Ärzte Zeitung, 22.06.2012

"Wenn es eng wird, grabe ich ein Zimmer"

Hitze und Straßenlärm dringen nicht in die Höhlenwohnungen, Anbauen ist leicht. Das lockt viele Spanier zum Leben in Felswänden. Der Höhlenbau boomt.

Von Ulrich Willenberg

"Wenn es eng wird, grabe ich ein Zimmer"

Von vorne wirken Höhlenwohnungen wie normale Häuser.

© Willenberg

Wenn Paco von seiner Höhlenwohnung erzählt, gerät er ins Schwärmen. "Ich habe hier jeden Luxus: Elektrizität, fließendes Wasser, Internet und Mikrowelle", erzählt er stolz.

Hunderte von Touristen aus aller Welt führt er täglich gegen ein kleines Eintrittsgeld durch sein Reich im spanischen Ort Purullena.

Paco ist einer von 10.000 Menschen, die in der Provinz Granada in Höhlen leben. Allein in Purullena sind es 1100. Und es werden immer mehr.

Früher wohnten nur die Armen "unter Tage", weil sie sich kein Steinhaus leisten konnten. Doch diese Zeiten sind vorbei.Inzwischen gilt es gar als chic, eine Höhle zu besitzen.

Pacos Familie lebt seit sieben Generationen in Höhlen. Drei Stockwerke hat sein Heim. Im Parterre wohnt er mit seiner Frau Marie Angeles, in den beiden oberen Etagen hat er ein Museum eingerichtet, das einen Eindruck vom arbeitsreichen und kargen Leben seiner Vorfahren vermittelt.

Zu sehen sind viele landwirtschaftliche Geräte, ein Spinnrad und die Schlachtbank. Über dem rosaroten Bett hängt ein bonbonfarbenes Heiligenbild. Auch der Nachttopf fehlt nicht.

Keine Klimaanlage, keine Heizung

Früher wohnten in Purinella fast alle Menschen in Höhlen. Viele zusammen mit ihren Tieren. Heute bleibt Pacos Esel vor der Tür und dient als Touristenattraktion, was das schlecht gelaunte Tier sichtlich nervt.

Erst in den 60er Jahren zogen viele Bewohner in Steinhäuser um, die in den heißen Sommern durch Klimaanlagen gekühlt werden. Auf die kann Paco verzichten, denn die weiß gekalkte Tonerde gibt bei Hitze Feuchtigkeit ab und sorgt so für angenehme Kühle.

Eine Heizung braucht er ebenso wenig. "Die Temperatur bleibt das ganze Jahr konstant bei etwa 20 Grad", erzählt er.

Auch schlafe man besser als in einem normalen Haus. Das hätten Forscher der Uni Granada bewiesen. Durch die dicken Wände dringen weder Straßenlärm noch Elektrosmog. Daher muss Paco auf Handyempfang daheim verzichten. Dafür sei man auch vor Radioaktivität sicher, glaubt der junge Mann.

Seine fensterlose Wohnung schützt auch vor den Blicken neugieriger Nachbarn. "Keiner kann reinschauen", freut er sich.

Er aber auch nicht hinaus. Es sei denn, Paco steigt in den dritten Stock. Von der Terrasse bietet sich ein schöner Blick über den Ort unddie zerfurchte Landschaft mit ihren eigentümlichen Cañons.

Ein weiterer Vorteil: Eine Höhle wächst mit dem Platzbedarf seiner Bewohner. "Wenn es eng wird, grabe ich einfach ein weiteres Zimmer", sagt der frisch verheiratete Paco. Wenn er nicht gerade Touristen durch sein Museum führt, buddelt er das künftige Kinderzimmer in das weiche Sedimentgestein.

Ein Informatiker in der Höhle

Auch der Abraum dient einem guten Zweck. "Er wird als Heilmittel für Menschen mit schmerzenden Gelenken oder Gefäßkrankheiten verwendet", berichtet Paco. Vor allem im benachbarten Ort Graena fallen viele Tonnen dieser Heilerde an.

Hier ist in den letzten Jahren eine unterirdische Neubausiedlung entstanden, die sich immer weiter in die Landschaft frisst. In dem Ort leben inzwischen die meisten Bewohner wieder in Höhlen, darunter auch ein deutscher Informatiker.

Von einer Anhöhe bietet sich ein bizarrer Anblick: Hunderte von Fernsehantennen und Kamine ragen aus Erdhügeln, die aussehen als hätte sie ein Riesenmaulwurf aufgeworfen.

Von vorne betrachtet wirken die meisten der neuen Höhlenwohnungen wie normale Einfamilienhäuser, da an der Frontseite eine Fassade aus Stein hochgezogen wird. Metallzäune umfrieden spießige Vorgärtchen, die zuweilen mit Kitsch vollgestellt sind. Auch so mancher Gartenzwerg ist darunter.

Inzwischen erheben Naturschützer Einwände gegen die unterirdische Bauwut, weil sie eine Zerstörung des Landschaftsbildes befürchten. In der historischen Stadt Guadix, in der etwa ein Viertel der 20.000 Bewohner in 1380 Höhlen leben, gibt es bereits Beschränkungen.

Nicht alle halten sich daran. "Manche bauen schwarz", weiß Paco.Von dem Boom profitiert der Unternehmer Juan Herrera, der sich mit seinen 21 Mitarbeiternauf den Bau unterirdischer Wohnungen spezialisiert hat.

Besser Akustik

Zusammen mit elf Brüdern ist er in einer Höhle ohne Strom und Wasser aufgewachsen. Fast alle leben heute noch unter Tage, auch Juan. Seine Frau, die früher in einem Steinhaus wohnte, fühlt sich dort am wohlsten.

"Es gibt nichts Besseres als in einer Höhle zu entspannen", berichtet sie. Sie kann bis in die Nacht laute Musik hören, ohne die Nachbarn zu stören. Außerdem sei die Akustik in den gewölbten Räumen viel besser.

Gelernt hat Juan sein Handwerk nicht. "Das liegt mir im Blut", meint er lachend. Einhundert Höhlen hat seine Firma inzwischen fertiggestellt, im Schnitt fünf pro Monat. Bis zu 16 Wochen brauchen Juans Arbeiter, bis der neue Besitzer einziehen kann.

Früher mussten die Räume mit Schaufeln gegraben werden, heute erleichtern Maschinen die Arbeit. Eine Höhle ist nicht nur billiger als ein gewöhnliches Haus, sie ist auch viel haltbarer.

"Im Dorf Cortes sind einige von ihnen 800 Jahre alt", erzählt Juan. In Graena sind manche so stabil, dass sogar Autos darüber fahren.

Juans größtes Projekt: eine 325-Quadratmeter-Villa über mehrere Stockwerke verteilt, Bar, Weinkeller und vier Garagen inklusive. Preis: nur 140 000 Euro. "In Granada hätte der Mann dafür nur ein kleines Apartment bekommen", sagt Juan.

Auch für Touristen entstehen immer mehr Luxushöhlenhotels. Auch im Dörfchen Lopera, wo Gäste im eigenen Pool plantschen können. Der ist aber oberirdisch und bietet einen unschönen Blick auf die nahe Autobahn.

Große Pläne hat ein belgischer Geschäftsmann in dem Dorf Cortes. Er will 100 Apartments für Urlauber in einen Berg graben lassen, berichtet Juan.

www.tourspain.es

Höhlenhotels: www.cuevaspedroantonio.es, www.complejolatala.com

Höhlenmuseum: www.cuevainmaculada.com

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