen stehen.

Für die Studie werteten die Professoren Aurel Croissant und Uwe Wagschal die Heidelberger Universitätsdatenbank CONIS aus, die weltweit Konflikte seit 1945 erfasst. Demnach übersteigt die Zahl der Kulturkonflikte seit Mitte der 80er Jahre die Summe der nichtkulturellen Konflikte. "Seit dem Ende des Kalten Krieges und der Sowjetunion haben vor allem religiöse und ethnisch-historisch begründete Konflikte auf innerstaatlicher Ebene wie etwa im ehemaligen Jugoslawien, im südlichen Kaukasus oder auf Sri Lanka erheblich zugenommen." Diese kulturellen Konflikte seien besonders gewaltsam und würden auf denn höchsten Intensitätsstufen ausgetragen.

Vier von fünf kulturellen Konflikten seien aber ausschließlich innerstaatliche Phänomene, hieß es. "Den von vielen prognostizierten "Zusammenprall der Kulturen" wie der des Westens mit dem Islam können wir auf internationaler Ebene zunächst einmal nicht erkennen", sagte Malte Boecker, Senior Expert der Bertelsmann Stiftung.

Als wichtigste Ursachen dieser Konflikte benennt die Studie ein hohes Maß an sprachlicher und religiöser Zersplitterung eines Landes. Weitere Faktoren seien unterschiedliche historische Erfahrungen und Entwicklungen verschiedener Bevölkerungsgruppen. Aber auch ein sehr hoher Anteil männlicher Jugendlicher zwischen 15 und 24 Jahren erhöhe die Wahrscheinlichkeit von Konflikten, ebenso wie Unterentwicklung, geringes Wirtschaftswachstum oder mangelnde Demokratisierung. Ein Automatismus zwischen diesen Faktoren und Konflikten ergebe sich aber aus diesen Faktoren nicht.

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